Musikantenstadl

ARD, 05.05.2012, 20:15:00

Von Frank Rauscher (teleschau - der mediendienst)

6.000 Zuschauer fasst die "Bodensee Arena" in Kreuzlingen bei Showveranstaltungen - eine Menge Holz, zumal bei Sitzplatzpreisen von bis zu über 80 Euro. Aber schon im März meldeten die "Musikantenstadl"-Ticketvermarkter: ausverkauft! Wie gut für das offenbar recht reiselustige Stadlvolk, dass es noch den Vorabend gibt - aber auch die Generalprobe am Freitag ist einmal mehr proppevoll. Allen Unkenrufen zum Trotz: Die Volksmusik, oder besser: die volkstümliche Stimmungs- und Schlagermusik, ist nach einigen Jahren, in denen dem Schunkelgenre vorübergehend die Puste auszugehen schien und reihenweise einschlägige TV-Formate abgesetzt wurden, wieder voll da. Die Resonanz auf die nun anstehende Stadl-Frühlingssendung in der Schweiz, aber auch die zuletzt wieder sehr erfolgreichen Shows von Carmen Nebel und Florian Silbereisen, sprechen eine deutliche Sprache: Das Unterhaltungsprogramm für die sehr erwachsene Zielgruppe bleibt ein Massenphänomen.

Musikantenstadl
"Es gibt im Leben a Zeit, da ist man sehr gerne bereit, die Sorgen wegzusperren und da Musi zuzuhören": Moderator Andy Borg freut sich einmal mehr auf eine zünftige "Musikantentadl"-Sendung. ORF / Ali Schafler
"Silbereisen schlägt den Raab" - so lautete die Schlagzeile, als Mitte März das "Frühlingsfest der Überraschungen" mit 5,72 Millionen Zuschauern mal eben locker den Tagessieg im täglichen Quotenrennen einfuhr - gegen "DSDS" (RTL) und "Schlag den Raab" bei ProSieben. So etwas können dann auch jene Kritiker nicht mehr übersehen, die die Trachtenjankerfraktion vor Jahren am liebsten komplett aus dem Fernsehen verbannen wollten.

Und es wurde auch fleißig gestrichen - von Gotthilf Fischer bis zu Marianne & Michael hat es einige prominente Protagonisten schwer getroffen. Aber das Streichkonzert wirkte wie eine Frischzellenkur. Nachdem sich die Schlagerwelt einmal heftig geschüttelt hat, geht's nun mit ganz neuer Verve weiter. Die meisten öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher trauen momentan wohl ihren Augen nicht, wenn sie auf die Quoten der Schunkelsendungen blicken: Vor allem dank Jungstars wie dem mitunter als "Volks-Rock'n'Roller" titulierten Andreas Gabalier oder auch einem die Grenzen zum Pop mühelos überwindenden Superstar Helene Fischer hat das Genre sein Geriatrie-Image zumindest ein Stück weit ablegen können. Wie man hört, soll es derzeit sogar wieder bei manchem Privatsender hinter den Kulissen konkrete Überlegungen geben, wie man die Renaissance dieser schon so oft totgesagten Unterhaltungssparte fürs eigene Programm nutzen kann.

Der von Andy Borg in den letzten fünf Jahren nur dezent verjüngte "Stadl" ist von den wenigen verbliebenen großen volkstümlichen Sendungen sicherlich noch die konventionellste - aber auch kein reines Altenheimfestival mehr. Auch hier wird der inhaltliche Spagat immer breiter. Bei der März-Sendung, die in Deutschland von fünf Millionen Menschen verfolgt wurde, traten etwa Pop-Sängerin Ella Endlich auf, immerhin auch so etwas wie eine Schwulenikone, oder die Band Global Kryner, die dem guten, alten Oberkrainer-Sound einen aber so was von coolen Pop-Anstrich verpasst, dass manchem Ersthörer vor lauter Schreck der Gamsbart vom Hut kippt. Diesmal unter anderem mit dabei: Semino Rossi, Nockalm Quintett, Kliby und Caroline - ein Bauchredner aus der Schweiz - und das Duo Mario & Christoph, zwei vom ehemaligen Alpentrio Tirol.

Als 2010 - nach 25 Jahren - auch der "Grand Prix der Volksmusik" vom ZDF abgesetzt wurde, fand der Münchner "Volksmusikpapst" Hans R. Beierlein die richtigen Worte. "Das ZDF ist kein Jugendsender, sondern ein Sender, der auf seine Gebührenzahler angewiesen ist. Ein Sender, der sein Publikum, das nun mal im Schnitt deutlich über 60 Jahre alt ist, nicht vernachlässigen darf. Und die Volksmusik hat nach wie vor ein Millionenpublikum. 'Volksmusik ist Musik für das Volk." Natürlich taugt die Berufung auf das Alter der Zielgruppe allein noch nicht als tragfähiges Zukunftskonzept. Der Brückenschlag zum Pop muss weitergehen, die volkstümliche Unterhaltung muss sich weiter öffnen, noch mehr Mut - auch zur Selbstironie - an den Tag legen, damit der Aufwärtstrend auch anhält. Am besten sofort, beim "Musikantenstadl" in Kreuzlingen am Bodensee.

Beim Moderator rennt man damit sowieso offene Türen ein. "Karel Gott sang auch mit Bushido", sagt Moik-Nachfolger Andy Borg. "Im Herzen sind wir Musikanten eh alle gleich: Wenn die Musik aus dem Bauch kommt, ist sie ehrlich, dann ist es egal, ob einer aufs Schlagzeug eindrischt oder es sanft mit einem Besen streichelt wie ein Jazzmusiker. Gute Lieder verbinden Menschen und Generationen, da schlagen die Herzen plötzlich gleich."

Titel Musikantenstadl
Sendedatum 05.05.2012
Sendezeit 20:15:00
Sender ARD
Produzent BR

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Musikantenstadl
Moderator und Schlagerstar Andy Borg führt auch in Kreuzlingen in der Schweiz wieder durch die "Stadl"-Sendung. BR / ORF / Ali Schafler