Wider das Vergessen

Von unserem Redaktions- mitglied Heiko Pappenberger

Wider das Vergessen
Schreiben als Aufgabe: Hanna Krall thematisiert in ihren Büchern die Grausamkeiten des Nazi-Regimes.Foto: dpa 

Stuttgart - Etwas schüchtern steht Hanna Krall im Scheinwerferlicht des Audimax der Universität Stuttgart. Ein großer Blumenstrauß verdeckt die zierliche Frau fast vollständig. In ein schwarzes, schlichtes Kostüm gekleidet, genießt die 74-Jährige am Donnerstagabend den minutenlangen Applaus von über 500 Gästen. Gerade hat die polnische Schriftstellerin den mit 25 000 Euro dotierten Würth-Preis für Europäische Literatur erhalten.

Spuren

"Wenn es nichts mehr zu tun gibt, dann sollte man einfach ein Blatt Papier und einen Bleistift holen", sagt sie lächelnd und beschreibt damit lapidar ihr Wirken als Autorin.

"Die polnische Schriftstellerin Hanna Krall hat als Chronistin des Holocaust jahrzehntelang nach den Spuren eines ausgelöschten jüdischen Lebens in Mittel- und Osteuropa geforscht", begründet Harald Weinrich, Mitglied der Jury unter Vorsitz von Harald Unkelbach, die Entscheidung der Preisrichter. "Mit ihrem Lebenswerk hat sie die europäische Nachkriegsliteratur um ein wichtiges Dokument bereichert", fährt der Professor aus Wismar fort.

Der Rassenwahn und die Irrungen des zweiten Weltkrieges ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk von Hanna Krall: Als kleines Mädchen überlebte sie den Nazi-Terror in ihrer Heimat, als Journalistin schrieb sie für die regimekritische Zeitschrift "Polityka" im kommunistischen Polen und thematisierte in ihren Reportagen schon früh das Verhältnis von Recht und Unrecht, von Herrschenden und Unterdrückten. Sie schlug sich schreibend auf die Seite der Andersdenkenden und Unangepassten: "Ich will bei denen wohnen, die auch noch morgen verfolgt werden", lässt sie eine ihrer Romanfiguren einmal sagen. Mit der literarischen Reportage "Dem Herrgott zuvorkommen", die den Alltag im Warschauer Ghetto in den Mittelpunkt rückt, gelangt sie 1979 zu Weltruhm. Im Mittelpunkt von Hanna Kralls Büchern stehen die Menschen und ihre ganz persönlichen Geschichten.

Sie lässt ihre Figuren frei sprechen, spielt dabei die distanzierte Reporterin und erreicht so ihr Ziel: Eine schonungslose Analyse der Abgründe der menschlichen Seele. "Sie beschreibt anhand von Einzelschicksalen den bürokratisch organisierten Massenmord", erläutert die Wiener Publizistin Sigrid Löffler in ihrer Laudatio.

Beklemmung

Die Textpassagen aus dem neuen Roman "Rosa Straußenfedern", erschienen im Verlag Neue Kritik, die sie an diesem Abend vorträgt, sind beklemmend und verstörend − es herrscht minutenlanges, andächtiges Schweigen.

Hanna Krall möchte gegen die Verzweiflung anschreiben, sie beseitigen: "Die Schicksale meiner Protagonisten sollen niemals in Vergessenheit geraten", ruft sie am Ende des Abends dem Publikum zu.




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