Schöner Wohnen in der Kirche

Alois und Margarete Payer leben seit 20 Jahren in einem ehemaligen Gotteshaus in Ofterdingen

Von Roland Muschel

Schöner Wohnen in der Kirche

Bücherregale ersetzen die Wände: So hat das Ehepaar Payer die Zimmer in ihrer Kirche abgetrennt. (Foto: Heinz Heiss)

Als Alois Payer, 61, seiner Frau die Anzeige in der Lokalzeitung vorlas, lachte sie zunächst ungläubig. Da war doch tatsächlich eine Kirche zum Verkauf ausgeschrieben, für 80 000 Mark. "Wer kauft schon eine Kirche?", dachte sich Margarete Payer, 63, amüsiert.

Dann gingen die beiden noch einmal in sich. Schon bald schien ihnen die Sache doch eine Überlegung wert. 45 Quadratmeter maß ihre damalige Tübinger Wohnung, die knappen Platzverhältnisse waren mit Händen greifbar: überall stapelten sich Bücher. Also schauten sie sich die Kirche an. Die Besichtigung führte dann zwar nicht zum Kauf, aber doch zu einem Ergebnis: "Nach Kirchentellinsfurt", blickt Alois Payer zurück, "waren wir auf eine Kirche eingestellt."

Bücher en masse belagern die Tübinger Wohnung

Zwei Wochen später stand wieder eine Annonce in der Zeitung: Kirche in Südwürttemberg zu verkaufen. Diesmal nahmen sie das Angebot sofort ernst, vereinbarten einen Besichtigungstermin für das Gebäude in Ofterdingen bei Tübingen. "Wir waren gleich begeistert", erzählt Margarete Payer, von "Liebe auf den ersten Blick" spricht ihr Mann. Dabei war es zunächst vor allem viel Arbeit.

Seit 20 Jahren wohnt das Ehepaar Payer nun schon unterm ehemaligen Kirchendach. Doch immer noch genießt ihr Heim absoluten Seltenheitswert, auch wenn inzwischen immer mehr Kirchengemeinden über eine neue Nutzung ihrer Gotteshäuser nachdenken, meist wegen ausbleibender Kirchenbesucher. In Ofterdingen dagegen hatte die neuapostolische Kirche ein neues, größeres Gotteshaus gebaut und das alte 1982 an drei Kaufleute aus Stuttgart verkauft. Die wiederum veräußerten den denkmalgeschützten Bau über einen Makler. So kamen die Payers an das Gotteshaus. Seitdem hat sich unter dem spitzen Kirchturm so viel geändert, dass es die neuapostolische Gemeinde, die sich hier einst versammelte, kaum wieder erkennen würde.

Die Gebetsbänke hat Alois Payer mit der Kettensäge zerkleinert und zu Bücherregalen umgebaut, die Opferstöcke landeten auf dem Sperrmüll und der Holzaltar in der Ecke. Die Orgel hatte bereits einer der Vorbesitzer mitgenommen, das symbolträchtige große Kreuz nahm der Schmied - wenn auch eher widerwillig. "Ganz schlechtes Eisen", so sein Befund, und ziemlich schwer. Er musste es wissen, er hatte es selbst gemacht. Immerhin, Toiletten, nicht gerade eine Selbstverständlichkeit bei Kirchen, fanden die neuen Besitzer bereits vor. Sogar zwei, eine für Damen, eine für Herren. Dafür fehlte ein Wasserzähler. Denn Kirchen, lernten die neuen Besitzer, müssen für Wasser nichts zahlen. Das ehemalige Damenklo für die Kirchenbesucher haben sie zum Bad umfunktioniert und den Garderobenbereich in ein Arbeitszimmer - mit Blick in den ehemaligen Kirchenraum.

Hüfthohe Regale trennen die einzelnen Zimmer

Riesig ist sie, diese Wohnung, mit ihrer elf Meter hohen Decke und über 200 Quadratmetern Wohnfläche, mit vielen Zimmern, aber ohne Wände. Es sind hüfthohe Regale, die das Gäste- vom Arbeitszimmer, das Sommer- vom Esszimmer trennen. Darin haben die Bücher Platz, zumindest die meisten. Die wissbegierigen Payers haben nämlich unfassbar viele Bücher, weshalb die Handwerker zunächst dachten, aus der Kirche würde eine öffentliche Bibliothek. An den Büchern kann man ablesen, wo das Ehepaar schon überall war, USA, Asien, Südamerika. Im Winter 2001/2002 etwa hat Margarete Payer auf eigene Kosten ein Entwicklungshilfeprojekt in Bolivien betreut, ihr Mann begleitete sie. Zurück nach Ofterdingen brachten sie nicht nur ihre Erfahrungen, sondern auch 940 Bücher. Insgesamt besitzt das Ehepaar inzwischen rund 40 000 Bücher, so viele jedenfalls, dass sie nicht einmal mehr in diese Kirche passen. Nach Bolivien mussten sie deshalb noch eine kleine Wohnung anmieten, dort haben sie derzeit rund 10 000 Bücher ausgelagert.

Ja, mehr Platz bräuchten sie eigentlich, und auch sonst gibt es ein paar kleine Nachteile. Heizen zum Beispiel ist so einer, auch wenn er kleiner geworden ist, seitdem die klassischen bunten und luftdurchlässigen Kirchenfenster robusten Scheiben gewichen sind, welche die Wärme des Ofens auch im Raum halten. Na ja, Staub wischen, sagt Margarete Payer, sei auch ein kleines Problem, und die Möblierung und Beleuchtung eines so großen Wohnraums. Aber das alles wiegt den einzigartigen Wohnort nicht auf. "Sofort", sagen die beiden unisono, würde sie wieder in eine Kirche ziehen. Sie würden, sagt die Professorin, Kirchen aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten: "Würde man sich darin wohl fühlen?" Sein Ideal, scherzt ihr Mann, wäre die Tübinger Stiftskirche. "Aber die steht leider nicht zum Verkauf."