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Roland Gehardt aus Heilbronn-Böckingen erklärt Augenzeugen, was sie am Nachthimmel beobachtet haben – Mit Untertassen hat das nur wenig zu tun

Von Adrian Hoffmann

„Es melden sich bei uns ganz normale Leute. Die wollen einfach wissen, was Sache ist.“

Roland Gehardt

Es war an einem Samstagabend, als Roland Gehardt das Unfassbare gesehen hat. Neun Lichtobjekte schwirrten am bewölkten Nachthimmel umher und verfolgten einander. „Ich habe gedacht, es ist soweit“, sagt Gehardt. Er habe sein Auto am Straßenrand geparkt und sei eine halbe Stunde lang im Freien gestanden, den Kopf nach hinten gebeugt, die Augen starr nach oben gerichtet – fast wie beim Gurgeln. Ausgerechnet er, fasziniert von allem, was sich im All abspielt und abspielen könnte, ist womöglich derjenige, der die ersten Außerirdischen zu Gesicht bekommt. Leider zerplatzte der Traum innerhalb eines Sekundenbruchteils. Gehardt erkannte: Die Lichter sind von einem Himmelsstrahler, mit dem Discos auf sich aufmerksam machen. Deshalb auch immer die gleiche Verfolgungsszene.

Das war früher, ein paar Dekaden zuvor. „Mittlerweile bin ich aus dem Fantastischen in die Realität zurückgekehrt“, sagt Gehardt und lacht. Heute ist er 48 Jahre alt, die Begeisterung für Unerklärliches ist noch immer ungebrochen. Dumm ist nur, dass sich fast alles erklären lässt. Aber genau das hat Gehardt sich zur Aufgabe gemacht: Er will Menschen den wahren Auslöser für das Phänomen liefern, das sie irgendwo da oben beobachtet haben. „Ein Ufo ist nicht mehr als ein Unidentifiziertes Flug-Objekt, das ist ein völlig wertfreier Begriff.“ Und er macht das Ufo eben zu einem Ifo, einem Identifizierten Flug-Objekt. Mit Außerirdischen habe das alles nichts zu tun, dieses diskusförmige Ding blinke nur immer gleich in den Gedanken der Leute auf, wenn sie von einem Ufo hörten. „Fliegende Untertassen gibt es nicht.“ Schade eigentlich.

Komische Dinger Die ersten Mails trudeln ein. Wenn Roland Gehardt von seiner Arbeit als Lager- und Fuhrparkleiter einer Firma im Raum Pforzheim nach Böckingen heimkommt, setzt er sich erst einmal an seinen Laptop, der auf dem Wohnzimmertisch steht. So wie heute. Eine Lampe in Ufoform leuchtet neben ihm. Es schreiben Leute, die am vergangenen Abend oder am Wochenende etwas gesehen haben, das sie einordnen wollen.

Rot glühende Sternkörper zogen vor den Augen eines Mannes über den Himmel, eine Frau aus Calw spricht von komischen Dingern, die horizontal am Balkon vorbeiflogen, wo sie gerade eine Zigarette rauchte. Wieder andere sahen eine hellweiße Lichtkugel über den Dämmerhimmel flitzen. Roland Gehardt engagiert sich seit Jahren für das Centrale Erforschungsnetz Außergewöhnlicher Himmelsphänomene (CENAP) mit Sitz in Mannheim. Er führt auch dessen Weblog, den er so gut wie täglich füttert. „Es melden sich ganz normale Leute“, sagt Gehardt. „Die wollen einfach wissen, was Sache ist.“ Wer ungewöhnliche Lichter am Himmel sieht, der kann sich leicht erschrecken.

Reflektionen Für die meisten Erlebnisse, von dem ihm Beobachter erzählen, hat Gehardt eine plausible Antwort parat. Der Ufodetektiv und Hobbyastronom erkennt oft allein an der Schilderung, um was es sich handelt. An erster Stelle stehen die sogenannten MHBs. Modellheißluftballons, auch bekannt als asiatische Himmelslaternen oder Partyballons. Sie sind im Trend: Gäste von Hochzeits- oder Geburtstagsfeiern lassen sie gerne steigen. An zweiter Stelle kommen Discolichter und andere ungewöhnlich aussehende Lichterscheinungen – zum Beispiel durch Reflektionen –, gefolgt von Planeten und Meteoren, die manchem so sehr auffallen, dass er es den Ufospezialisten berichtet. „Ich schaue selbst oft in den Himmel“, sagt Gehardt; nur leider meist, ohne dabei etwas zu entdecken.

Auch Verwirrte kontaktieren CENAP. „Das ist aber wirklich sehr selten“, sagt Gehardt. In diesen Fällen ist er, wenn man so will, eine Art abgespaceter Seelsorger. Er habe sich einmal mit einem Mann aus der Region getroffen, der behauptet hatte, er sei ein Außerirdischer. „In einem solchen Gespräch vergeht einem schnell das Lachen.“ Die Frau dieses Mannes sei mit den Nerven am Ende gewesen. Er habe ihn an einen Psychologen verwiesen, sagt Gehardt. „Da hört der Spaß auf, wenn es um die Psyche eines Menschen geht.“ Oftmals gingen derlei Behauptungen private Probleme voraus oder Verlustsituationen, mit denen diese Menschen überfordert sind. So ähnlich ist es seiner Meinung nach auch bei den Mitgliedern einer Gruppierung, die glauben, von Außerirdischen entführt und dabei medizinischen Experimenten unterzogen worden zu sein. Gehardt: „Für die ist das eine subjektive Wahrheit.“

Alien-Sammlung Roland Gehardt ist seit der ersten Mondlandung an der Raumfahrt interessiert. Plötzlich sei alles möglich gewesen. „Der Schritt zu den Außerirdischen war kurz.“ Im Alter von neun Jahren habe er Bücher von Erich von Däniken gelesen. Der Schweizer Schriftsteller vertritt die These, dass Außerirdische vor langer Zeit die Erde besucht und die Entwicklung der Menschheit beeinflusst hätten. „Ich war damals felsenfest davon überzeugt, dass Außerirdische da waren“, erinnert sich Gehardt.

In der Wohnung von Roland Gehardt liegen gerade etliche Kartons herum. Er hat seine alte Ufosammlung aus dem Keller seiner Mutter geholt. Das meiste habe er über Ebay ersteigert, sagt er. Er kramt darin herum und will gar nicht mehr aufhören. Alien-Vorhänge stecken da drin, Außerirdischen-Lutscher, Raumschiffe, Rucksäcke in ET-Look und jede Menge Modellufos, sogar ein ferngesteuertes. Vieles ist noch originalverpackt. „Es tut mir selber leid, dass die Sammlung nicht im Regal steht“, sagt er, „ wir haben keinen Platz.“ Da stehen bereits 2000 Bücher, die sich mit extraterrestrischem Leben beschäftigen. „Aliens und Ufos sind ein Teil unserer Kultur und im menschlichen Kollektivbewußtsein verankert“, sagt er.

Außentermine machen Gehardt besonders Spaß. Höhepunkt war ein Einsatz in den 80ern. Er ist zu einem vermeintlichen Ufolandeplatz bei Kassel gefahren, von dem Boulevardmedien berichtet hatten. Er nahm Ackerproben und steckte das Areal mit Zahlenschildern ab. „Da kommt dann der Detektiv in einem raus“, sagt Gehardt. Wie er feststellte, stammten die Ufospuren von einem landwirtschaftlichen Gerät.

Die Vorstellung, dass es außerirdisches intelligentes Leben geben könnte, fasziniert Gehardt wohl noch sein Leben lang. „Ich glaube daran“, sagt er; Betonung auf glaube. Er würde trotz seiner Flugangst ins Weltall starten, das wäre ein Traum. „Wem’s gefällt“, sagt sein Sohn Juri Allen, 19, den Ufos langweilen. Er will die Sammlung seines Vaters mal verkaufen. Seinen Vornamen wird er aber ganz sicher nicht mehr los. Juri hieß der erste russische Astronaut, Allen war der erste amerikanische.


Stichwort: Ufos
Der Begriff Ufo steht für Unidentifiziertes Flug-Objekt und bezeichnet jedes Phänomen, das sich am Himmel ereignet und von Beobachtern nicht eindeutig erkannt wird. Beim Centralen Erforschungsnetz Außergewöhnlicher Himmelsphänomene, bei dem Roland Gehardt aktiv ist, melden sich Menschen, die sich eine Erscheinung am Himmel nicht erklären können. Mehr Infos zu CENAP gibt es im Internet unter www.ufo-meldestelle.blog.de