Kretschmann und die Autobosse beschließen Partnerschaft

Stuttgart  Über das Reizthema schmutzige Diesel wollten der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Akteure der Autoindustrie öffentlich lieber nicht reden. Stattdessen kündigten sie eine Zeitenwende an.

Von dpa und Michael Schwarz

Von rechts: Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG Dieter Zetsche, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Finanzvorstand der Porsche AG Lutz Meschke und der Produktionsvorstand der Audi AG, Hubert Waltl vor Beginn des Treffens. Foto: dpa

 

Das Land Baden-Württemberg will mit der Automobilindustrie in einer strategischen Partnerschaft die Zeitenwende hin zur Elektromobilität angehen. „Es steht viel auf dem Spiel“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Freitag nach einem Treffen mit Akteuren der Industrie in Stuttgart. Der Automobilstandort Baden-Württemberg müsse seine Vorreiterrolle behaupten und auch Arbeitsplätze im Land halten, sagte Kretschmann.

„Wir müssen schnell und zielführend sein“, betonte der Grünen-Politiker. „Der Wandel vollzieht sich in rasendem Tempo.“ Politik und Industrie hätten nun einen gemeinsamen Dialog angestoßen, der dauerhaft sein soll.

Zetsche: Autobauen ist ein Mannschaftssport

Daimler-Chef Dieter Zetsche sprach nach den mehrstündigen Treffen von Chancen, die miteinander angegangen werden müssten. „Autobauen ist ein Mannschaftssport“, sagte Zetsche. Der Wandel gehe weit über neue Antriebe hinaus. Autonomes Fahren und digitale Vernetzung seien die Aufgaben für die Zukunft. Allein bei Daimler würden zehn Milliarden Euro in den Ausbau der Elektroflotte investiert.

Auch Vertreter des Automobilzulieferers Bosch und des Sportwagenherstellers Porsche sprachen von großen Herausforderungen für die Zukunft. Sie kündigten an, den Transformationsprozess aktiv zu gestalten. In einer Welt neuer Mobilität würden Auto, Bus, Bahn und Bike künftig nahtlos miteinander vernetzt und einfach buchbar sein, sagte Bosch-Chef Volkmar Denner. „Wir wollen Mobilität hier in Baden-Württemberg neu denken“, sagte er.

Für die Elektromobilität seien verlässliche Rahmenbedingungen nötig, sagte der stellvertretende Vorstandschef der Porsche AG, Lutz Meschke. Notwendig seien etwa ein leistungsfähiges und nachhaltiges Stromnetz sowie der Aufbau einer Schnellladeinfrastruktur. Regierungschef Kretschmann und die Automobilbosse betonten, dass der Dialog langfristig angelegt sei. Noch für eine längere Zeit würden Verbrennungsmotoren und Elektroantriebe nebeneinander existieren.

Taskforce soll Aktivitäten bündeln und abstimmen

Auf Landesebene hat sich nach Darstellung der Regierung eine Taskforce - eine interministerielle Arbeitsgruppe - gebildet. Diese soll auf höchster Entscheidungsebene Aktivitäten der Ministerien für Verkehr, Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt und Digitalisierung bündeln und abstimmen. Zentrale Schaltstelle ist das Staatsministerium. So etwas habe es für dieses Gebiet im Südwesten noch nie gegeben, sagte Kretschmann. Das Reizthema der Branche - die in Stuttgart für 2018 erstmals geplanten Fahrverbote für alte Diesel - blieb außen vor.

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), die ebenfalls dabei ist, betonte jüngst, dass ihr Haus bereits mit der Branche im Dialog stehe. Sie will den Strukturwandel der Branche mit einem Transformationsbeirat begleiten. Den Dialog mit der Industrie hat die Landesregierung allerdings schon in der vorherigen Legislaturperiode gestartet: Hoffmeister-Krauts Vorgänger im Amt, Nils Schmid (SPD), hatte ähnliche Gespräche geführt und 2012 selbst einen „Automobildialog“ angestoßen - bevor Kretschmann das Thema nun in größerem Maßstab mit hochrangiger Besetzung zur Chefsache machte.

BUND:  „Das war ein Autogipgel“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat den Verlauf des Strategietreffens der Automobilwirtschaft kritisiert. „Das war leider das, was ich erwartete habe: eine Abfolge von Statements der Automobilwirtschaft und der Politik“, sagte die Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender der Heilbronner Stimme. Deswegen verstehe sie nicht, dass Kretschmann es ablehne, bei der Veranstaltung von einem „Autogipfel“ zu sprechen. „Das war ein Autogipfel. Ein Treffen der Automobilindustrie im erweiterten Sinne“, so Dahlbender weiter.

Wenn die E-Mobilität neben den Verbrennungsmotor wie von der Industrie gefordert aufgebaut werden solle, führe dies zu einem noch höheren Energieverbrauch. „So kann man die Klimaschutzziele nicht erreichen. Wir brauchen eine Verkehrsreduzierung“, sagte Dahlbender.