Katalonien-Konflikt zieht immer weitere Kreise

Barcelona/Region  Die Situation in Katalonien bleibt unübersichtlich und konfus. Immer mehr Firmen machen sich Sorgen um die Zukunft, erste Banken wandern ab. Unternehmer aus der Region beobachten das Geschehen mit gemischten Gefühlen.

Von Christian Klose, Adrian Hoffmann und dpa

Befürworter des katalanischen Unabhängigkeitsreferendums demonstrierten Anfang der Woche in Barcelona. Foto: dpa

Der Konflikt um die nach Unabhängigkeit strebende spanische Region Katalonien zieht immer weitere Kreise. Auch der Bankensektor zieht nun Konsequenzen aus der unsicheren Lage: Die fünftgrößte Bank des Landes, Banco Sabadell, will aus der Region abwandern und ihren Hauptsitz nach Alicante an der Costa Blanca verlegen, wie das Geldhaus am Donnerstag bei einer Sondersitzung entschied.

Medien berichteten, die Großbank La Caixa wolle wahrscheinlich ebenfalls die Region verlassen und in Mallorcas Hauptstadt Palma umziehen. Die Entscheidung soll am Freitag fallen. Die Aktienkurse der Banken waren zuletzt im Zuge der Krise stark gefallen.

Nach einem Bericht der Zeitung „El Mundo“ plant die spanische Regierung die Verabschiedung eines Dekrets, das Geldinstituten und Firmen den Weggang aus Katalonien erleichtern soll. Demnach würde eine Entscheidung des Aufsichtsrats für einen Ortswechsel ausreichen, eine Gesellschafterversammlung müsste nicht mehr einberufen werden, so das Blatt unter Berufung auf Finanzkreise. 

Die Katalanen hatten sich am Sonntag bei einem umstrittenen und von der Justiz untersagten Referendum mit deutlicher Mehrheit für eine Abspaltung der wirtschaftsstarken Region von Spanien ausgesprochen. Allerdings hatten nur 42 Prozent der Wahlberechtigten teilgenommen.

 

Große Sorge bei Deutschen in der Unruheregion

Da war die katalanische Welt in Barcelona noch in Ordnung. André Hellmann (links) mit einem seiner Mitarbeiter. Foto: privat

Georg Kayser, Deutsch-Guatemalteke aus Heilbronn, beobachtet das Geschehen mit Traurigkeit und gemischten Gefühlen. Der 42-jährige Architekt, der seit 15 Jahren in Barcelona lebt, wird am Sonntag bei einer "Demonstration in Weiß" teilnehmen. Die Demonstranten werden sich alle in Weiß kleiden und weiße Schilder ohne Botschaften in die Höhe halten. Soll heißen: "Wir haben keine Lust auf Machtkämpfe."

Er könne beide Seiten nicht verstehen, sagt Kayser. Die Katalanen, die sich durch eine Unabhängigkeit "Freiheit" erhoffen. Allein dieses Wort zu verwenden empfinde er als anmaßend, denn was sollten dann Menschen sagen, die wirklich in "Unfreiheit" lebten? Das eigentliche Problem sei, dass es nie zu einem wirklichen Dialog gekommen sei, und diese Verweigerungshaltung wiederum werfe er der spanischen Regierung vor.

Kritik an Polizeieinsatz

Die Polizeigewalt sei ein Unding, "das geht gar nicht, das ist ein Anschlag auf die Demokratie" - und das verschärfe die Situation dramatisch. "Das alles ist eine hochemotionale Geschichte", sagt Kayser. "Das harte Durchgreifen der Guardia Civil ist ein Schock für die Katalanen, aber auch für das restliche Spanien." Das erinnere sehr an die Zeiten der Diktatur. "Alle EU-Bürger sollten das mit großer Besorgnis zur Kenntnis nehmen." Er wird noch deutlicher: "Ich finde, dass Ministerpräsident Rajoy zurücktreten sollte."

Grundsätzlich kritisiert Kayser, dessen Mutter Spanierin ist, die Argumentation der Katalanen, nicht weiter für die ärmeren Regionen Spaniens zahlen zu wollen. In Deutschland gebe es ja auch einen Länderfinanzausgleich. Und im Falle einer Unabhängigkeit wollten die Katalanen in der EU bleiben, an die sie dann auch Gelder zahlen müssten. "Insofern kann ich das nicht verstehen. Das ist doch schizophren."

Das gegenseitige Aufhetzen hält Kayser für kontraproduktiv, weshalb er zu der Demo in Weiß gehen will, bei der mit Tausenden Teilnehmern gerechnet wird.

Thema spaltet Familien

Fabienne Monning (39) aus Ilsfeld-Auenstein lebt mit ihrem italienischen Mann und ihren beiden Kindern seit Jahren in der Nähe von Barcelona. Sie berichtet, dass das Thema Familien spalte. Es sei sehr traurig, das mit anzusehen. Familienfeiern würden abgesagt, weil sich Angehörige uneins seien. "Das geht doch eigentlich schon viel zu weit", sagt Monning.

Das größte Problem sieht sie in der fehlenden Dialogbereitschaft auf beiden Seiten. "So hat sich das über Jahre hinweg hochgeschaukelt." Jetzt sei es soweit, dass es regelrecht bedrohlich werde. Sie sei dennoch optimistisch, dass sich die Situation in den nächsten Tagen beruhige. Aber viele Menschen gingen jetzt natürlich erst recht auf die Straße. Nicht in erster Linie, um die Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen zu unterstützen, sondern um für das Recht auf Meinungsfreiheit einzustehen.

Unternehmer aus Karlsruhe

Ganz andere Sorgen macht sich derweil André Hellmann aus Karlsruhe. Der junge Unternehmer, dem die Internet-Beratungsfirma "Netzstrategen" gehört, hat seit April 2016 eine Niederlassung mit fünf Beschäftigten in der katalanischen Metropole. Dass sich derzeit zwei seiner spanischen Mitarbeiter aktiv für das Referendum engagieren, stört ihn weniger. Für gewisse politische Forderungen hat Hellmann sogar Verständnis.

"So ganz kann ich das nach wie vor nicht greifen. Aber es hat angefangen, weil sich die Bürger und Politiker aus Katalonien in Madrid nicht ernst genommen fühlten. Als wirtschaftlich stärkstes Bundesland hatten sie dort zumindest gefühlt die geringsten Rechte und konnten kaum Gesetze durchsetzen", meint Hellmann. "Hinzu kam wohl, dass der dortige Länderfinanzausgleich deutlich einseitiger für die Geberländer abläuft als bei uns. Das führte zu einer großen Unzufriedenheit, der ja bereits seit Jahren Ausdruck verliehen wird."
 
Hellmann weiter: "Eskaliert ist das Ganze dann, als die Wahlen verboten wurde. Ab dem Zeitpunkt ging es viel mehr um Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Demokratie und nicht mehr nur um die Unabhängigkeit von Katalonien. Dann wurden auf einmal noch viel mehr Menschen aktiv und engagierten sich, um die Wahlen durchzusetzen. So auch meine beiden Kollegen Julià und Joan."

Er blickt mit einem unguten Gefühl aus Baden nach Barcelona: "Keiner weiß derzeit, wie es da weitergeht." Und da spreche er im Prinzip auch für andere deutsche Firmeninhaber, die sich nun fragten, ob sich ihre Investitionen dort auf Dauer lohnten. Hellmann weiter: "Die gesamte Infrastruktur ist noch unzuverlässiger geworden. Schon jetzt ist es schwieriger, pünktlich und zuverlässig mit dem Flugzeug nach Barcelona zu kommen oder auch sich in der Stadt zu bewegen." Und nun stehen auch weitere Aspekte wie das Steuersystem auf dem Spiel und die wirtschaftlichen Prämissen, unter denen wir dort eine hundertprozentige Tochter der deutschen Netzstrategen GmbH gegründet haben."