Vom Baum in den Mund: Obstdiebstahl ärgert Landwirte

Südwesten  Beim Wandern mal eben einen Apfel vom Baum pflücken - das ist doch nicht schlimm, oder? Wenn das aber jeder macht, kann es für die Landwirte im Südwesten teuer werden.

Obstdiebstahl
Landwirte klagen immer mehr über Wanderer, die am Wegesrand Obst und Gemüse mitgehen lassen. Foto: dpa

 

Einen Apfel direkt vom Baum zu naschen - was Wanderer und Touristen lockt, ärgert die Landwirte im Südwesten. Vor allem an stark frequentierten Straßen könne das einen erheblichen Schaden anrichten, sagt der Vorsitzende des Vereins Obstregion Bodensee, Helmut Jäger. Im Hinterland abseits der Touristenrouten hätten die Landwirte dagegen weniger mit dem Obstdiebstahl zu kämpfen. „Wenn jemand einen reifen Apfel nimmt, ihn aufisst und Freude daran hat, ist das ja okay und auch ein Stück weit Werbung für uns. Die Leute achten aber in keiner Weise darauf, ob die Früchte reif sind oder nicht. Und wenn sie den Apfel grasgrün runterreißen und dann wegschmeißen - das ärgert am meisten.“

Zudem kämen einige Menschen sogar mit Plastiktaschen auf die Felder. „Das geht einfach nicht“, sagt Jäger. „Die haben vielleicht in der Handtasche eine Tüte und sagen sich: Wunderbar, das ist grad recht. Aber ich greife ja auch nicht in deren Geldbeutel und nehme mir fünf Euro raus.“ Wie viel Schaden der Diebstahl für die Bauern in der Bodenseeregion anrichtet, könne man nicht genau sagen. „Für einen Landwirt, der direkt an einer Wanderroute liegt, sind aber 1000 bis 1500 Euro keine Seltenheit. Auf jeden Fall kann das erheblich sein.“

Vernunft und Moral

Wirkliche Abwehrmaßnahmen gebe es nicht, sagt der Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Obst vom Bodensee, Eugen Setz. Zäune um die Felder oder Apfelplantagen seien beispielsweise mit hohem Aufwand und Kosten verbunden. „Eigentlich kann man nur an die Vernunft und Moral appellieren.“ Bei manchen Mundräubern helfe beispielsweise der Hinweis auf den wirtschaftlichen Schaden für den Bauern, sagt Setz. „Wenn am Wochenende tausende Menschen an der Plantage vorbeilaufen und jeder nimmt einen Apfel weg, dann schlägt das schon zu Buche.“ Ein großes Politikum sieht er im Obstdiebstahl derzeit aber nicht.

Das Problem sei auch nicht neu, sagt Jäger. Damit müssten Landwirte schon immer leben. Er selbst habe während der Ernte vor 30 Jahren einmal einen Anhänger mit Äpfeln am Feldrand stehen gehabt - und als er wieder aus der Plantage kam, habe daneben ein Auto gestanden und ein Mann habe sich eine ganze Kiste genommen. „Da bin ich so ran gefahren, dass der nicht mehr wegkonnte - er hat die Äpfel dann bezahlt.“

Mundraub
Obstbauer Jürgen Eberle füllt den Verkaufsstand auf seinem Hof mit Äpfeln auf. Foto: dpa

Auch Jürgen Eberle kennt das: Vor allem in den 90er-Jahren sei Mundraub richtig schlimm gewesen, sagt der Obstbauer aus Immenstaad am Bodensee. „Dann ging das fast gegen null, und jetzt ist die Tendenz wieder steigend. Warum, kann ich nicht sagen.“ Was ihm aber fast noch mehr zu schaffen macht, sind unehrliche Kunden am Obststand. Auf diese Art des Verkaufs setzen zahlreiche Landwirte in der Bodenseeregion: Die Kunden können sich die Produkte nehmen und das Geld in eine Kasse werfen. Der Vorteil für den Bauern: Anders als beim Hofladen muss man nicht ständig vor Ort sein.

Unehrliche Kunden

Doch manche Menschen nähmen sich Erdbeeren, Kirschen, Zwetschgen oder Äpfel einfach mit - ohne Geld in die Kasse zu werfen, sagt Eberle. „Das hat in den vergangenen zwei Jahren stark zugenommen.“ Er gehe zwar davon aus, dass noch immer rund 90 Prozent der Kunden zahlten. „Aber die, die nicht zahlen, die nehmen sehr viel mit, vermuten wir.“ Besonders schlimm sei es während der Erdbeerernte gewesen.

„Wir produzieren unsere Ware selbst und gehen damit vor allem auf den Wochenmarkt“, sagt Eberle. Der Verkauf am Obststand auf dem Hof sei eigentlich ein kleines Zubrot. „Am Anfang war das eine tolle Sache, aber dieses Jahr macht es keinen Spaß - klauen lassen bringt es ja auch nicht.“ Er überlege derzeit, entweder ganz mit dem Obststand aufzuhören oder aber in einen Automaten mit geschlossenen Fächern zu investieren. Deren Türen öffnen sich nämlich erst, wenn der Kunde das Geld für die Ware eingeworfen hat.

 

Früher Mundraub, heute Diebstahl

Wer von den Trauben am Obststand probiert oder vom Obstbaum am Straßenrand nascht, begeht damit bereits Diebstahl - wenn auch in geringem Umfang. Bis Mitte der 1970er-Jahre galt das Entwenden von „Nahrungs- und Genussmitteln in geringer Menge oder von unbedeutendem Wert zum alsbaldigen Verzehr“ als Mundraub und war im Strafgesetzbuch geregelt. Da es sich juristisch gesehen nur um eine „Übertretung“ handelte, war auch nur eine geringe Strafe vorgesehen.

Heute spielt es keine Rolle mehr, was entwendet wird - egal, ob Apfel oder Armbanduhr, es handelt sich um normalen Diebstahl, der nach Paragraf 242 Strafgesetzbuch zu ahnden ist. Werden allerdings Dinge von geringem Wert gestohlen - die Grenze liegt üblicherweise bei etwa 50 Euro - werden Polizei und Staatsanwaltschaft nur aktiv, wenn ein Strafantrag vorliegt.

Um beim Pflücken oder Sammeln von Obst und Gemüse auf der sicheren Seite zu sein, raten Experten, den Eigentümer ausfindig zu machen und um Erlaubnis zu fragen. Andernfalls droht juristischer Ärger. Denn dass es herrenlose Bäume gibt, ist in Deutschland nahezu ausgeschlossen.

 

Kann man auch legal Obst pflücken?

Wer Obst direkt vom Baum genießen will, muss nicht gleich zum Mundräuber werden. Manche Kommunen bieten ganz legale Pflückmöglichkeiten an. Infos darüber, wo man legal Obst pflücken kann, gibt es auf der Internetplattform Mundraub.org. Eine Karte zeigt beispielsweise an, wo das Sammeln von Bärlauch, Brombeeren oder Walnüssen erlaubt ist. Für die Stadt Heilbronn etwa listet die Karte sieben Stellen auf.

„Die Vision von Mundraub ist es, heimische Obstbäume, Streuobstwiesen und Obstbaumalleen zu erhalten, um so ein fruchtiges Grundauskommen für alle zu schaffen“, heißt es bei den Organisatoren der Seite. Dennoch gilt auch bei den Einträgen der Karte: Augen auf beim Pflücken - nicht alles, was öffentlich aussieht, ist auch öffentlich.

 

dpa/dhi