Polizistenmord bewegt immer noch viele Menschen

Heilbronn  Hier emotionale Erinnerung, dort Distanz: Zehn Jahre nach dem feigen Anschlag reagieren Menschen ganz unterschiedlich.

Von Carsten Friese

Polizistenmord bewegt Bürger noch, für einige ist er weit weg
Am 25. April 2007 wurde Polizistin Michèle Kiesewetter auf der Theresienwiese ermordet. An der Gedenktafel an der Böschung kommen viele Bürger vorbei. Foto: Seidel

Als vor rund zehn Jahren die Nachricht vom heimtückischen Mord an Polizistin Michèle Kiesewetter auf der Theresienwiese sich wie ein Lauffeuer in der Region verbreitete, war die Anteilnahme riesengroß. Und jetzt? Zehn Jahre nach der Tat bewegt der Fall noch immer viele Bürger − andere haben dagegen Distanz aufgebaut.
 

Mit dem Rad fährt der Heilbronner Jan Pfeiffer (51) oft an der Gedenktafel an der Theresienwiese vorbei, sieht öfter mal Kerzen oder Blumen. Emotional aber sei er heute kaum noch von der Tat berührt, es sei schon weit weg. Woanders auf der Welt würden auch immer wieder Menschen umgebracht. Ein Gedenken hält er indes schon für wichtig.

Fassungslos war der Heilbronner Marcel Kantimm (42) vor zehn Jahren angesichts der grausamen Tat. Auch für ihn ist das Geschehen heute "leider weit weg". Weil so viel in der Welt passiere, Terroranschläge, Bürgerkriege, sei man irgendwo total abgestumpft. An das Verbrechen zu erinnern, findet er wichtig; noch viel wichtiger wäre für ihn, dass in den Fall "Klarheit reinkommt".

Bestürzt Sie denke noch oft an den Polizistenmordfall, auch mit Emotionen, wenn sie an der Stelle vorbeikommt, erzählt die Erlenbacherin Bettina Kotauschek (50). "Das hat mich echt bewegt." Dieses Niederknallen, dieses "Abschlachten" der Polizisten habe sie als besonders grausam empfunden. Sie glaubt nicht, dass sie diese Tat einmal vergessen wird.

Ein Gefühl der Bestürzung, dass "so etwas in Heilbronn passiert ist", hatte eine 67-jährige Böckingerin damals. Auch heute noch denke sie oft an den Fall, an die Kopfschüsse, die kein Mensch verdient habe, das Chaos in der Stadt nach der Tat. Das Gefühl, es "kann kein Zufall sein", dass die Täter dort zuschlugen, wo die Polizisten gerade Pause machten, hat sich bei ihr bis heute gehalten. Was sie besonders bewegte: Dass die Polizei anfangs "nicht in der richtigen Richtung gesucht hat".

Auch die Leingartenerin Monika Rössler (60) hat die Szenen von dem warmen Apriltag noch im Kopf. Sie sei damals gerade noch aus der Stadt rausgekommen. "Die Tat war furchtbar." Sie denke öfter mit Emotionen daran − auch an das, was bei den Ermittlungen schief gelaufen sei.

Schaustellerin Hannelore Schröter-Wagner hat die Folgen der Tat hautnah erlebt. Schausteller, die damals in direkter Nähe das Maifest aufbauten, sind mehrfach von der Polizei befragt worden. Man habe am Anfang schon ein schlechtes Gewissen gehabt, "ob man nicht doch etwas Wichtiges gesehen hat". Heute sei das Geschehen weiter weg. Weil so viel passiere. Wenn man überall mit Emotionen reagieren würde, "dann würde man das gar nicht aushalten", sieht sie auch eine Art Schutzmechanismus.