Zehn Jahre Polizistenmord - Schriftzug wirft Fragen auf

Heilbronn  Am 25. April vor zehn Jahren wird die Polizistin Kiesewetter in Heilbronn erschossen - laut Bundesanwaltschaft von der Terrorzelle NSU. Kurz vor der Gedenkfeier ist ein Filmemacher auf eine möglicherweise neue Spur zum Mordfall gestoßen.

Von unserer Redaktion und dpa

Warum musste die junge Polizistin Michèle Kiesewetter sterben? „Wenn ich das nur wüsste“, antwortet auch zehn Jahre nach der Bluttat auf der Heilbronner Theresienwiese einer, der sich intensiv mit dem Fall beschäftigt hat: Für den Vorsitzenden des NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestags, Clemens Binninger (CDU), sind noch immer viele Fragen ungeklärt. „Es gibt da keine Gewissheiten in diesem Fall.“

 

Unmittelbar vor der Gedenkfeier für Kiesewetter an diesem Dienstag gibt ein Schriftzug mit den Buchstaben NSU weitere Rätsel auf. Die Bundesanwaltschaft prüft seit Montag eine TV-Aufnahme von einem Graffito auf einer Mauer am Tatort, die zwei Tage nach den tödlichen Schüssen auf Kiesewetter entstanden sein soll. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung hatte ein Filmemacher den Schriftzug bei der Sichtung von Archivmaterial für eine Fernseh-Dokumentation über Kiesewetter entdeckt. Wäre er tatsächlich kurz nach der Bluttat als eine Art Bekenner-Signatur angebracht und von den Ermittlern übersehen worden, würde es sich um einen weitereren Baustein in der Serie von Pannen rund um die NSU-Verbrechen handeln. Für Clemens Binninger könnte dieser Schriftzug ein wichtiger neuer Hinweis sein. Er fordert, dass man nun alle Fotos vom Tatort noch einmal prüfen müsse. 

NSU-Ausschussmitglied Salomon (Grüne) fordert Aufklärung wegen Schriftzug

Auch Alexander Salomon (Grüne), Mitglied des NSU-Untersuchungsausschusses im baden-württembergischen Landtag, fordert, die Hintergründe des angeblichen NSU-Schriftzugs am Tatort aufzuklären.

„Wenn sich die Echtheit des Schriftzugs bewahrheitet, passt das leider in das Bild der Ermittlungspannen“, sagte Salomon der Heilbronner Stimme. Dass sich ausgerechnet direkt neben dem Tatort damals ein NSU-Schriftzug befunden haben soll, sei jedenfalls ein „Zufall der besonderen Art“, so der baden-württembergische Landtagsabgeordnete weiter. 

War Kiesewetter ein Zufallsopfer? 

Noch immer unklar ist, ob der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) Kiesewetter als Zufallsopfer und Repräsentantin des Staates umgebracht hat. Diese These des Generalbundesanwalts zieht Binninger in Zweifel. Es spreche vieles dafür, dass die Beamtin gezielt ermordet wurde. „Die Zusammenhänge, Zeitabläufe und andere Details sind so außergewöhnlich, dass ich nicht mehr an Zufall glauben kann.“ Es gibt bis heute allerdings keine konkreten Anhaltspunkte für persönliche Beziehungen zwischen den Tätern und dem Opfer, die alle aus Thüringen stammen.

Jedoch ist es für die Chefin des Thüringer NSU-U-Ausschusses, Dorothea Marx (SPD), offenkundig, dass Kiesewetter und ihr bei der Thüringer Polizei tätiger Onkel bei Ermittlungen eingesetzt waren, die über das Milieu organisierter Kriminalität Verbindungen zur Neonazi-Szene und nach Baden-Württemberg aufwiesen. Nach Überzeugung von Marx wird die Aufklärung der NSU-Verbrechen „immer noch und immer wieder von Behörden und Verantwortlichen torpediert“.

Mittagspause auf der Theresienwiese

Kiesewetter, Beamtin der Böblinger Bereitschaftspolizei, hatte sich nach einem Besuch in der Heimat für den 25. April 2007 eigentlich frei nehmen wollen. Wenige Tage zuvor entschied sie jedoch, sich für den Dienst in Heilbronn zu melden. Während der Mittagspause im Streifenwagen auf der Theresienwiese wurde sie aus nächster Nähe erschossen. Ihr Kollege erhielt ebenfalls einen Kopfschuss, überlebte die Attacke aber. An die Tat kann er sich nicht erinnern.

Zu den Merkwürdigkeiten zählt für Binninger, dass die Täter sich in Zwickau entschieden haben, mit einem Wohnmobil nach Heilbronn zu fahren, um zwei Polizisten auf der Theresienwiese umzubringen - zumal die örtliche Polizei dort nie Pause macht. Zu diesem Zeitpunkt liefen auf dem Gelände überdies Vorbereitungen für ein Fest. „Es gibt 230.000 Polizisten in Deutschland und die Täter landen ausgerechnet bei dieser Streife in Heilbronn?“, fragt er.

 

 

Rechtsextremistische Szene in Heilbronn untersuchen

Für den Chef des Stuttgarter Untersuchungsausschusses, Wolfgang Drexler, ist es wichtig, die rechtsextremistische Szene in Heilbronn und im ganzen nordwürttembergischen Raum zu beleuchten. Mehr als 30 Kontakte - Treffen, Briefe, Telefonate - vor allem in den Raum Ludwigsburg seien belegt.

Dass die Heilbronner Bluttat zur Serie von Morden des NSU an neun Migranten gehört, stellte sich erst 2011 heraus. Am 7. November jenes Jahres teilte das Landeskriminalamt Baden-Württemberg mit, dass die Dienstpistolen der Polizistin und ihres Kollegen in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach entdeckt wurden, das die Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gemietet hatten. Zuvor hatten Ermittler auf Basis einer am Dienstwagen gefundenen DNA-Spur eine vermeintliche Serientäterin gejagt. Die „Frau ohne Gesicht“ entpuppte sich 2009 als Mitarbeiterin eines Produzenten von Wattestäbchen, die Ermittler bei der Spurensuche nutzen. Im Gegensatz zu ihr hinterließen Mundlos und Böhnhardt am Tatort keine DNA-Spuren.

Zeugen wollen blutverschmierte Männer gesehen haben

Für Binninger (Wahlkreis Böblingen) ist das unverständlich. Beide Täter müssen ihm zufolge mit ihren blutenden Opfern Körperkontakt gehabt haben. Ihre Hautschuppen, Schweiß oder Speichel hätten gefunden werden müssen, ist er überzeugt. Stattdessen seien auf dem Rücken des schwer verletzten Mannes zwei DNA-Spuren gefunden worden, die bis heute nicht zugeordnet werden können. Nicht nur deshalb geht er von mehr als zwei Tätern vor Ort aus. Zeugen wollen zwei blutverschmierte Männer in der Nähe des Tatortes gesehen haben.

Wird es je volle Aufklärung geben? Binninger ist skeptisch. Eventuell brächten die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen unbekannt neue Erkenntnisse. Dass Zschäpe das Rätsel um den Polizistinnenmord löst, sei unwahrscheinlich: „Da erwarte ich nichts mehr.“

 

25. April 2007: Ein Verbrechen, das alles in Heilbronn zum Erliegen bringt

 

Eine Stadt im Ausnahmezustand. Es ist, als ob alles Alltägliche stehen geblieben wäre und sich nur noch die Polizei bewegt. In der Fußgängerzone halten die Menschen an und sehen hinauf zu den Polizeihubschraubern, die den ganzen Tag kreisen. Am Bahnhof und anderswo muss die Polizei den Verkehr nicht erst stoppen, um Autos zu durchsuchen: Der Verkehr ist zusammengebrochen, alles steht. >>Hier weiterlesen ...