Land investiert in den Erhalt der Artenvielfalt

Stuttgart  Klimawandel, Zersiedlung, intensive Landwirtschaft - die Artenvielfalt ist von vielen Seiten bedroht. Grün-Schwarz greift jetzt tief in die Schatulle, damit Flora und Fauna sich im Land gut entwickeln können.

Das Land will die Zahl der derzeit 190 Auerhühner und -hähne auf mindestens 300 erhöhen. Foto: Archiv/dpa  

Das Auerhuhn braucht Lichtungen im Wald, insbesondere wenn es seinen Nachwuchs aufzieht. Unter dem Motto „Lücken für die Küken“ soll die im Bestand bedrohte Art ideale Bedingungen für die Aufzucht erhalten. Um Flächen frei zu halten und damit für Licht und Wärme für die Küken zu sorgen, sollen Waldbesitzer im Rahmen eines Sonderprogramms zum Erhalt der Artenvielfalt Geld vom Land erhalten. Das Land will die Zahl der derzeit 190 Auerhühner und -hähne auf mindestens 300 erhöhen.

Das Land investiert in den kommenden beiden Jahren insgesamt rund 30 Millionen Euro in den Erhalt der Artenvielfalt. „Das Programm ist unsere Antwort auf das Insektensterben und gibt uns die Möglichkeit, schnell und zielgerichtet zu agieren“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) nach dem Beschluss des Kabinetts für das Programm am Dienstag in Stuttgart.

Der Regierungschef erinnerte daran, dass bei Fahrten über Land vor 20 Jahren im Sommer die Windschutzscheibe regelmäßig habe von Insekten gesäubert werden müssen. Es sei besorgniserregend, dass das heute nicht mehr nötig sei. Die Artenvielfalt zu erhalten, sei eine Generationenaufgabe, betonte der Regierungschef.

Landwirte, Waldbesitzer und Schäfer sollen Zahlungen erhalten

Das Geld soll vor allem an Landwirte, Waldbesitzer und Schäfer fließen, damit diese Wiesenblumen an Feld- und Straßenrändern säen, Moore schützen und Wacholderheiden frei halten. Für das Anlegen von Blumenwiesen erhielten die Bauern bislang maximal 710 Euro pro Hektar. Sie wurden mit bis zu fünf Hektar gefördert. Diese Begrenzung wird nun ausgeweitet. Zudem sollen die Bauern bei der Reduktion von Pflanzenschutzmitteln unterstützt und in Sachen Artenvielfalt beraten werden. Ziel des Programms ist auch ein landesweiter Biotopverbund, damit Tiere wandern und neue Lebensräume erobern können.

Für die Extensivierung der Landwirtschaft steht Geld für fünf Schwerpunktregionen bereit, darunter im Nordosten, im Schwarzwald, im Alpenvorland, auf der Schwäbischen Alb und im Rheintal. Die Einbußen der Landwirte durch geringere Nutzung ihrer Flächen werden kompensiert. Auch in 1000 Naturschutzgebieten sollen Landwirte Geld dafür bekommen, einzigartige Landschaften wie Kalkmagerrasen, Wacholderheiden oder artenreiche Mähwiesen zu erhalten.

Die FDP im Landtag sieht weite Teile des Sonderprogramms als „blinden Aktionismus auf Kosten der Steuerzahler“.

Plan zur Verringerung von Pflanzenschutzmitteln 

Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz lobte die Schritte hingegen als bundesweit richtungsweisend. So erstelle Baden-Württemberg als erstes Bundesland einen Plan zur Verringerung von Pflanzenschutzmitteln wie das umstrittene Glyphosat. Die Umweltverbände Naturschutzbund (Nabu), Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und Landenaturschutzverband (LNV) sprachen von einem Meilenstein und einer Investition in die Zukunft. Sie mahnten jedoch an, das Programm über die beiden kommenden Jahre hinaus fortzusetzen.

Insbesondere bei der Reduktion der Pestizide müssten klare Ziele ausgegeben werden. Die Verbände fordern, ihren Verbrauch bis 2025 mindestens zu halbieren.

Sechs Millionen Euro kommen für ein sogenanntes Monitoring hinzu, wie Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) und Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) mitteilten. Dabei soll unter anderem die Menge im Südwesten vorkommender Insekten und Fledermäuse erfasst werden. Dies sei wichtig, um die Wirksamkeit der Maßnahmen zu bewerten.

 


Kiebitz, Käfer & Co. - Bedrohte Arten in Baden-Württemberg

Zählen und besser schützen: Grün-Schwarz will den Artenschutz mit Millionensummen fördern. Für welche Tiere es besonders viel zu tun gibt in Baden-Württemberg, erklären Experten des Naturschutzbundes Nabu.

  • WILDKATZE Wildkatzen brauchen Lebensräume, die miteinander vernetzt sind, damit sie wandern können und durch Fortpflanzung ihre Gene austauschen. Das ist auch wichtig, damit sich die Arten etwa an Klimaveränderungen anpassen.

  • BIBER Er ist das Symbol für naturnahe Fließgewässer und Reichtum von Fischen und Wasserpflanzen. Was er baut, führt aber auch zu Konflikten mit den Menschen, wenn etwa Wiesen und Äcker überschwemmt werden. Daher brauche gerade der Biber ein intensive Monitoring und Management, heißt es beim Nabu.

  • FLEDERMÄUSE Vielen streng geschützten Fledermausarten gehen die Quartiere aus, etwa weil Häuser gedämmt und alte Dachstühle verschlossen werden. Auch gibt es im Wald zu wenige alte Bäume mit entsprechenden Höhlen. Mit dem Insektenschwund geht zudem für sie die Nahrungsgrundlage zurück.

  • REBHUHN Der Bestand ist stark geschrumpft. Grund dafür ist die Intensivierung der Landwirtschaft. Das Rebhuhn ist ein Symbol für reich strukturierte Ackerbauregionen. Wo es sich wohl fühlt, da gibt es ein großes Nahrungsangebot, was wiederum Insekten, Feldhasen und Vogelarten wie dem Distelfink oder der Goldammer zu Gute kommt.

  • KIEBITZ Er ist in Baden-Württemberg fast ausgestorben. Er steht für offenes, flaches und feuchtes Dauergrünland, Wiesen, Weiden und Überschwemmungsflächen. Sein Lebensraum ist selten geworden, da Auen bebaut oder dort intensiver Ackerbau betrieben wird.

  • SCHMETTERLINGE Sie lieben Feld- und Weg- und Straßenraine mit vielen blühenden Wildpflanzen. Als nektarsaugende Insekten stehe Schmetterlinge für ein hohes Blütenangebot ohne Pestizide. Geht es ihnen gut, profitieren auch viele andere Insekten.

  • LIBELLEN Unter den Insekten stehen Libellen für naturnahe Gewässer. Libellen leben überwiegend räuberisch und fressen Larven, Wasserflöhe oder Kaulquappen. Wo es aber kein Leben gibt, gibt es auch nichts zu räubern.

  • TOTHOLZKÄFER Der Artenreichtum alter und abgestorbener Bäume ist enorm. Wo sie stehen oder wo dicke Äste liegen bleiben, werden auch Fledermäuse, Vögel und Säugetiere geschützt, die auf alte, knorrige Bäume mit Rissen, Spalten und Höhlen angewiesen sind. Laven von Käfern sind für viele Vogelarten wichtige Nahrung.