Auf Kriegsfuß mit gesunden Füßen

Gesundheit  Zeigt her eure Füße - leider manchmal kein schöner Anblick. Der Hallux valgus, im Volksmund auch Großzehenballen genannt, plagt in erster Linie Frauen. Dr. Michael Gabel vom Fußzentrum Stuttgart erklärt, warum High Heels schaden und was Einlagen bringen.

Von Steffan Maurhoff

Fußgesundheit auf tönernen Füßen

Filmszenen wie diese werden immer wieder gern gedreht: Ein Auto fährt vor, die Kamera zeigt nur die untere Hälfte der Wagentüre. Die Türe öffnet sich, ein Paar eleganter Frauenfüße erscheint im Bild, angetan mit schicken Stilettos - Weiblichkeit pur.

Diese wenigen Bilder verraten schon mal: Hier tritt eine starke Frau auf. Schöne Füße in feinen, hochhackigen Schuhen lassen nicht nur Frauenherzen höher schlagen, aber anscheinend vor allem diese. Kaum ein Klischee scheint treffender als das von der glühenden Schuh-Liebhaberin, die dutzende Paar besitzt - und immerfort neue dazukaufen muss.

Wer aber allzu sehr aufs schickes Schuhwerk steht, muss auch wissen: Die Füße mögen das gar nicht. Spitze, enge Schuhe malträtieren Zehen, Ballen, Ferse - und können schmerzhafte Fehlstellungen zur Folge haben.

Wunderwerke des Körpers

Das haben unsere Füße nicht verdient, diese Wunderwerke des Körpers aus 26 Knochen, 33 Gelenken, 20 Muskeln mit ihren Sehnen und 114 Bändern. Immerhin tragen sie uns im Laufe unseres Lebens im Schnitt mehr als drei Mal um die Erde. "Der Fuß ist etwas ganz Geniales", sagt Dr. Michael Gabel (53), Chefarzt im Fußzentrum an der Sana Klinik Bethesda Stuttgart. Ihnen sollten die Menschen mehr Zuwendung und Pflege schenken, doch das geschieht nach Erfahrung des Arztes für Orthopädie/Rheumatologie nicht: "Solange man keine Fußprobleme hat, achtet man oft auch nicht darauf."

Fußgesundheit auf tönernen Füßen

Im Fußzentrum werden jährlich über 1000 Operationen durchgeführt, etwa ein Drittel davon am Hallux valgus, dem Ballenzeh. Er gilt als die häufigste Fußfehlstellung, zwei bis vier Prozent der Bevölkerung leiden daran. Damit ist er keine Volkskrankheit. Eher "eine Modekrankheit", meint Michael Gabel. Und eher ein Frauenproblem. Denn Frauen sind fünf bis zehn Mal öfter betroffen als Männer. Der Hallux valgus, so berichtet Gabel, Vorstandsmitglied der Deutschen Assoziation für Fuß- und Sprunggelenk, wird in Deutschland rund 150.000 Mal pro Jahr stationär operiert. Hinzu kommen geschätzt noch einmal so viele ambulante Operationen.

Sehne zerrt am Zeh

Was ist ein Hallux valgus? Er betrifft die große Zehe. Bei der Fehlstellung wandert der erste Mittelfußknochen in Richtung Fuß-Außenseite, wodurch sich der vordere Teil des Fußes verbreitert. Gleichzeitig knickt die Großzehe nach innen weg und nähert sich dem mittleren Zeh an. Sobald der Mittelfußknochen seine Position verändert, verstärkt der Zug der Sehne den Effekt. "Wenn der Einstieg da ist, gibt das eine Dynamik", erklärt Gabel. Nicht zu verwechseln ist der Hallux valgus mit dem Hallux ridigus, dem steifer werdenden Zeh nach Verschleiß des Gelenkknorpels.

Falsches Schuhwerk lässt Muskeln degenerieren

Ursächlich für die Fehlstellung können mehrere Dinge sein. Oft schuld ist das falsche Schuhwerk. Wird der Fuß permanent in hohe, spitze und enge Schuhe gezwängt, degenerieren die Muskeln. "Deshalb ist das Barfußgehen etwas Gesundes", betont Gabel. Schwaches Bindegewebe begünstigt den Hallux valgus. Das ist einer der Gründe, warum Frauen häufiger betroffen sind. "Das Bindegewebe wird während einer Schwangerschaft weicher. Daher bekommen manche Frauen nach der Schwangerschaft Fußprobleme", berichtet Dr. Gabel. Auch eine Häufung von Hallux valgus in der Familie kann auf eine eigene Neigung zur Zehenfehlstellung hindeuten.

Präventiv lässt sich einiges dagegen machen. Barfußgehen stärkt die Muskeln. Es empfehlen sich Übungen, bei denen die Zehen gespreizt werden. Es gibt Trainingsplatten aus weichem Kunststoff, auf denen man beispielsweise beim Zähneputzen stehen kann - auch auf einem Bein -, um die Fußmuskeln zu trainieren. Das Training für Beine, Po- und Rumpfmuskulatur fördert das gute Zusammenspiel mit dem Fuß. Eine Hoffnung muss Gabel allerdings zunichte machen: "Dass man einen Hallux valgus mit Übungen wegbekommt, ist nicht möglich. Aber zumindest erhöht es die Chance, dass es nicht schlimmer wird."

Einlagen: am besten von kundiger Hand gefertigt

Ballenbandagen, die nachts angelegt werden, kann der Facharzt nur wenig abgewinnen. Wissenschaftliche Beweise, dass Nachtschienen helfen, gebe es keine. Zehenabstandshalter können zwar eine vorübergehende Hilfe sein. Eine Dauerlösung sieht Gabel darin jedoch nicht. Großen Wert misst der Sohn eines Orthopädie-Schuhmachermeisters dagegen Einlagen bei. Sofern sie richtig sitzen und von kundiger Hand gemacht sind.

"Einlagen sollten individuell gefertigt werden", sagt der Mediziner, der auch zum Schuh vom Orthopäden rät. Gabel betont: "Ein guter Fuß verschafft Wohlbefinden." Der Pferdefuß: Die Krankenkasse übernimmt die Kosten häufig nicht, und die können durchaus dreistellig sein. Wobei Einlagen nicht nur für Sport- und Straßenschuhe ratsam sind. Auch für die Hausschuhe empfiehlt sie Dr. Gabel: "Man ist sehr viel im Haus unterwegs."

Operation ist kein Sonntagsspaziergang

Wenn es aber schlimmer wird, wenn der große Zeh womöglich nicht nur den zweiten, sondern gar den dritten Zeh bedrängt, kann der oder die Betroffene mit einer Operation besser leben als ohne, meint der Chefarzt des Stuttgarter Fußzentrums. "Es ist ein Wahleingriff", sagt er und betont, worauf es ihm dabei besonders ankommt: "Da muss man gründlich aufklären."

Denn eine solche Operation ist kein Sonntagsspaziergang. Je nach Grad der Fehlstellung wird der Mittelfußknochen distal, also weiter vorn, oder proximal, also weiter hinten, aufgesägt, die Stellung korrigiert und mit Titanschrauben oder -platten fixiert. Sechs bis acht gängige Verfahren gibt es, um den inneren Fußrand aufzurichten.

Nach dem Eingriff muss der Patient Therapieschuhe tragen, hat mehrere Wochen lang ein echtes Handicap. In dieser Zeit muss die Belastung gesteigert, Krankengymnastik gemacht werden. Nach sechs Wochen prüft der Arzt, wie die Knochen zusammengewachsen sind. Mit einer langwierigen Schwellung des Fußes muss man auf jeden Fall zurechtkommen. Als Faustformel gilt: pro Lebensjahrzehnt ein Monat Schwellung. Es kann aber auch länger dauern. Auch hier betont Michael Gabel, wie wichtig es ist, den Patienten aufzuklären - und über seine Erwartungen zu sprechen.

Unzufriedene Patienten nicht auszuschließen

In zehn bis 15 Prozent der Fälle sei damit zu rechnen, dass das Ergebnis nicht so ausfällt, wie es sich der Patient wünscht, weil es Komplikationen oder Funktionseinschränkungen geben kann. Aber da müsse differenziert werden, so der Chefarzt. Mag der Wunsch einer Patientin nach einem wieder hergestellten, wunderschönen High-Heel-Fuß auch enttäuscht sein: "Wenn jemand wieder seinen Alltag hinbekommt, ist das auch schon viel wert."