"Zu selbstbewusst zu sein, ist in meinem Beruf eher hinderlich"

Baden-Baden  Der Schauspieler Johann von Bülow spricht darüber, wie wichtig Offenheit, Schutz und Selbstzweifel in seinem Beruf sind.

Von Alexander Klug

"Zu selbstbewusst zu sein, ist in meinem Beruf eher hinderlich"

Spielte seine erste Filmrolle 1995 neben Franka Potente: Johann von Bülow. Foto: Marc Vorwerk

 

Selbst, wer nur gelegentlich den Fernseher anschaltet, kennt ihn vom Sehen: Ob in zahlreichen Folgen "Tatort", in der Serie "Das Adlon", als Gestapochef in "Elser" oder im populären "Mord mit Aussicht" - die Rollen sind vielfältig, in die Johann von Bülow schlüpft.

Er leiht seine Stimme Hörbuch-Charakteren, tritt bei Lesungen mit Orchestern und Kammermusik-Ensembles auf. Am Rande der Dreharbeiten zum neuen Schwarzwald-Tatort der ARD haben wir mit dem in Berlin lebenden Schauspieler gesprochen. Nicht nur, aber auch übers Schauspielern.

 

Was machen Sie sonntags um 20.15 Uhr, Herr von Bülow?

Johann von Bülow: Nein, ich schaue wahrscheinlich nicht den Tatort. Auch wenn heutzutage jeden Tag auf irgendeinem Kanal ein Krimi zu sehen ist, finde ich es privat gar nicht so spannend herauszufinden, wer der Mörder ist.

 

Was stört Sie daran?

Von Bülow: Stören ist zu viel gesagt. Aber für viele sind Krimis ja eine Art Kreuzworträtsel der Gegenwart. Irgendwann kennen sie das Muster, die gesuchten Begriffe. Oder eben den Mörder. Eigentlich ein etwas widersprüchliches Phänomen. Gleichzeitig soll der Krimi vertraut sein, aber auch aufregend und spannend. Ich denke, es ist heutzutage sehr schwer, noch etwas wirklich Originelles beizutragen. Ich bin nicht sicher, ob ich einen der Ermittler spielen wollte.

 

Zu wenig Abwechslung?

Von Bülow: Ja, vielleicht. Das Bedürfnis der Menschen, einen einzusortieren und einzuordnen, ist groß. Meine Sache ist es nicht, bis ins Privatleben ein Bild von sich zu inszenieren, um als möglichst identisch mit den eigenen Rollen wahrgenommen zu werden. Ich stelle mir das sehr anstrengend vor. Auch wenn die Menschen das Angebot natürlich gerne annehmen, dass jemand öffentlich für sie alle Sünden durchlebt. Und dadurch schließlich auf sich nimmt, was der genüssliche Zuschauer dieses Spektakels niemals selbst durchleben möchte. Jeder will einmal so sein wie Harald Juhnke, aber keiner mit seinem Kater aufwachen.

 

Wie wichtig ist es, sich zu schützen?

Von Bülow: Es ist für Schauspieler immer eine Gratwanderung zwischen Schutz und Offenheit. Einerseits stark zu sein, schon, um im Wettbewerb im Leben bestehen zu können. Und sich andererseits zu öffnen, Eigenschaften zu zeigen, die man normalerweise nicht zeigen würde. Nur geschützt durch die Hülle der Figur, die man spielt. Wenn der Einsatz für eine Rolle nichts kostet, erreicht man auch nichts Bewegendes. Eine Lehrerin an der Schauspielschule hat einmal gesagt, dass man lernen muss, seine Seele um den Laternenpfahl zu winden.

 

Klingt, als bräuchte man dafür viel Selbstbewusstsein.

Von Bülow: Es ist ein Missverständnis, dass Selbstbewusstsein eine Voraussetzung für den Beruf des Schauspielers ist. Jemand wirklich Selbstbewusstes würde nicht fragen, ob es gut war, was er gerade getan hat. Und mit den eigenen Schwächen hausieren gehen. Er würde davon ausgehen, gut zu sein. Zu selbstbewusst zu sein, ist in meinem Beruf eher hinderlich, weil es ohne Anteilnahme sehr schwer ist, jemanden für eine Figur einzunehmen. Und darum geht es aber. Selbstzweifel sind eher der Schlüssel zum Schauspielerberuf.

 

Macht das nicht sehr verletzlich?

Von Bülow: Nichts ist leichter, als einem Schauspieler, auch einem bekannten, das Selbstbewusstsein zu nehmen, weil der Moment des Öffnens ein sehr filigraner ist. Mit einer Pappkrone auf dem Kopf den König zu spielen, bedeutet ein großes Risiko, erfordert Vertrauen. Das ist, wie wenn Kinder Räuber und Gendarme spielen. Ein paar Mal die Frage ,Was macht denn der da?", und keine zehn Minuten später weiß der Schauspieler vor lauter Zweifel nicht mehr, wo oben und unten ist. Sich zu öffnen muss in einem geschützten Raum stattfinden, dann kann daraus etwas wahnsinnig Beglückendes resultieren.

 

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Von Bülow: Manche Kollegen sagen, sie würden keine Kritiken mehr lesen. So ganz glaube ich das nicht. Zum eigenen Schutz ist zwar tatsächlich wichtig zu lernen, dass man auch mal negativ wahrgenommen wird. Aber sich selbst ehrlich anzuschauen halte ich für unabdingbar, sonst ist keine Entwicklung möglich.

 

Schaut man sich an, was Sie so alles machen, scheint Entwicklung für Sie ziemlich wichtig zu sein.

Von Bülow: Für mich ist es eine schlimme Vorstellung, immer das Gleiche zu machen. Früher habe ich meine festen Theaterengagements in regelmäßigen Abständen von mir aus gekündigt, um eine neue Aufgabe zu suchen. Ich empfand den Zustand, nicht zu wissen, was kommt, immer als guten Katalysator, als positives Sich-infrage-stellen, als Möglichkeit, herauszufinden, was ich wirklich will. Der Gedanke ,Ich würde gerne dieses oder jenes machen", ohne es dann zu tun, womöglich über viele Jahre, vergrößert das Problem eher. Und mündet im schlimmsten Fall in der inneren Emigration. Für einen solchen Schritt braucht es aber tatsächlich einen gewissen Mut und ein gewisses Selbstvertrauen.

 

Wann hatten Sie dieses Maß an Mut und Selbstvertrauen zuletzt?

Von Bülow: Meinen letzten festen Vertrag habe ich mit Anfang 30 gekündigt, interessanterweise parallel zur Familiengründung. Ich dachte, wenn ich im Film endlich angreifen wollte, dann jetzt. Es war die richtige Entscheidung, ich hatte immer genug Arbeit. Eine schwere Zeit im engeren Sinne gab es nicht.

 

Wann ist mit dem nächsten solchen Schritt bei Ihnen zu rechnen?

Von Bülow: Naja, ich frage mich schon manchmal, ob meine Balance aus Schutzbedürfnis und Risiko nicht doch manches Fenster geschlossen hält. Ob ich radikal genug bin, um zu erreichen, was ich möchte. Denn zu viel Schutz kostet den letzten Meter, man erreicht nicht den äußersten Punkt. Dann frage ich mich, ob ich mich nicht im entscheidenden Moment nicht noch ein bisschen weiter öffnen kann, verletzlicher machen, das Visier noch weiter zu öffnen.

 

Kann es für einen Schauspieler zum Problem werden, Rollen annehmen zu müssen?

Von Bülow: Wie gesagt, mir wurde das Privileg zuteil, immer Arbeit zu haben. Aber ich halte es für wichtig, bei der Wahl der Rollen sorgfältig zu sein als Schauspieler. Keine allzu großen Kompromisse einzugehen. Ich denke, dass ein Schauspieler auch ein Ergebnis dessen ist, was er macht, und eben auch, was er nicht macht. Das ist wie mit dem Belohnungsaufschub in der Psychologie. Man verzichtet auf etwas leicht zu Erreichendes jetzt für etwas späteres, aber Besseres. Das ist auch eine der Fähigkeiten, die für Schauspieler hilfreich ist. Neben Selbstschutz und Empfindsamkeit.

 

Können diese Art Selbstvertrauen die Eltern vermitteln?

Von Bülow: Schwer zu sagen. Wenn ich an meine eigenen Eltern denke freut es mich, dass ich die Chance hatte, selbst zu entscheiden, was ich machen, welchen beruflichen Weg ich einschlagen will. Das machen meine Frau und ich bei unserem Sohn genau so. Eltern steht es nicht zu, den Beruf, oder auch den Partner der Kinder bestimmen zu wollen. Die Literatur ist voll von Erwartungshaltungen aller Art, die ins Unglück führen. Solche Entscheidungen betreffen nur den jeweiligen Menschen selbst.

 

Stört es Sie, in der Öffentlichkeit erkannt zu werden?

Von Bülow: Naja, so oft kommt es jetzt auch wieder nicht vor. Ich denke, da hat zum Beispiel jemand wie Elyas M"Barek ganz andere Herausforderungen zu bewältigen. Aber, Scherz beiseite. Wahrgenommen zu werden ist ein Privileg meines Berufs. Und gehört dazu.

 

Hat Sie heute schon jemand wiedererkannt? Seien Sie ehrlich.

Von Bülow: Ja! Wobei, ganz sicher kann ich da nie sein, die Hälfte meiner Popularität geht auf das Konto meines österreichischen Kollegen Simon Schwarz. Wir werden oft verwechselt, mit den rötlichen Haaren, die oben weniger werden. Aufs Erkannt-werden reagiert auch jeder anders. Manche Kollegen grüßen zurück, ich tue meistens aus Verlegenheit so, als hätte ich es nicht gehört. Es ist immer wieder erstaunlich, dass Leute denken, man würde es nicht mitbekommen, wenn sie in der Schlange im Flughafen direkt neben einem zu tuscheln anfangen. Mein Sohn sagt dann ,Papa, denken die, wir hören nicht, was sie sagen?". Doch, tun wir.

 

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