Schmerz oft ohne Ursache

Bad Rappenau  Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung haben mindestens einmal im Leben Probleme mit dem Rücken - Auftakt zur neuen Orthopädie-Serie

Von Renate Dilchert

Schmerz oft ohne Ursache

Es ist ein Kreuz mit dem Kreuz: Die meisten Menschen, die im Jahr 2015 eine Arztpraxis in Deutschland aufgesucht haben - nämlich mehr als 22 Millionen -, kamen wegen Krankheiten der Wirbelsäule und des Rückens, vermeldet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). "Rückenschmerzen sind eine der häufigsten Gesundheitsstörungen überhaupt", heißt es denn auch im Gesundheitsbericht des Bundes von 2012. Und fast jeder hat dieses Kreuz zu tragen - 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung sind mindestens einmal im Leben davon betroffen. Die Crux: "In circa 80 bis 90 Prozent der Fälle findet man auch mittels Röntgen oder Magnetresonanztomografie keine erklärende Ursache für den Schmerz", sagt Dr. Volker Seipel. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie leitet die Abteilung für konservative, das heißt nicht-operative Orthopädie und Schmerztherapie an der Vulpius Klinik in Bad Rappenau.

Rückenschmerzen sind ein komplexes Geschehen

Der Rücken scheint also mehr zu sein als die Summe seiner Teile. Die Wirbelsäule mit den Wirbeln und den Bandscheiben dazwischen sowie Muskeln, Sehnen, Bänder und Faszien stabilisieren den Körper und ermöglichen Bewegungen in verschiedene Richtungen. "Das ist ein sehr komplexes Geschehen", erklärt der Facharzt, "da sind viele Strukturen involviert. Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Psyche." Manche Rückenschmerzen lassen sich gezielt behandeln, weil sie eine spezifische Ursache haben: ein Bandscheibenvorfall, eine Wirbelkanalverengung, Brüche, Verschleiß, Entzündungen. "Auch Tuberkulose ist aufgrund der Migration wieder auf dem Vormarsch, jedoch nach wie vor selten", sagt Seipel.

Nicht gleich zum Skalpell greifen

Eine Operation ist nicht unbedingt die erste Option: "Bei einem Bandscheibenvorfall ohne Ausfallerscheinungen beispielsweise sollte man mit konservativen Methoden nach zwei bis vier Wochen zum Erfolg kommen." Sind die Beschwerden nicht unter Kontrolle zu bekommen, werde frühestens nach zwölf Wochen überlegt, "ob man nicht doch zum Messer greift."

Schmerz ohne Grund

Bei der Vielzahl der unspezifischen Rückenschmerzen dagegen kann der Chirurg ohnehin nicht helfen, weil es keinen körperlichen Befund gibt. Den Schmerzen kann eine Funktionsstörung zugrunde liegen, etwa wenn Gelenke, Muskeln oder Sehnen blockieren - oder sie sind einfach da, ohne nachvollziehbaren Grund.

Wichtig ist das Gespräch

Bei akuten Problemen stehen für den Patienten zunächst ein ausführliches Gespräch und eine körperlichen Untersuchung beim Arzt an. Ergibt sich daraus kein Hinweis auf einen gefährlichen Verlauf oder andere ernstzunehmende Erkrankungen, rät die aktuelle ärztliche Leitlinie, vorerst auf weitere diagnostische Maßnahmen wie Röntgenaufnahmen, Computer- (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) zu verzichten.

Rote und gelbe Flaggen

Zur Diagnostik und Therapieplanung wird von der Bundesärztekammer das sogenannte Flaggenmodell empfohlen: Rote Fähnchen wehen, wenn Begleitsymptome wie Lähmungen oder Vorerkrankungen, etwa bakterielle Infektionen oder Krebs, auf eine spezifische Ursache mit dringlichem Behandlungsbedarf hinweisen. Gelbe Flaggen stehen für psycho-soziale Risikofaktoren, die einen chronischen Verlauf wahrscheinlich machen.

Gefahr der Chronifizierung

Generell gilt: Je früher die Therapie einsetzt, desto besser. Denn der eigentliche Schmerz entsteht im Gehirn - und das ist bekanntermaßen lernfähig. Hält das Missempfinden über drei bis sechs Monate an, sprechen Mediziner von chronischen Schmerzen, die sich verselbständigen können. Sieben von 100 Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen sind davon betroffen. Dann könne eine Art Kettenreaktion einsetzen, erklärt der Orthopäde. Schwierigkeiten im Job, finanzielle und familiäre Sorgen sowie soziale Isolation können in einen Teufelskreis führen. "Die ursprünglich somatische Ursache kann in der Folge psychische Probleme mit ausbilden."

Schon Jugendliche sind betroffen

Auch der umgekehrte Weg ist möglich. Dabei zeigt sich ein seelisches Problem als unklares Schmerzsyndrom, häufig in Form von unspezifischen Rückenschmerzen, die weder auf Funktionsstörungen noch auf körperliche Ursachen zurückzuführen sind. "Das geht bei Jungendlichen schon los, die in der Schule überfordert sind oder Probleme in der Familie haben", sagt Seipel. Laut Robert-Koch-Institut leiden bereits 18 Prozent aller Elf- bis 13-Jährigen und 44 Prozent aller 14- bis 17-Jährigen unter Rückenschmerzen. Auch der soziale Status spielt offenbar eine Rolle: "Topmanager haben wir hier so gut wie nie."

Fixiert auf körperliche Ursachen

"Chronische Rückenschmerzen sind fast immer mehr als Schmerzen im Rücken", fasst das Robert-Koch-Institut für den Gesundheitsbericht des Bundes zusammen. Paradoxerweise trägt das medizinische System zur Chronifizierung bei: Übertriebene Diagnostik etwa führe zu "somatischer Fixierung", nämlich der Vorstellung, dass die Schmerzen eben doch eine körperliche Ursache haben müssen.

Multimodale und individuelle Behandlung

Betroffene bilden häufig eine Leidenskultur aus, aus der sie allein nicht mehr herauskommen. Je länger die Belastung schon besteht, desto mehr Bedeutung gewinnt deshalb die multimodale Behandlung nach dem bio-psycho-sozialen Schmerzmodell: Wie in einem Baukasten-System werden für jeden Patienten die passenden Komponenten individuell zusammengestellt. Ärzte, Physio- und Ergotherapeuten sowie Psychologen bilden ein Team. "Unser Ziel ist es, den Patienten zurückzuintegrieren", sagt Seipel.

Aufklären und aktivieren

Aufklärung, Schmerzlinderung und schnelle Aktivierung stehen bei der Akutbehandlung im Vordergrund - denn grundsätzlich ist Schonung für Rückenschmerzen fast immer das falsche Rezept. Die Patienten sollen unter Anleitung in die Lage versetzt werden, Eigeninitiative zu entwickeln und regelmäßige Übungen in den Alltag zu integrieren. Im Idealfall erarbeiten sie sich selbst Behandlungsmethoden, die sie unabhängig von einem Therapeuten machen. Damit erlangen sie ein Stück Autonomie zurück - "sie übernehmen Verantwortung für den Schmerz und ihr Schicksal."