Einer der letzten Todesfahrer reitet an der steilen Wand

Schnelle Reaktion, einmaliges Augenmaß: Kamikaze-Pit bringt auf dem Talmarkt die Bretter seines „Motodroms“ zum Wackeln

Von Petra Halamoda


Adrenalin pur: Wenn die Zuschauer klatschen, ist der Artist ganz in seinem Element. Fotos: Andreas Veigel

Bad Wimpfen - Kommen Sie rein, kommen Sie rein! Sehen Sie die messerscharfe Extrem-Fahrt mit einem Kleinstrennwagen, dem Gokart, mit dem Motorrad und dem Mini-Motorrad. Der Wahnsinn hat einen Namen: Kamikaze-Pit.“ Esther Lengner sitzt im Kassenhäuschen und rührt übers Mikrofon kräftig die Werbetrommel für ihren Mann. Vor dem Motodrom machen 30 Talmarkt-Besucher unschlüssige Gesichter. Einige tragen Motorrad-Helme unterm Arm.

Pit Lengner ist ein schwäbischer Perfektionist und Tüftler. Bevor es losgeht, ist der akribische Sicherheits-Check oberstes Gebot.
Konkurrenz

Pit Lengner hat von seinem Motorrad aus beste Sicht auf die potenziellen Besucher. Im Stand lässt er den Motor ohrenbetäubend aufjaulen. Lauter muss er sein als die Nachbarn. Verführerischer muss die Leuchtreklame an seinem Showpalast in Rot und Gelb flackern: „Pit’s Steilwand-Show.“ Der Konkurrenzkampf ist hart. Wer ein Riesenrad sein eigen nennt, kassiert immer den gleichen Eintritt. Der Todesfahrer mit diversen Einträgen ins Guinness-Buch der Rekorde verkauft sich bei jeder Show mit Haut und Haar. Riskiert sein Leben.

Da sind Motorrad-Messen die sicherere Bank. Feste Gage, kein Wirtschaften auf eigenes Risiko. 55 Jahre ist der gebürtige Stuttgarter mit Wohnsitz in Nördlingen alt. Als einer der letzten wilden Männer seiner Art in Deutschland scheint er aus einer anderen Zeit zu kommen. Aus den 30ern vielleicht, als auf dem Rummel noch Gewichtheber in karierten Leibchen die Hanteln stemmten und fliegende Männer von der Kanone durchs Zirkuszelt geschossen wurden. „Pit’s Steilwand-Show“ verkauft inzwischen ein Spielwarenhersteller als Plastikmodell zum Zusammenbauen. Er ist eine Legende. Eine Legende, die Kraft hat wie ein junger Stier. Und die Erfahrung eines alten Fuchses.

Gleich wird er’s allen beweisen. Sein blitzschnelles Reaktionsvermögen. Sein einmaliges Augenmaß. Zuvor ist das seiner Frau gefragt. Beim Ticketverkauf scannt sie die Besucher ab. Hat keiner Flaschen dabei, torkelt keiner betrunken die Treppe hinauf? Idioten gibt es genug, die das hier als Computerspiel, als Comic-Show missverstehen.

Die mit dem Handy fotografieren, wenn Kamikaze-Pit wie eine wütende Hornisse an der glatten Wand hochbrettert. Solche Kandidaten lassen vor Schreck ihr Foto-Handy fallen, so dass es sich in den Speichen verfängt und den Star zum Stürzen bringt. Eine Bierflasche, herausfordernd auf der Kante abgestellt und durch das Wackeln der Bretter in den Abgrund gestürzt, hatte schon einige Tage künstliches Koma zur Folge. „Das Kart ist gekippt, ich hatte die Schulter gebrochen, das Lenkrad in den Rippen.“

Doch Jammern ist nicht. „Nur wer gefährlich lebt, hat überhaupt gelebt.“ Solche John-Wayne-Sätze sagt dieser Mann. „Die Ärzte hatten drei Monate Ruhe verordnet. Nach drei Wochen war ich wieder in der Show.“ Mit Bandagen und eingegipstem Arm. Seine Frau versteht das: „Er musste einfach wissen, was kann ich noch. Natürlich habe ich Angst um ihn. Aber das würde ich nie zeigen.“ Ein gläubiger Mensch ist sie nicht. „Aber ich glaube, dass unsere Bücher geschrieben sind.“ Ein Helfer startete damals das Gokart, weil das einhändig nicht geht. Die Zuschauer johlten. Auch heute lehnen sie sich in fünf Metern Höhe über dieses überdimensionierte Fass von sieben Metern Durchmesser. Klopfen mit der Faust hart von innen ans Holz. So müssen sich Gladiatoren gefühlt haben, bevor sie in die Arena traten. Komm raus, Todesfahrer! Zeig’s uns!

Methanol

Pit Lengner bleckt die Zähne. Schnauzbart, die grauen Haare zum Zopf zusammengenommen, die Gesichtszüge tief eingeschnitten. Fehlzündungen knallen, der Lärm wird zwerchfellerschütternd. Die Bretterwand vibriert. Abgasgestank liegt in der Luft – Kamikaze-Pit füttert seine Raubtiere auf Rädern mit Methanol und Rhizinusöl. Sonst würden sie minutenlang warmlaufen. Undenkbar in der Show. Mit seiner Oldtimer-Rennmaschine fliegt er durch den Hexenkessel, schlägt Haken, schüttelt die Faust, stößt Schlachtschreie Richtung Zuschauer hinaus. Die klatschen mit den Händen über dem Kopf. Ein Kleinkind auf dem Arm des Vaters hält sich die Ohren zu. 130 Kilogramm, 24 Pferdestärken, 800 Kilogramm Anpressdruck halten diesen irren Evel Knievel an der Wand. Die Fliehkräfte verzerren die Gesichtszüge, mit dem Gesäß muss er arbeiten, muss Luft pumpen wie die Jetpiloten, damit der Kreislauf durchhält, das Blut nicht wegsackt. Das tägliche Hantel- und Muskeltraining zahlt sich aus. „Du bist echt ein verrückter Hund!“ schreit einer in die Tiefe. Es klingt nach einem Riesenkompliment.

Fliegender Wechsel, Pit Lengner schnappt sich sein Mini-Motorrad und brummt wie der Affe auf dem Schleifstein auf seinem selbstgebauten Neun-Kilogramm-Geschoss seine Runden. Die Balance ertrotzt er über Lenker und Fußrasten – sonst käme er ins Flattern. Das rechte Knie streift die Wand. Noch schwerer ist der Kampf ums Gleichgewicht beim Gokart, das mit vier Rädern Wandkontakt haben muss. Das Körpergewicht verlagert er mit Kraft nach oben. Eine Riesenbelastung für die Wirbelsäule.

Der Reifen wird bei der Extremfahrt nur auf zwei Rillen belastet.
„Wer streckt seinen Mittelfinger freiwillig über die Rampe?“ ruft der gelernte Maschinenbautechniker. „Nein, nein, die ist schon beschädigt“, winkt er ab, als ein Teenager seine bandagierte Rechte ins Rund streckt. Ein Junge mit blonden Locken will seinen Mut beweisen. Lengner grinst, das Gokart schraubt sich in die Höhe, überfährt haargenau die Fingerkuppe, hart an der Kante. Erschrocken hüpft der Blonde zurück, schüttelt die Hand, betrachtet fassungslos seinen Finger. Der Schreck ist größer als der Schaden. Denn der Antrieb sitzt am linken Hinterrad.

Zehn Minuten dauert der dröhnende Nervenkitzel. Weil die Steilwandfahrer keine Versicherung der Welt aufnimmt, erbittet Pit Lengner noch um einen Münzregen – mitten in seine ganz persönliche Arena. Unten steht er, die Arme glücklich hochgestreckt.

Tiefschläge

Dann, auf der Schautreppe, freut er sich über das Gespräch mit einem Besucher. Ja, alles selbst gebaut, erzählt er mit einen Anflug von Stolz. Das Mini-Motorrad. Den Kessel, für den er die Zeichnungen noch in dicken Ordnern im Wohnwagen hat. Einst war er Mechaniker-Meister in einer Firma, bevor die pleite ging und der passionierte Modellbauer seine Leidenschaft zum Beruf machte. Die Mutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Du brichst dir das Genick, Bub,“ hat sie gesagt. Aber die Tiefschläge im Leben, die verpassen Pit Lengner nicht die Maschinen, die er akribisch prüft. Vergaser, Kette, Achsen. Vor den Tiefschlägen schützt kein Sicherheits-Check: Die Tochter wird mit vier Jahren von einem Autofahrer aus dem Leben gerissen. Als er das erzählt, zeichnet sich heute noch auf dem markanten Männergesicht der Kampf gegen die Tränen ab. Wenn er im Kessel fliegt, darf er daran nicht denken. Auch nicht daran, dass seine zweite Tochter mit 30 Jahren an Krebs erkrankt ist. Er atmet durch. „The show must go on“, sagt er dann.


Hintergrund: Motorradartisten

1930 sauste der amerikanische Motorradartist Captain Bob Perry erstmals im Berliner Luna-Park den Holzkessel rauf und runter. Nachahmer dieser in den USA bekannten Jahrmarktattraktion sorgten etwa auf dem Oktoberfest für eine kleine Revolution. Auch Pit Lengner war in seiner Kindheit begeistert von den tollkühnen Männern, die von der Fliehkraft in die Wand gepresst wurden. Noch heute gibt es auf dem Oktoberfest eine Steilwand, meist mit Fahrern aus dem Ausland, etwa aus dem ehemaligen Jugoslawien. Mit der modernen Technik der Hydraulik-Karussells stirbt die Kunst dieser Artisten in Deutschland aus. mod