Wald weiter im Klimastress

Stuttgart/Heilbronn  Den Sauren Regen hat er überstanden, der Klimawandel schlägt aber noch erbarmungsloser zu: Die Waldbäume stehen unter Stress, vor allem nach einem Sommer wie 2015. Zudem lässt ein Pilz die Eschen sterben.

Ein geheimnisvoller Pilz verursacht ein Eschensterben. Foto: dpa

Leicht erholt, aber noch lange kein Grund zum Durchatmen: Ein Drittel der Bäume im deutschen Südwesten (36 Prozent) wird weiter als „deutlich geschädigt“ eingestuft.

Damit hat der Wald insgesamt einen schlechteren Zustand als in den 1990er-Jahren, als der Begriff „Waldsterben“ Konjunktur hatte, wie Forstminister Alexander Bonde (Grüne) am Donnerstag bei der Vorstellung des Waldzustandsberichts sagte. „Der Wald in Baden-Württemberg bleibt Dauerpatient“, so Andre Baumann, Landeschef des Naturschutzbundes (Nabu).

 

  • SORGENKIND ESCHE: Es hat nicht direkt mit dem Klimawandel zu tun, dass eine ganze Baumart aus den Wäldern zu verschwinden droht. „Wir werden die Esche verlieren“, sagte Landesforstpräsident Max Reger. Schuld am Eschensterben sei das Falsche Weiße Stängelbecherchen, ein aus Osteuropa eingeschleppter Pilz, der nicht nur einzelne Bäume, sondern ganze Bestände etwa am Oberrhein befallen hat. Reger rechnet mit einem Aufwand von 16 bis 18 Millionen Euro, um die absterbenden Eschen im Staatswald durch Eichen zu ersetzen. Baden-Württemberg ist das Bundesland mit dem höchsten Eschenvorkommen.

  • DRAMATISCHER ALS VOR 30 JAHREN: In den 1990er-Jahren sprach noch alles über Sauren Regen und Waldsterben, der Zustand der Wälder ist heute aber sogar noch schlechter. 36 Prozent der Waldfläche werden als „deutlich geschädigt“ eingestuft, 29 Prozent als „nicht geschädigt“. Bonde sprach am Donnerstag von „sehr hohen und unbefriedigenden Werten“. Der Schadensbericht sei „ein Indikator dafür, dass es höchste Zeit ist für verbindliche internationale Klimaschutzziele“.

  • STARKE TANNE: Buche, Fichte und Tanne geht es trotz des trockenen, warmen Sommers leicht besser, heißt es im Bericht. Vor allem an der Tanne zeigten sich die Auswirkungen des Klimas und der ökologischen Eigenschaften. Sie erreicht mit ihren Wurzeln tiefe Bodenschichten und ist weniger anfällig für Trockenphasen wie 2015. Auch die Fichte als Hauptbaumart im Südwesten erweist sich als widerstandsfähig. Der Blattverlust der Buche ist sogar stark verringert. „Welche Schäden dieser Rekordsommer im Wald angerichtet hat, werden wir erst in den kommenden Jahren sehen“, sagte der Waldreferent des Naturschutzbundes Nabu, Johannes Enssle.

  • GEFAHR LANDWIRTSCHAFT: Weitere Stressfaktoren für den Wald sind laut Nabu die nach wie vor hohen Stickstoffbelastungen aus Landwirtschaft und Verkehr. „Während Stamm und Krone zulegen, stagniert das Wachstum der Wurzel, weil andere Nährstoffe fehlen und der Boden versauert. Die Bäume werden krank“, erklärte Enssle. 

  • HILFERUF AN JÄGER: Zur Stärkung des Waldes gegen den Klimawandel gelte es auch, die Jagd in den Blick zu nehmen, fordert Enssle. Wichtig sei, den Waldumbau weg von der Fichte hin zu naturnahen Mischwäldern voranzutreiben. Auch die Jäger müssten helfen, etwa indem sie Eichen und Tannen - als „Hoffnungsträger im Klimawandel“ -vor Verbiss durch Rehe schützen. „Vielfach werden sie von Rehen einfach weggefressen“, berichtet der Nabu-Experte.

  • GEFAHR BORKENKÄFER: Laut Land droht überdies 2016 ein Käferproblem. „Die hohen Ausgangs-Populationen aus diesem Sommer ergeben ein erhöhtes Gefahrenpotenzial für das kommende Jahr“, heißt es beim Forstministerium. 2015 habe es etwa beim Buchdrucker ein „intensives Schwarmgeschehen“ gegeben. An den Pheromon-Fallen seien „hohe Käferzahlen“ registriert worden. Auch der Kupferstecher habe wohl von der trocken-heißen Witterung profitiert. Im warmen Oktober mit viel Sonne sei die Entwicklung der Larven und Puppen unter der Rinde hin zu fertig entwickelten Käfern weiter vorangeschritten. Diese hätten eine „vergleichsweise hohe Toleranz gegenüber tiefen Temperaturen“. Heißt: Der Winter kann ihnen nichts. 

 

 

Hintergrund: Waldland Baden-Württemberg

 Fast 40 Prozent Baden-Württembergs sind bewaldet. Mit 39 Prozent besitzen die Gemeinden und Körperschaften den Löwenanteil der Waldfläche. Im Durchschnitt verfügen die 1101 Gemeinden des Landes über etwa 500 Hektar Wald. Der zweitgrößte Flächenanteil mit 36,5 Prozent ist in privater Hand. Insgesamt teilen sich nach Angaben des Landes 260 000 Eigentümer den privaten Waldbesitz. Weitere 24 Prozent der Waldfläche sind im Besitz des Landes. 58 Prozent des Waldes bestehen aus Nadelbäumen, 42 Prozent sind Laubbäume. Vorherrschende Baumarten sind die Fichte (38 Prozent), die Buche (21), die Tanne (8) und die Eiche (7). lsw