Vielseitigkeit gewinnt

Orthopädie-Serie: Jeder kann etwas für die Gesunderhaltung seines Bewegungsapparats tun -Trainingsmethoden im Check

Von unserer Redakteurin Renate Dilchert

Vielseitigkeit gewinnt

Gymnastik oder Gerätetraining − das ist letztlich eine Frage der persönlichen Neigung. Effektiv ist beides. Fotos: contrastwerkstatt/stock.adobe.com/Monika Sandel

 

Na, nachdenklich geworden? Seit fünf Monaten beleuchtet unsere Redaktion das Thema Orthopädie von allen Seiten. Gesundheitliche Beschwerden - egal ob es im Rücken zwickt oder die Knie schmerzen - haben ursächlich fast immer etwas gemein: Bewegungsmangel, kombiniert mit Muskelabbau und Fehlbelastungen. Zeit also, den inneren Schweinehund vom Sofa zu scheuchen und etwas zu tun. Nur, was? Kieser, FPZ, EMS? Oder doch besser Pilates?

Hauptsache Spaß

Wichtigstes Auswahlkriterium: "Sport soll Spaß machen - so wird die Motivation langfristig hochgehalten", sagt Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Gruppenangebote helfen dabei, weil sie die soziale Interaktion fördern. Und auch die Beziehung zum Kursleiter oder Trainer muss stimmen. Am besten verschafft man sich bei einem Probetraining einen persönlichen Eindruck.

Auf die Qualifikation der Betreuer kommt es an

Und was könnte dem Schweinehund Spaß machen? Was darf man überhaupt, angesichts seiner Vorerkrankungen und des schlaffen Allgemeinzustands? "Im Prinzip", sagt Froböse, "darf jeder alles machen, solange er auf seine eigenen Grenzen achtet." Die Sporttauglichkeit kann vom Haus- oder Facharzt bescheinigt werden. Wer orthopädisch vorbelastet ist, sollte vor allem auf die Qualifikation der Betreuer schauen, rät der Experte: "Sobald es um konkrete Verletzungen oder Erkrankungen sowie die Dos und Don"ts geht, sind viele Trainer überfordert."

Zeugnisse und Zertifikate

Seriöse Anbieter könne man an entsprechenden Zeugnissen oder Zertifikaten erkennen: "Ist der Kurs von den Krankenkassen anerkannt, dann erfüllt er einheitliche und entsprechend hohe Standards." Auch Gesunden, die Beschwerden vorbeugen wollen, empfiehlt Froböse, nach der Ausbildung der Betreuer zu fragen: "Eine Fitnesstrainer-B-Lizenz sollte das Minimum sein. Besser sind sport- oder physiotherapeutische Grundausbildungen."

Kieser und FPZ

Ärztliche Begleitung ist ein Markenzeichen von Kieser-Training. "Wir bringen die Muskulatur in Ordnung und schaffen die Grundlage für Sport und Alltag", betont der Heilbronner Studioleiter Stefan Biegner. Angeboten wird gesundheitsorientiertes Krafttraining, "nicht das gesamte Fitnesspaket". An die Geräte geht es auch beim FPZ-Training. Dabei begibt man sich vollständig in die Hände des FPZ-Rückenschmerztherapeuten und muss bereit sein, "bis an die Grenzen zu gehen", sagt Sibylle Nies, Gesellschafterin bei Physio & Kraftpotential in Heilbronn. Gymnastische Übungen fördern zusätzlich die Beweglichkeit. Darüber hinaus rät Nies, das Ausdauertraining nicht zu vernachlässigen.

MTT

Bei der Medizinischen Trainingstherapie (MTT) gibt es das komplette Programm. "Wir verfolgen ein ganzheitliches Konzept, das alle motorischen Fähigkeiten berücksichtigt: Kraft, Koordination, Ausdauer, Gleichgewicht, Beweglichkeit und Schnelligkeit", erklärt Sporttherapeutin Andrée Reinhardt von der TSG Heilbronn.

Rückengymnastik

Wer sich mit dem Gedanken, an Maschinen zu trainieren, nicht anfreunden kann, und darüber hinaus das Gruppenerlebnis schätzt, für den könnte die gute alte Rückengymnastik das richtige sein. "Quälen muss sich niemand", sagt Annegret Gurr, Reha-Trainerin Orthopädie im Sportpark der TG Böckingen. "Man sollte sich wohlfühlen, aber auch seinen Körper spüren."

Galileo und EMS

Neu auf dem Markt der Möglichkeiten sind zum Beispiel Galileo (Stimulation durch Vibrationsplatten) und EMS (Elektromyostimulation) - "als Alternative zum normalen Training durchaus sinnvoll", urteilt Ingo Froböse. Weil bei falscher Anwendung auch Strukturen im Körper geschädigt werden könnten, sollte das Training "unbedingt unter kompetenter Aufsicht geschehen".

Langsam einsteigen

Viele Krankenkassen veranstalten selbst eine ganze Reihe von allgemein gesundheitsfördernden Kursen oder bezuschussen die Teilnahme an zertifizierten Angeboten. Ob Yoga, Pilates oder Qigong: Diese Übungen sind laut Froböse gut für den Rücken und fördern Kraft und Beweglichkeit, ein gutes Körpergefühl sowie Entspannung. "Neueinsteiger sollten sich langsam an die neuen Sportarten gewöhnen. Oft werden sensible Bereiche wie die Wirbelsäule, die Schultern und die Knie gefordert - gut ausgebildete Lehrer sind deshalb unbedingt notwendig, um eine gute Bewegungsausführung zu gewährleisten." Froböse bringt auch Aerobic ins Spiel - das trainiere zusätzlich die Ausdauer und sei mit hohem Spaßfaktor verbunden.

Vielseitiges Sportprogramm

Damit sind diese Körperübungen für den Sportprofessor eine echte Alternative zu FPZ, Kieser und Co.: "Vielseitigkeit gewinnt", betont Froböse. "Je vielseitiger das Sportprogramm gestaltet wird, desto größer der Benefit. Kraft, Koordination, Ausdauer und Beweglichkeit gilt es gleichermaßen zu trainieren, um langfristig gesund und beschwerdefrei zu bleiben."