Winfried Kretschmann wird heute 70

Stuttgart  Grünen-Gründungsmitglied, langjähriger Oppositionsführer in Stuttgart und seit 2011 Ministerpräsident in Baden-Württemberg: Winfried Kretschmann feiert diesen Donnerstag seinen 70. Geburtstag.

Von Peter Reinhardt

Als Winfried Kretschmann (Foto: dpa) vor fünf Jahren mit dem 65. Geburtstag das Rentenalter erreicht, genügt dem Ministerpräsidenten ein Abendessen mit der Familie. „Geburtstag hat jede Kuh“, wehrt er Fragen damals die Fragen nach einer offiziellen Feier.

Diesen Donnerstag wird er 70 und alles ist anders: Es gibt eine Festschrift mit einem Vorwort von Bundeskanzlerin Angela Merkel, ein Symposium mit Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble als Hauptredner und einen Staatsempfang mit EU-Kommissar Günther Oettinger als Festredner. Dass gleich drei prominente Christdemokraten für einen Grünen in die Bütt gehen, ist nur bei Kretschmann denkbar. 

Kretschmann hat kein Problem mit seinem Alter

Die öffentlichen Feiern zeigen ein neues Selbstbewusstsein Kretschmanns, der inzwischen offensiv mit seinem Alter umgeht. Der immer wieder gestellten Frage nach seinen persönlichen Plänen weicht er nicht mehr aus. „Sie müssen damit rechnen, dass ich noch einmal antrete“, sagt der Regierungschef im Blick auf die Landtagswahl 2021.

Aber eine Entscheidung sei da nicht gefallen. „So ganz leicht wird das nicht. Denn bis zum Ende der Legislaturperiode wäre er dann 78 Jahre“, sagt Matthias Jung, der Chef der Forschungsgruppe Wahlen. Es komme die Performance und die Gemütslage an.
 

Wichtige Stationen

  • Winfried Kretschmann ist am 17. Mai 1948 in Spaichingen (Landkreis Tuttlingen) geboren. Die Eltern mussten nach der Flucht aus Ostpreußen im Schwäbischen bei Null anfangen.

  • An der Universität Hohenheim studierte Kretschmann Biologie und Chemie für das Lehramt. Durch die Mitgliedschaft in einer kommunistischen Splittergruppe drohte ihm in den 70er Jahren Berufsverbot.

  • 1979 gehörte Kretschmann zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Baden-Württemberg und war ab 1980 vier Jahre Landtagsabgeordneter.

  • 1986 holte ihn der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer in sein Team. Aber bereits 1988 kandidierte Kretschmann erneut für den Landtag.

  • Von 2002 bis 2011 war er Vorsitzender der Grünen-Fraktion.

  • Seit 2011 ist Kretschmann Ministerpräsident, der erste mit einem Parteibuch der Grünen. Bis zur Landtagswahl 2016 regierte er in der Wunschkoalition mit der SPD, seither führt er ein grün-schwarzes Bündnis. 

 

Winfried Kretschmann
Winfried Kretschmann bei einer Wahlparty der Grünen in der Stuttgarter Kneipe Schlesinger nach der letzten Landtagswahl. Foto: dpa  

Der Sinneswandel von Kretschmann datiert von Anfang des Jahres. Kurz zuvor war sein Traum von einer Beteiligung der Grünen an einer Jamaika-Koalition in Berlin geplatzt. Danach weht ein Hauch von Resignation durch die Regierungszentrale in der Villa Reitzenstein: Laut denkt der Regierungschef nach, dass mehr Zeit mit den Enkeln auch schön wäre. Es bleibt eine Episode.

Inzwischen rechnen sie bei den Grünen damit, dass „Kretsch“ weitermacht und 2021 sich um eine dritte Amtszeit bewirbt. Beim Koalitionspartner CDU fürchten viele diese Aussicht. Eine Gruppe der Landtagsabgeordneten liebäugelt gar mit einer schwarz-rot-gelben Koalition, um den populären Grünen kalt aus dem Amt zu verdrängen.

Nur mühsam kann die CDU-Spitze um Landeschef und Vizekanzler Thomas Strobl das Feuer austreten. Kretschmann genießt Ansehen bis weit in bürgerliche Wählerschichten hinein. Ein Koalitionswechsel ohne triftigen Grund wäre in diesen Kreisen nicht zu vermitteln.
 

„Wenn man 70 ist, geht man auf die 80 zu. Und das ist jetzt nicht wirklich toll.“
Winfried Kretschmann zu seinem 70. Geburtstag.

 


Unpassend zu den Geburtstagsfeierlichkeiten geben Grüne und CDU aber den von der Opposition genüsslich genährten Spekulationen über eine Deutschlandkoalition selbst Nahrung. Erst verabschiedet sich die CDU-Landtagsfraktion bei der Reform des Landtagswahlrechts vom gemeinsamen Koalitionsvertrag. Nur einen Tag später lassen die Grünen die CDU-Frau Sabine Kurtz bei der Wahl zur Landtagsvizepräsidentin erst einmal durchfallen.

In den Jahren nach dem überraschenden Wahlsieg bei der Landtagswahl 2011 ist Kretschmann bei den Südwest-Grünen unantastbar. Dabei hat der Oberrealo seiner Partei einiges zugemutet. Selbst als er der von der CDU betriebenen Ausweitung der sicheren Herkunftsländer auf den Balkan zu einer Mehrheit verhilft, kommt die Kritik vor allem aus den Reihen der Berliner Parteifreunde.

Nun mehren sich aber die Stimmen in der Landespartei, die mehr grünes Profil von ihrem Ministerpräsidenten verlangen. Die Schonzeit scheint vorbei zu sein. Offen formuliert die Erwartung Lena Schwelling, die Vorsitzende der Grünen Jugend: „Wir würden uns manchmal eine deutlicher grüne Position wünschen.“
 

Private Einblicke

  • Winfried Kretschmann malt selbst gern an dem Bild eines menschlichen Landesvaters. Deshalb hört man von dem Spitzenpolitiker auch immer ganz private Einblicke. „Wenn ich meinen Enkel auf den Arm nehme, dann sind alle großen Probleme weg“, sagte er in einem solchen Moment.

  • „Mein Glaube gibt mir als Christ Halt“, bekannte der Katholik. Aber er sei auch ein „zweifelnder, fragender Gläubiger“. Als Kind wollte der Lehrersohn eigentlich Pfarrer werden. 

  • „Es war die Liebe zur Natur, die mich zu den Grünen gebracht hat“, sagte der Mitgründer der Partei in Baden-Württemberg.

  • Ein paar Schrullen leistet er sich auch. So hat er nur zwei Brillen. Die aber mit Wechselbügeln.

  • Für seine Skepsis gegenüber dem Kurznachrichtendienst Twitter hat er eine überraschende Begründung: „Ich bin ein Altgrieche und Anhänger langer Sätze.“ Ihm würden sich die Haare sträuben, wenn er seine Politik in 140 Zeichen erklären müsste.


Wichtiger als die Meinung der Partei ist Kretschmann immer wieder der Schulterschluss mit den Wählern. Er präsentiert sich als einer aus ihren Reihen, bedächtig und auf praktische Vernunft setzend. Dazu gehört der schwäbische Dialekt. Wichtig für seine Vertrauensbasis ist die Wertschätzung der Unternehmer, die ihre anfängliche Skepsis längst abgelegt haben.

„Kretschmann hat die konservativ-bürgerliche Orientierung des Landes aufgegriffen und bedient. Er hat in den fünf Jahren das Schreckgespenst Grüne bis weit in bürgerliche Kreise hinein ausgemerzt“, erklärt der Mannheimer Wahlforscher Matthias Jung den ungewöhnlichen Erfolg. 

Kretschmann war zeitweise aus der Kirche ausgetreten

Dafür ist Kretschmann politisch einen weiten Weg gegangen. Sein CDU-Vorvorgänger Erwin Teufel erinnert in der Festschrift mit dem Titel „Gegenverkehr“ daran, dass der Grüne während des Studiums beim Kommunistischen Bund Westdeutschland Mitglied war und zeitweise die katholische Kirche verlassen hatte.

„Ich wusste von seiner Vergangenheit, habe sie ihm aber nie nachgetragen“, schreibt Teufel. Später sei er ja dann Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken gewesen. Kretschmann wiederum zitiert den Christdemokraten gern und oft, verleiht ihm sogar den Titel Professor.

„Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn er fliegt“

Seine Wiederwahl im Frühjahr 2016 verdankt Kretschmann zu einem guten Teil seinem Schulterschluss mit Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik, die CDU-Herausforderer Guido Wolf ablehnt. Er bete für die Kanzlerin, sagt der Grüne damals.

Ein paar Monate später wabern die Gerüchte, Merkel wolle Kretschmann als Bundespräsident. „Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn er fliegt“, hat er 2011 die Erwartungen eingebremst. Das höchste Staatsamt flog dann doch zu hoch und Kretschmann hat ein wenig zu lang davon geträumt.