Tierheimneubau: Wer zahlt die vier Millionen Euro?

Heilbronn - In einem waren sich die Teilnehmer am Forum der "Heilbronner Stimme" mit den Moderatoren Reto Bosch und Bärbel Kistner einig: Es muss etwas passieren. Die Zustände im Tierheim sind unhaltbar.

Von Gertrud Schubert


Heilbronn - In einem waren sich die Teilnehmer am Forum der Heilbronner Stimme mit den Moderatoren Reto Bosch und Bärbel Kistner einig: Es muss etwas passieren. Die Zustände im Tierheim sind unhaltbar. Doch bei der Bezahlung schieden sich die Geister. Da stand Hermann Christ auf und versprach: Die Maler- und Lackiererinnung wird helfen. Zehn Betriebe wollen technische und Malerarbeiten erledigen. Der Obermeister hofft auf Nachahmer: "Vielleicht haben noch mehr Innungen diese Idee."

Vier, vielleicht 4,5 Millionen Euro wird der Neubau eines Tierheims kosten. Ein Preis, der alle beteiligten Finanziers aufseufzen lässt: den Tierschutzverein vorweg, dessen Vorsitzende Silke Anders eine Sanierung des in die Jahre gekommenen Tierheims für ausgeschlossen hält: "Dass das billiger ist, glaubt uns niemand, der schon mal saniert hat."

Realistisch

Sie hat sich bei anderen Tierschutzvereinen erkundigt und erfahren, dass die Kosten durchaus angemessen sind. Großerlach etwa zahlte 1,2 Millionen Euro allein für ein neues Hundehaus und die Sanierung von vier Katzenzimmern. Das Heilbronner Tierheim, mit dem Einzugsgebiet Stadt und Landkreis Heilbronn, bietet weit mehr Streunern und Fundtieren Obhut und Pflege: 60 bis 70 Hunden, 120 bis 150 Katzen und 70 bis 80 Kleintieren.

Das hat seinen Preis. Zu dieser Überzeugung kamen Bürgermeister Harry Mergel als Vertreter der Stadt und der Ittlinger Bürgermeister Achim Heck für den Landkreis Heilbronn durchaus − nachdem sie den anfänglichen Schrecken überwunden hatten. Mergel: "Ich bin überzeugt, dass die vier Millionen realistisch sind, wenn wir es in dieser Form machen."

Die Form stellte Architekt Michael May vor: ein Hundehaus, "so neutral wie möglich", Katzen- und Kleintierhaus in einem, ergänzt durch ein Wirtschaftsgebäude. Die Freifläche sieht er als zentrale Begegnungsstätte und fand darin Unterstützung von Herbert Lawo, der für den Landestierschutzbund zum Forum gekommen war. Fühlten sich die Besucher wohl, gelinge es leichter, Tiere in ein neues Zuhause zu vermitteln. Das senke die Betreuungskosten. Auch er hielt die vier Millionen keineswegs für übertrieben.

Doch wer bringt sie auf? Heilbronn will in den Böllinger Höfen ein Grundstück im Wert von 400 000 Euro zur Verfügung stellen, signalisierte Harry Mergel. Weiteres finanzielles Engagement, bei einer "Drittelfinanzierung" − ein Drittel Stadt, ein Drittel Landkreis, ein Drittel Tierschutzverein − hielt er im Moment für "sehr, sehr schwierig". Zudem sei der Landkreis ja doppelt, sogar dreimal so groß wie die Stadt.

Herkulesaufgabe

In dreifacher Pflicht sah Achim Heck die 46 Kommunen deshalb noch lange nicht. Es sei "eine Herkulesaufgabe, alle 46 zu überzeugen", dass sie sich fürs Tierheim finanziell stark machen sollten. Zumal der "Aufwandsersatz", den die Gemeinden pro Tier bezahlen, auch Investitionen mit abdecke. So zumindest sei es vertraglich geregelt. Die Entscheidung jedenfalls treffen am Ende wie auch in der Stadt die Gemeinderäte.

Silke Anders machte klar, dass dieser Aufwandsersatz gerade reiche, um die laufenden Kosten zu bestreiten. Unmissverständlich betonte Herbert Lawo, dass der Tierschutzverein eine öffentliche Aufgabe anstelle der Kommunen wahrnimmt: "Sie fahren wesentlich besser, wenn sie das Tierheim in Obhut des Tierschutzvereins lassen."

Harry Mergel sah den Verein als "Herr des Verfahrens", bis Ende Juni hofft er mehr Klarheit in die Finanzierung zu bekommen. Die Spendenaktion der Heilbronner Stimme (Spendenstand: 74.215,66 Euro) bringe die Kommunen in Zugzwang. "Natürlich lassen wir den Verein nicht allein" versprach Achim Heck, eine Drittelregelung schien ihm jedoch kaum erreichbar. Unterdessen brachte Lucie Holzigel aus dem Publikum die Idee auf, Bauabschnitte zu bilden und eventuell auch Container aufzustellen. Die Diskussion hat erst angefangen.

Publikumsreaktionen

"Ich muss endlich wissen, wie es mit dem Tierheim weitergeht", erklärt Margit Kowalewski aus Abstatt angespannt. So geht es auch Dorothee Ackermann und Bettina Ertz aus Kirchhausen. Sie sind Mitglieder des Tierschutzvereins, beheimaten Pflegetiere bei sich zu Hause, gehen mit Heimhunden Gassi. "Wir fühlen uns hilflos. Vielleicht bewirkt dieser Abend, dass die Bürger mitziehen und sich verantwortlich fühlen."

Vor dem Stimme-Forum sind die Besucher erwartungsvoll. Sie hoffen. Auf die Hilfe der Mitbürger. Auf finanzielle Unterstützung durch die Stadt Heilbronn und die Gemeinden. Irmgard Bauer aus Heilbronn pocht darauf, dass die Stadt den "hohen Wert von Tieren" erkennt. "Ich möchte wissen, ob uns Bürgermeister Mergel unterstützt."

Nach der Diskussion ist Matthias Hoyer, der Vorsitzende von Paulchen Tierhilfe, zufrieden. Er ist froh darüber, dass das Thema an die Öffentlichkeit gebracht wird. "Jetzt sollte jeder wissen, um was es in dieser Sache geht. Wir brauchen definitiv einen Neubau auf einem moderneren Standort", fordert Tobias Krenn aus Degmarn. Eine Besucherin ist nicht ganz zufrieden: "Die Diskussion ist nicht erheblich über die Berichterstattung in der Heilbronner Stimme hinausgegangen."

Kritik geht vor allem in Richtung des Heilbronner Bürgermeisters Harry Mergel. "Es war mir wichtig, seine Argumente zu hören", sagt eine Langenbrettacherin, "doch etwas entscheidend Neues war im Endeffekt nicht dabei." Achim Heck und Harry Mergel "haben sich aus der Affäre gezogen", ist Andrea Reizner aus Sontheim enttäuscht. Der Heilbronner Bürgermeister habe sich herausgewunden und alle Verantwortung auf den Gemeinderat abgewälzt. In einem Punkt aber sind sich alle Befragten einig: Es besteht dringender Handlungsbedarf.

Malerinnung will helfen

Obermeister Hermann Christ aus Brackenheim-Hausen hat selbst zwei Katzen aus dem Tierheim und staunt jeden Tag, "welche Freude Tiere bereiten können". Allein deshalb schon hätte er sich dem Tierschutzverein gegenüber gern erkenntlich gezeigt. Als er aber beim Tierheimfest "die desolaten Zustände" sah, entschloss er sich, aktiv zu werden.

Geld hat er nicht in großen Summen übrig. Aber Tatkraft. Deshalb bat er den Vorstand der Maler- und Lackiererinnung um Unterstützung. Die wurde spontan und einstimmig versprochen. Zehn Betriebe wollen, wenn es so weit ist, Mitarbeiter zur Verfügung stellen. Sie erledigen technische oder/und Malerarbeiten, je nachdem was nötig ist, ob saniert oder gebaut wird.

Die Stimme-Leser sorgen für die notwendigen Spendeneuro, die Maler schreiten zur Tat − und vielleicht andere Innungen auch. So beschreibt Christ eine umfassende Zusammenarbeit fürs Tierheim.