Interaktive Karte: Wo die 43 Stolpersteine liegen

Heilbronn  Wer aufmerksam durch Heilbronn geht, kann sie hier und da entdecken: Stolpersteine, zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in den Asphalt eingelassen. Eine interaktive Karte zeigt, wo genau sie sich verstecken.

Von Kathrin Brenner

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Serie: Mapping in Heilbronn

Dieser Artikel ist der erste Teil der datenjournalistischen Projektserie "Mapping in Heilbronn" der Stimme-Volontäre. Alle Teile der Serie werden in den kommenden Tagen unter www.stimme.de/voloprojekt14 zu sehen sein.

 


 

Wenn die weiteren Stolpersteine am 24. Juni eingelassen werden, wird auch Avital Toren, die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, anwesend sein. Erst vor wenigen Wochen hat sie mit anderen Gläubigen im Gemeindezentrum in der Innenstadt Schawuot gefeiert: das Erntedankfest, an dem auch an den Empfang der zehn Gebote gedacht wird.

Orthodox

Dass die jüdischen Gläubigen aus Heilbronn das Fest in ihrer Stadt begehen können, ist noch nicht lange der Fall: "Bis vor zehn Jahren war hier gar nichts, da sind wir immer nach Stuttgart in die Synagoge gefahren", erzählt Avital Toren. Inzwischen hat die orthodoxe Gemeinde, eine Zweigstelle der Israelitischen Religionsgemeinschaft Stuttgart, eigene Räume zur Verfügung. Die Einrichtung finanzierte sie zum großen Teil aus Spenden.

Vorurteile abbauen
Seit zehn Jahren leitet Avital Toren die jüdische Gemeinde in Heilbronn und zeigt Gästen auch die Thora-Rolle.Foto: Guido Sawatzki

Toren öffnet den Thoraschrank im Gebetsraum und holt ein Widderhorn heraus. "Das ist ein Schofar. Man bekommt Gänsehaut, wenn jemand den Schofar gut blasen kann. Dann ist es ganz still in der Gemeinde", sagt sie und ihre Augen leuchten. Am Freitagabend versammeln sich rund 25 Gläubige im Gemeindezentrum.

Wie viele Mitglieder ihre Gemeinde tatsächlich hat, kann sie schwer sagen. Etwa 150 Juden sind in Heilbronn registriert. "Ich denke aber, es leben mehr hier", sagt Toren. Wenn die Gemeinde eine Synagoge hätte, würden bestimmt mehr Gläubige zu den Gottesdiensten kommen, ist die 73-Jährige überzeugt. "Uns findet hier halt kein Mensch, dabei haben wir auch oft Konzerte und Lesungen", sagt sie.

1958 kamen die ersten Juden, die den Holocaust überlebt hatten, nach Heilbronn. Wie Avital Toren stammten sie aus Polen. Von denjenigen, die schon vor dem Krieg in der Stadt gelebt hatten, kehrte niemand zurück. Die heutigen Gemeindemitglieder sind zu 98 Prozent russische Juden. "Sie wissen leider wenig von ihrer Religion, denn sie konnten sie in ihrer Heimat jahrzehntelang nicht leben", bedauert Toren. Dennoch gebe es ein lebendiges Gemeindeleben, das auch von der nichtjüdischen Bevölkerung, die sich dafür interessiert, wahrgenommen werde. Es kommen viele Schulklassen in das Gemeindezentrum. Darüber freut sich Avital Toren besonders.

Fragen

Sie zeigt den Jugendlichen Dinge wie den Schofar oder die Thora, die mit einem Federkiel auf Pergament geschrieben wird. "Gerade muslimische Schüler haben viele Fragen", sagt sie, "und am Ende stellen alle fest, dass wir so viel gemeinsam haben. Das ist ganz toll."

Die Begeisterung ist Toren anzumerken: "Ich liebe diese Arbeit. Ich kann Vorurteile abbauen. Nur so können wir friedlich miteinander leben, wenn wir einander akzeptieren." Umso trauriger ist die Vorsitzende darüber, dass es niemanden gibt, der ihre ehrenamtliche Arbeit mit so viel Leidenschaft fortführen könnte. Dass es noch viele Vorurteile abzubauen gilt, hat Avital Toren in den zehn Jahren ihrer Tätigkeit mehrfach erfahren.

Sie erhielt merkwürdige Anrufe und Briefe, in denen Juden aufs Übelste beschimpft wurden. Ihre Telefonnummer steht seither nicht mehr im Telefonbuch. Den Schaukasten der Gemeinde muss sie immer wieder reinigen, weil er bespuckt wird. Daher möchte sie auch die Adresse des Gemeindezentrums lieber nicht in der Zeitung lesen. "Meine Kinder haben mehr Angst um mich als ich selbst", sagt sie nachdenklich. "Aber ich verstecke mich nicht."

Von den Stolpersteinen war sie anfangs begeistert. Inzwischen ist sie gespalten: "Kein Mensch achtet darauf. Stattdessen tritt man praktisch nochmal auf den Opfern herum", meint sie. "Ich bleibe manchmal stehen und lese das, dann bleiben andere auch stehen und lesen, was auf den Steinen steht. Aber man kann ja nicht überall jemanden abstellen."

 

Fünf weitere Stolpersteine

Der Künstler Gunter Demnig verlegt am Dienstag, 24. Juni, weitere Stolpersteine in Heilbronn. Die Lebensläufe der im Dritten Reich verfolgten Personen, an die diese Steine erinnern, haben Schüler und Schülerinnen aus fünf Heilbronner Schulen erarbeitet.

Um 9 Uhr geht es in der Gymnasiumstraße 31 um Max und Rosa Pincus mit Schülern vom Robert-Mayer-Gymnasium. Eine halbe Stunde später stellen MSG-Schüler in der Schäfergasse 15 Julius und Sofie Stern vor. Um 9.55 Uhr steht das Leben von David und Margarete Vollweiler in der Bahnhofstraße 5 im Mittelpunkt. Gustav-von-Schmoller-Schüler haben sich mit ihnen beschäftigt. Um 10.30 Uhr erinnern EHKG-Schüler in der Weststraße 45 an Moritz, Julius und Eugenie Reuter. um 11.10 Uhr zieht die Gruppe in die Paulinenstraße 31, wo Johann-Jakob-Widmann-Schüler Max, Sally und Fanny Kirchhausen vorstellen.

Am Donnerstag, 3. Juli, findet im Heilbronner Stadtarchiv eine Abendveranstaltung zu den Themen Stolpersteine, Erinnerungskultur und NS-Zeit statt. Sie wird von Schülerinnen und Schülern der Schmoller-Schule ausgerichtet.