Feinstaub: Umweltverbände kritisieren offizielle Messstellen

Stuttgart/Heilbronn  Sind die Standorte der Feinstaub-Messungen zuverlässig? Umweltverbände haben daran Zweifel. Ein Projekt unserer Redaktion misst die Umweltbelastungen an verschiedenen Standorten in Heilbronn.

Von Lisa Reiff und Jens Dierolf

Kritik an Feinstaub-Messstellen

Im Herbst beginnt die Feinstaub-Saison. In Heilbronn sind die offiziellen Werte rückläufig. Foto: Ralf Seidel

 

Zu Beginn der Feinstaubsaison warnen Umweltverbände vor verfälschten Ergebnissen der Messungen. Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, hält die Resultate für ungenau. Er kritisierte gegenüber unserer Zeitung: "Es gibt viel zu wenige Messstationen." Auch die Auswahl der Mess-Standorte sieht er kritisch. "Wir kennen Beispiele, in denen Stationen in verkehrsabgewandten Gebieten aufgestellt wurden. So werden möglicherweise politisch gewollt die Ergebnisse beschönigt." Reschs Fazit: "Bei einer anderen Platzierung der Stationen werden sehr wahrscheinlich höhere Belastungen herauskommen."

Ähnlich äußerte sich Klaus-Peter Gussfeld, Verkehrsreferent beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). "Die offiziellen Messstellen geben nur einen groben Überblick über die Feinstaubbelastung. Weil sie relativ teuer sind, wird nicht an allen wünschenswerten Stellen gemessen."

Kann es wirklich sein, dass die Werte in Heilbronn zurückgehen?

Die Landesanstalt für Umwelt, Messung und Naturschutz (LUBW) kontrolliert die Luftqualität in Heilbronn an zwei Standorten: in der stark befahrenen Weinsberger Straße und in der Hans-Rießer-Straße. Seit Jahren sind diese gemessenen Werte hier rückläufig. Die Stimme geht dem Verdacht geschönter Werte nach. Unsere Online-Redaktion hat nun 15 eigene Messgeräte gebaut und an ausgewählten Standorten verteilt. Tatjana Erkert, Pressesprecherin der LUBW bestätigt, dass die verwendeten selbstgebauten Messgeräte "relativ gut funktionieren" und nur bei besonders feuchter und kalter Luft Probleme haben.

Hier geht's zum Feinstaub-Projekt der Heilbronner Stimme

Sie betonte, dass es Kommunen selbst sind, die die Standorte für die Spotmessungen festlegen. BUND-Referent Gussfeld begrüßt die zusätzlichen Messungen: Auch wenn die kleinen Geräte ungenauer seien als die offiziellen, "können sie wichtige Anhaltspunkte liefern, wo die Behörden nachmessen sollten". Er vermutet: "Orte im Stuttgarter Umland, Ludwigsburg, Ilsfeld oder Tübingen und Mannheim könnten in Wirklichkeit höher belastet sein, als es die offiziellen Daten signalisieren."

Die Politik drücke sich, das Problem anzugehen, solange die Werte scheinbar gut sind. Gussfeld forderte eine verkehrspolitische Wende. Jürgen Resch kritisierte: "Bei Direkteinspritzern von Benzinern sind zehnmal so hohe Partikelwerte zulässig wie bei Diesel-Fahrzeugen." Das sei ein "völlig absurdes Verschmutzungsprivileg". 

Die Stadt Stuttgart hat gestern zum dritten Mal in dieser Periode Feinstaub-Alarm ausgerufen. Er gilt ab Mittwoch um 0 Uhr.

Streit um Grenzwerte

Kritik regt sich nicht nur an der Zahl der Feinstaub-Messstellen. Umweltschützer bemängeln auch die aus ihrer Sicht zu laxen Feinstaub-Grenzwerte. Partikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer (PM 2,5) würden derzeit viel zu wenig berücksichtigt. Dabei seien diese Partikel gesundheitsschädlicher als die untersuchten Partikel mit einem Durchmesser von 10 Mikrometer (PM 10). "Die offiziellen EU-Grenzwerte sind nur halb so streng wie die der Weltgesundheitsorganisation. Würden die WHO-Werte gelten, und würden auch Kleinstpartikel untersucht, hätten wir ein massives Problem in den Städten", sagte BUND-Referent Klaus-Peter Gussfeld.