Richter: „Der wahre Täter läuft noch frei herum“ (22.04.06)

Heilbronner Schwurgericht spricht im Siegelsbachprozess Dorfbäcker frei und kritisiert einseitiges Vorgehen der Ermittler

Von Carsten Friese

Richter: „Der wahre Täter läuft noch frei herum“
Freispruch für den Bäcker: Die Richter der Heilbronner Schwurgerichtskammer Ursula Ziegler-Göller, Wolfgang Bender und Heike Luick (v. links) haben ein Urteil gefällt, das in seiner Klarheit überraschte. (Fotos: Andreas Veigel)

 Als Richter Wolfgang Bender nach gut einer Stunde seine Urteilsbegründung beendet, fällt von dem angeklagten Dorfbäcker eine Zentnerlast ab. Er umarmt seine zwei Verteidigerinnen, erstmals ist ein Lächeln im Gesicht des 48-Jährigen zu sehen, der 558 Tage im Gefängnis und 36 Prozesstage auf der Anklagebank saß. Kommentarlos bahnt er sich seinen Weg durch die Medienvertreter. Als freier Mann tritt Alfred B. auf die Straße, mit einem Freispruch erster Klasse.

Die „unglaublich grausame Tat“ in der Siegelsbacher Bank spricht der Richter an, das Leid, das über die Familien der Opfer gekommen sei. Aber: Wut und Fassungslosigkeit dürften „nicht blind machen“, das Gericht habe ein Urteil losgelöst vom Empfinden der Öffentlichkeit und Medien zu fällen. Bei sorgfältiger Prüfung der Indizien und Tatsachen ergeben sich für das Gericht „erhebliche Zweifel“ an der Täterschaft des Angeklagten, sagt Bender. Später wird er davon sprechen, dass „die Unschuld“ des Angeklagten erwiesen sei.

Richter: „Der wahre Täter läuft noch frei herum“
Fassungslos: Die Tochter des überlebenden Rentners kämpft mit den Tränen. Ihre Mutter starb bei dem Überfall in der Bank durch zwei Schüsse des Täters.
Zug um Zug spricht Bender vorgelegte Beweise und Indizien des Staatsanwalts an, der lebenslange Haft für den Angeklagten gefordert hatte. Eindeutig hatte der in der Bank niedergeschossene Rentner Hermann C. den Bäcker vor der Polizei und im Gericht als Täter benannt. Die Unsicherheit, die der Rentner dagegen am Tatort gegenüber Rettungskräften geäußert hatte („Er sah so ähnlich aus wie der Bäcker“), habe die Polizei nicht aufgegriffen, kritisiert der Richter. „Nur noch ergebnisorientiert“ sei ermittelt worden, im festen Glauben, den Täter zu haben. Als Beleg dafür nennt der Richter die Unsicherheit des Zeugen bei der Vorlage von Fotos von Verdächtigen. „Ich tippe eher auf die Nummer 7, so wie ich ihn kenne“, zitiert der Richter seine Aussage. Der Zeuge habe nicht nach dem Täter, sondern nach dem angeklagten Bäcker gesucht.

Ein entscheidender Punkt war für das Gericht das Zeitablaufschema, das sich nach Zeugenaussagen ergab. Ein Zeuge habe den Bäcker sechs bis sieben Minuten vor 14 Uhr ortsauswärts fahren sehen, andere Zeugen hätten das Rentnerehepaar etwa fünf vor 14 Uhr in die Bank gehen sehen, zu einem Zeitpunkt, als der Täter bereits den Bankangestellten niedergeschlagen hatte. Die Tat sei dem Angeklagten zeitlich nicht möglich gewesen, argumentiert die Kammer. Eine klare Übereinstimmung zwischen dem beim Bäcker gefunden Geld und der Beute des Überfalls sah das Gericht ebenfalls nicht. 1600 Euro mehr habe der Bäcker gehabt, zudem in den Wochen zuvor 5000 Euro auf Bankkonten eingezahlt. Bender: „Er war keinesfalls so mittellos, wie immer behauptet wurde.“ Woher das Geld stammte, blieb jedoch unklar.

Und auch die Feuerstelle in einem Steinbruch, in der angekohlte Adressaufkleber des Angeklagten entdeckt und ein Jahr später Gummifladen gefunden wurden, die zum Sohlenabdruck eines Gummistiefels am Tatort passten, verwarf die Kammer als klaren Beweis. Der Angeklagte habe gar keine Zeit gehabt, das Feuer am Tattag gegen 17 Uhr zu entfachen.

„Es gibt durchaus Hinweise auf andere Täter“, stellt der Richter fest. Eine Zeugin habe in der Mittagspause in der leeren Bank Stimmen gehört; andere Zeugen hätten ein dunkles Fahrzeug vor der Bank beschrieben. Benders Fazit: „Das Schlimme ist, der wahre Täter läuft noch frei herum.“