Beim Abnehmen ist ein halbes Kilo im Monat ein guter Wert

Gesundheit  In der Altersklasse der Berufstätigen sei Dicksein der Normalzustand, heißt es im 13. Ernährungsbericht aus diesem Jahr. Ein Diabetologe erklärt, wie das Abnehmen gelingen kann.

Von Renate Dilchert

Der lange Weg von dick zu dünn
Motivation spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, überflüssige Pfunde zu verlieren. Foto: Andrey Popov/Fotolia

"So dick war Deutschland noch nie" − derart plakativ bewertet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) die Übergewichtsentwicklung im Land. In der Altersklasse der Berufstätigen, heißt es im 13. Ernährungsbericht aus diesem Jahr, sei Dicksein der Normalzustand. Auch wenn es niemand gerne hört: Übergewicht fällt nicht vom Himmel. Ursache ist in erster Linie eine falsche Ernährung. "Grundsätzlich gilt: Wer mehr Kalorien aufnimmt, als er verbrennt, wird dick", sagt der Heilbronner Hausarzt und Diabetologe Dr. Tobias Armbruster.

Aber auch andere Faktoren spielen eine Rolle. "Es gibt unterschiedliche Konstitutionen − über die Gene ist mit angelegt, ob man eher Fett ansetzt", erklärt Armbruster. Eine gewichtige Rolle spielen Verhaltensmuster, die oft schon in der Kindheit geprägt wurden, Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. In wenigen Fällen sind es auch Krankheiten, die Übergewicht hervorrufen, etwa eine Schilddrüsenunterfunktion oder verschiedene Stoffwechselstörungen.

Ab wann ist man übergewichtig?

Übergewichtig ist, wer einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 25 hat, ab 30 spricht man von Adipositas. Berechnet wird der BMI nach einer einfachen Formel: kg/(m2), also Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Meter zum Quadrat. Das ist aber nicht alles, was zählt: "Das Gesundheitsrisiko wird auch von anderen Faktoren mitbestimmt", betont der Diabetologe. Zum Beispiel davon, wo der Körper die überflüssigen Kalorien in Form von Fett deponiert. Die Birne − mit Polstern an Hüfte und Oberrschenkeln − ist weniger gefährdet als der Apfel, der Fett im Bauchraum ablagert.

Dabei ist es dem Körper vollkommen egal, ob es sich um ein Zuviel an Fett, Zucker oder Alkohol handelt. Als Speicher fungieren Fettzellen. Diese sogenannte Adipozyten sammeln immer mehr Fettsäuren an und werden dabei immer größer. Weil der Körper auch neue Adipozyten bildet, ist es für Menschen, die schon als Kind dick waren, deutlich schwerer abzunehmen als für andere − denn sie haben einfach mehr davon.

Die Folgen von zuviel angesammelten Fettsäuren

Dieser Prozess, der dem Urmenschen ein Energiedepot für Notzeiten gesichert haben mag, macht heutzutage jede Menge Probleme. Denn durch die eingelagerten Fettsäuren kommt es unter anderem zur Freisetzung von Entzündungsfaktoren, die Arteriosklerose auslösen können. "Deswegen haben die Betroffenen ein überdurchschnittliches Risiko für Gefäßverkalkungen. Das führt letztlich zu Bluthochdruck, Schlaganfall, Herzinfarkt", erklärt Armbruster.

Werden die Fettsäuren in der Leber und der Bauchspeicheldrüse gespeichert, entwickeln sich Fettleber und Fettbauchspeicheldrüse. Die Folge kann eine Isulinresistenz sein. "Und wer genetisch veranlagt ist, bekommt Diabetes." Dazu kommen noch eine ganze Reihe anderer Folgeerkrankungen wie Sodbrennen und Magen-Schleimhaut-Entzündungen.

Wichtig: Eigene Motivation finden

Betroffene entwickeln deutlich häufiger eine chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und eine Schlafapnoe. Die nächtlichen Atemaussetzer führen zu Sauerstoffmangel, was wiederum das Schlaganfallrisiko erhöht. Auch andere Stoffwechselerkrankungen wie Gicht werden begünstigt, und die mechanische Belastung schadet natürlich den Gelenken. Hinzu kommen psychische Belastungen: Stark Übergewichtige leiden häufig unter einer eingeschränkten Lebensqualität, Depressionen treten öfter auf. Spätestens dann wird es Zeit für ein Gespräch mit dem Haus- oder Facharzt.

"In der Beratung ist es wichtig zu klären, wo das Übergewicht herkommt. Es ist oft sehr schwierig, den Leuten zu vermitteln, dass sich das Problem auf diesen einen grundsätzlichen Satz von Kalorienzufuhr und Verbrennung herunterbrechen lässt", weiß Armbruster. Für jeden einzelnen Patienten gilt es herauszufinden, welche individuellen Faktoren darüber hinaus eine Rolle spielen. "Und, ganz wichtig: Man muss eine Motivation finden, die aus dem Betroffenen selbst kommt. Wer abnimmt für den Arzt oder für den Partner, der wird nicht sehr weit damit kommen", warnt der Diabetologe.

Diese drei Punkte müssen bearbeitet werden

Drei Punkte müssen angegangen werden: die Ernährung, die Bewegung und das Verhalten. Wo der Schwerpunkt liegt, hängt mit der persönlichen Empfänglichkeit zusammen. "Man muss die Leute da abholen, wo sie sich befinden." Multimodale Programme, die teilweise von den Krankenkassen bezuschusst werden, setzen auf eine Kombination aller Faktoren.

Das Wort Diät hört der Facharzt in diesem Zusammenhang nicht gern. "Diät heißt Anfang und Ende", sagt Armbruster. Sie eigne sich allenfalls kurzfristig als Türöffner − "aber mediterrane Kost ist das Einzige, was langfristig wirkt". Gemeint sind damit weder Pizza noch Pasta, sondern eine leichte Mittelmeerküche mit hochwertigen Olivenölen, viel Gemüse und frischen Salaten, wenig Fleisch und mehr magerem Seefisch. Ballaststoffe wie Flohsamen sorgen zusätzlich für ein Gefühl der Sättigung.

Von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen lassen

Der lange Weg von dick zu dünn

Eine professionelle Ernährungsberatung gibt es auf Rezept. Um abzunehmen, sollte man täglich 500 Kalorien weniger zu sich nehmen als der Körper braucht, um das Gewicht zu halten. Armbruster weiß: "Das ist frustrierend, weil es ewig dauert." Ein halbes Kilo Gewichtsverlust im Monat ist ein guter Wert. Parallel dazu gilt es, an seinen tradierten Verhaltensmustern zu arbeiten, sich flexible Ziele zu setzen und Rückschläge wegzustecken. "Der Weg ist das Ziel − wenn man das so sehen kann, dann gewinnt man."

Regelmäßige Bewegung drei- bis viermal in der Woche unterstütze das Bemühen, erklärt der Arzt − "wenn Spaß dabei ist". Denn der Körper stellt sich darauf ein, indem er in einer Art Stand-by-Modus die Muskeln warm hält und ständig ein bisschen mehr Energie verbraucht als nötig. Für Übergewichtige gebe es spezielle Angebote von Aquajogging bis hin zu besonderen Trainingszeiten im Fitnesscenter − "man ist da nicht allein unter vielen Schmalen". Wer keine Zeit fürs Training findet, kann Bewegung in den Alltag einbauen: "Wenn sie mit dem Bus ins Büro fahren, steigen sie eine Station früher aus."

Was in Ausnahmefällen noch hilft

Auch Medikamente können in Ausnahmefällen beim Abnehmen helfen. Sogenannte GLP1-Analoga dämpfen das Hungergefühl, der Wirkstoff Orlistat vermindert dagegen die Fettaufnahmen bei der Verdauung. Die letzte Option für Menschen, die nachweisbare Abnehmversuche unternommen haben und auch darüber hinaus verschiedene medizinische Voraussetzungen erfüllen, ist eine chirurgische Magenverkleinerung. Obwohl sie erstaunliche Verbesserungen auch bezüglich der Folgeerkrankungen wie etwa Diabetes bewirken kann, sollte der Schritt gut überlegt werden. "Es ist nicht mit der Operation getan", warnt Armbruster. Im Anschluss ist eine lebenslange Begleitung erforderlich.