Polizistenmord Heilbronn: Gedenkfeier für Michèle Kiesewetter

Heilbronn  Am 25. April vor zehn Jahren wurde die Polizistin Kiesewetter ermordet. Zum Gedenken an die Tat kamen am Dienstag rund 100 Gäste, darunter die Familien der zehn NSU-Opfer, in Heilbronn zusammen.

Von unserer Redaktion

 

Innenminister Thomas Strobl (CDU) hat zum zehnten Todestag der vom NSU ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter allen Angehörigen der Opfer der Rechtsterroristen sein Mitgefühl ausgesprochen. Ihnen sei schreckliches Leid zugefügt und zugemutet worden, sagte er am Dienstag bei einer Gedenkfeier in Heilbronn. Der stellvertretende Ministerpräsident fügte vor den rund 100 geladenen Gästen hinzu, darunter die Familien der zehn erschossenen NSU-Opfer: „Sie können sicher sein, dass Sie mit ihrer Trauer, ihrem Schmerz und ihrem Erinnern nicht alleine sind.“

Strobl sagte am Rande der Gedenkstunde auf der Theresienwiese über den Polizistenmordfall: „Es quält mich sehr, dass es mehr Fragen als Antworten gibt, dass wir in Wahrheit sehr wenig wissen.“  Als offene Fragen nannte er die „Gründe, Motivation, Zusammenhänge  und mögliche Täter hinter den Tätern“.

Was die öffentliche Kritik an den Ermittlern im Kiesewetter-Fall angeht, erklärte der Innenminister, der aus Heilbronn stammt: „Hinterher ist man immer schlauer. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass Fehler gemacht wurden, für die man sich schämen muss. Doch wo gearbeitet wird, werden auch Fehler gemacht.“ Näher detailliere er die Fehler nicht. Auch zu der möglichen neuen Spur mit dem auf alten Tatortfotos entdeckten NSU-Schriftzug wollte Strobl nichts sagen. „Weil mir da zu wenig Substanz vorliegt.“

Fahnen vor dem Rathaus auf halbmast

Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel sagte, die Suche nach den Mördern habe lange gedauert. Aber auch nach deren Auffinden konnten noch nicht alle Fragen zu den Hintergründen beantwortet werden. 

Vor dem Großen Ratssaal des Heilbronner Rathauses hingen die Fahnen auf halbmast. Nach der nichtöffentlichen Veranstaltung im Rathaus wurden die Angehörigen mit Bussen an den damaligen Tatort auf der Theresienweise gebracht, wo am Mittag zahlreiche weitere Gäste an der Gedenkfeier mit Kranzniederlegung teilnahmen.

Beistand der anderen Opferfamilien

„Zum siebten Mal  treffen sich Hinterbliebenenfamilien und Opfer des Kölner Bombenattentats zu einem Gedenkstättenbesuch“, führte die Ombudsbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Barbara John, aus und folgerte: „Einen Tatort zu besuchen tut weh. Alle Familien, die nach Heilbronn gekommen sind, kennen diesen Schmerz. Hier in Heilbronn braucht Familie Kiesewetter auch den Beistand der anderen Opferfamilien, neben den Bekundungen der Landespolitik, der Stadt Heilbronn und der Polizei, der Michèle als Polizeimeisterin angehörte. Diese gemeinsamen Besuche sind aber auch ein Zeichen des Mutes und der Entschlossenheit der Hinterbliebenen, ihr Leben nicht vom erlittenen Trauma bestimmen zu lassen, trotz aller Widrigkeiten.“

NSU-Schriftzug am Tatort wird überprüft

Unterdessen geht die Bundesanwaltschaft einem kleinen NSU-Schriftzug direkt am Tatort des Mordes an Polizistin Michèle Kiesewetter nach, der dort zwei Tage nach dem Mord am Sockel eines Backsteinhäuschen angebracht war. Ein Filmemacher für die ARD-Dokumentation „Tod einer Polizistin“ hatte den Schriftzug beim Vergrößern von alten Fotos entdeckt. Die Stimme-Redaktion hatte diese drei Buchstaben auf einem Bild von damals ebenfalls durch Vergrößern sichtbar machen können. 

Die Frage ist, ob der Schriftzug damals von den Tätern am Mordtatg angebracht wurde – oder ob das Kürzel schon älter war und beispielsweise für Neckarsulm oder die früheren NSU-Motorenwerke und das damalige Auto NSU steht, das in Neckarsulm gebaut wurde. Auch der NSU-Untersuchungsausschuss des Stuttgarter Landtags will die Originalbilder sichten und mit Tatortbildern der Polizei von der Theresienwiese vergleichen, kündigte Ausschussvorsitzender Wolfgang Drexler an. 

 

 

 

Türkische Gemeinde fordert gleiche Aufmerksamkeit für türkischstämmige Opfer

Die Türkische Gemeinde in Deutschland fordert, allen Opfern der Terrorzelle NSU die gleiche Aufmerksamkeit zu schenken wie der 2007 Polizistin Michèle Kiesewetter. „Es ist richtig, dass an den Mord an Michèle Kiesewetter erinnert wird. Man sollte aber den anderen Opfern genauso viel Aufmerksamkeit zukommen lassen“, sagte der Bundesvorsitzende Gökay Sofuoglu der Heilbronner Stimme. Dies würden die Angehörigen und Freunde der acht türkischstämmigen Opfer erwarten.

„Gerade bei ihnen wurde durch die Ermittlungspannen viel Vertrauen verspielt. Dieses Vertrauen muss erst wieder hergestellt werden“, so Sofuoglu weiter. Er habe den Eindruck, dass die Sicherheitsbehörden bei Kiesewetter sorgfältiger als bei den türkischstämmigen Opfern ermittelten. Allerdings habe er wenig Hoffnung, dass die Hintergründe der NSU-Mordserie noch vollständig aufgeklärt würden. 

Mit Blick auf die Pannen der Sicherheitsbehörden hoffe er, „dass zumindest die Verantwortlichen noch zur Rechenschaft gezogen werden“.

Die aus Thüringen stammende Kiesewetter war am 25. April 2007 aus nächster Nähe erschossen worden. Der Kollege der 22-Jährigen wurde durch einen Kopfschuss getroffen und überlebte schwer verletzt, ohne sich an die Tat erinnern zu können.

Die NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden für das Verbrechen verantwortlich gemacht. Die Bundesanwaltschaft rechnet dem NSU die Morde an neun türkisch- und griechischstämmigen Männern und Kiesewetter zwischen den Jahren 2000 und 2007 zu.