„Ein Wochenendvater ist kein vollständiger Vater“

Heilbronn  Der Heidelberger Psychologe Victor Chu beschreibt in seinem Buch „Vaterliebe“ die sich verändernde Vaterrolle in unserer „Übergangsgesellschaft“.

Von Adrian Hoffmann

Er warnt: Wenn Väter kein Interesse an ihren Kindern haben oder umgekehrt, Väter nicht präsent sein dürfen im Leben ihrer Kinder, entstehe in der Seele des Kindes ein Loch, das manchmal bis zu seinem Lebensende bestehen bleibe.

Das Vatersein ist die wohl wichtigste Aufgabe im Leben eines Mannes, schreibt Psychologe Victor Chu aus Heidelberg in seinem Buch „Vaterliebe“. Er selbst hatte einen Vater, der viel arbeitete und wenig präsent war in seinem Leben – was dazu führte, dass Chu immer diese unausgesprochene Sehnsucht in sich trug. Victor Chu versuchte, in Bezug auf seine eigenen Kinder vieles anders zu machen, sich mehr Zeit zu nehmen, und stellte doch immer wieder fest, dass er sich erstaunlich oft so verhielt wie sein eigener Vater.

Die heutige Vaterrolle werde in unserer Übergangsgesellschaft oft nicht wahrgenommen. „Wenn man die Bedeutung des Vaters in der Familie hervorheben möchte, wird einem von Vertretern der Gender Mainstreaming vorgeworfen, man wolle die Ungleichheit der Geschlechter wieder etablieren. Alleinerziehende Mütter, die von ihren Männern verlassen und enttäuscht worden sind, möchten nichts mehr mit der Männerwelt zu tun haben.

Befürworter der traditionellen patriarchalischen Familie möchten die Frau zurück an Heim und Herd schicken und den Mann als Hausherr wieder etablieren.“ Kurzum: Man(n) kann es kaum einem recht machen. Man sitze zwischen den Stühlen, wenn man für eine aufgewogene Aufteilung von Familien- und Erwerbsarbeit plädiere und gleichzeitig auf die spezifische Bedeutung des Vaters in der Familie auf der einen und der Mutter auf der anderen Seite hinweise, so Chu, der eine steile These vertritt: Es sei im Interesse aller, dass Erziehungs- und Erwerbsarbeit langfristig zwischen Vater und Mutter gleich verteilt sind. Die Neoemanzipation der Papas sozusagen.

Gegenpol

Das Buch „Vaterliebe“ ist aktueller denn je, da viele moderne Papas im Leben ihrer Kinder präsenter sein wollen als sie es in ihrer eigenen Kindheit erfahren haben. Noch dazu wirbt der Staat mit ausgedehnten Elternzeiten auch für den Vater. Wer sich in die Erkenntnisse von Victor Chu vertieft, wird das nur als konsequent betrachten. „Für das Kind bildet der Vater den Gegenpol zur Mutter. Er lädt das Kind ins Abenteuer, ins Unbekannte ein und gibt ihm Halt und Sicherheit im unvertrauten Milieu.“ Durch Vater und Mutter erfahre das Kind beide Pole: Progression und Regression, Hinauswachen und sich Ausruhen. Diese für die Kindesentwicklung wichtige Dreiecksbildung nennt die Psychoanalyse Triangulierung – durch eine erfolgreiche Triangulierung lerne das Kind, angstfrei in die Autonomie hinauszugehen. „Es überwindet die ausschließliche Mutter-Kind-Symbiose und lernt, wie es später als Erwachsener nicht nur eine Zweierbeziehung, sondern auch eine Dreierbeziehung mit Partner leben kann.“

Schlimm, wenn kein Vater da ist, so Chu: Die psychischen Folgen eines Vatermangels dürften nicht unterschätzt werden. Das Kind suche nach anderen Beziehungen außer zur Mutter. Wenn die Mutter dies nicht zulasse und kein Vater als alternative Bindungsperson da ist, bleibe das Kind bei der Mutter – bisweilen bleibe es „in“ der Mutter, wie von ihr verschluckt. Im Extremfall sei das Kind „unfähig, ohne die Mutter zu überleben, aber auch unfähig, eine eigenständige Person zu werden“. Ein Wochenendvater sei kein vollständiger Vater. „In der Seele des Kindes entsteht ein Loch, das manchmal bis zu seinem Lebensende weiter besteht und gefüllt werden möchte.“

Christliche Glaube

Der christliche Glaube gründe sich, wenn man die Jungfrauengeburt Jesu ernst nehme, auf einem fehlenden biologischen Vater, schreibt Chu. „War Jesus ein Mann, der seinen Vater nicht kannte und sich deshalb umso mehr einem himmlischen Vater verbunden fühlte? Viele Charakteristika der Person Jesu könnten durchaus als Symptome für das Fehlen des Vatersund als Reaktion auf seine Vaterlosigkeit angesehen werden: seine Feinfühligkeit, sein Charisma, sein ambivalentes Verhältnis zu seiner Mutter, seine Selbstüberschätzung, die zu seinem Tod führte.“ Seine Geschichte vom verlorenen Sohn berge die Vorstellung eines idealen, alles erduldenden und verzeihenden Vaters. Demgegenüber weise sein Schrei am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ auf die Verzweiflung eines vom Vater verlassenen Kindes hin.

Seine Nachfolger ließen sich „Papa“ nennen (Papst auf Lateinisch). Victor Chu: „Es ist schwer nachvollziehbar, dass sich zölibatär lebende Männer, die nicht heiraten und keine Kinder bekommen dürfen, Vater nennen lassen."

Wenn eine ganze Kultur auf der Vaterlosigkeit seines Stifters beruhe, „nimmt es nicht wunder, dass Vaterlosigkeit und Vatermangel als normal angesehen werden“, schreib Chu weiter. „Damit geht eine fast unmerkliche Herabsetzung des leiblichen Vaters einher." 

Zum Autor

Victor Chu ist ein Arzt und Diplompsychologe. Er arbeitet als Psychotherapeut , Seminarleiter und Ausbilder am Gestalt-Institut in Heidelberg. Seine Frau und er haben vier Kinder.

Vaterliebe, Klett-Verlag, 22,95 Euro, 300 Seiten, ISBN: 978-3-608-98063-9