Liebesstürme und moralische Fesseln

Stuttgart - Jossi Wieler und Sergio Morabito zeichnen in ihrer tschechisch gesungenen Inszenierung von Janáceks "Katja Kabanova" ein differenziertes und bildmächtiges Seelengemälde der Titelfigur.

Von Theophil Hammer

Liebesstürme und moralische Fesseln
Eine hinreißend intensive Katja Kabanova: Mary Mills.Foto: A.T. Schaefer

Stuttgart - Jossi Wieler und Sergio Morabito zeichnen in ihrer tschechisch gesungenen Inszenierung von Janáceks "Katja Kabanova" ein differenziertes und bildmächtiges Seelengemälde der Titelfigur.

Eine junge Frau wird von der diktatorischen Schwiegermutter (Leandra Overmann) schikaniert, vom Ehemann (Torsten Hofmann) nur halbherzig geliebt. Die Enge der selbstgerechten Dorfgemeinschaft nimmt ihr die Luft zum Atmen. Nachts kann sie nicht schlafen. Träume wecken in ihr unerfüllte Sehnsüchte. Das sexuelle Begehren wird übermächtig, begleitet von moralischen Skrupeln.

Dass sie sich mit dem vom Onkel drangsalierten Boris (Pavel Cernoch) einlässt, macht die Angelegenheit nicht einfacher. Zwei Ausgestoßene suchen Liebe und Glück. Die Ausweglosigkeit ihrer Existenz bringt Katja Kabanova um den Verstand und führt dazu, dass sie ins Wasser geht. Das Regie-Duo schafft für Katjas Seelenpein und innere Zerrissenheit die richtige Fallhöhe, weil es die Handlung, die auf Alexander Ostrowskijs Schauspiel "Gewitter" zurückgeht, in der Vergangenheit einer folkloristisch anmutenden Dorfidylle belässt. Katja kann den gesellschaftlichen und familiären Zwängen nicht entfliehen.

Zaungäste Die junge Warwara (aufmüpfig-temperamentvoll: Tina Hörhold) ist da schon viel weiter. Die will ihr Leben leben, lieben, wen sie will, etwa den feschen Kudrjasch (Matthias Klink), anziehen, was sie will, keine Kompromisse schließen. Katja versucht, sich mit der Schwiegermutter zu arrangieren, den Ehemann mit ihren Reizen zu betören, ihre Schuld öffentlich zu machen. Mary Mills bietet sängerisch und darstellerisch ein hinreißendes Rollen-Porträt. Die inneren Kämpfe und Gefühlswallungen der Katja werden erlebbar.

Der Zaun, den Bühnenbildner Bert Neumann quer über die Bühne am Ufer der Wolga aufstellt, wirkt wie eine Chiffre für die Trennungslinie zwischen Katja und der dörflichen Gemeinschaft. Als Zaungäste verfolgen die Dorfbewohners Katjas Fall. Nun erst entlädt sich bei Tichon der ganze aufgestaute Hass, und er verprügelt seine Mutter.

Michael Schønwandt und das Staatsorchester musizieren Janáceks Partitur mit Leidenschaft und dem nötigen Klangsinn. Reicher Beifall für eine erhellende Inszenierung und ein prächtiges Ensemble.

Weitere Vorstellungen: 12., 15., 20., 24. und 27. Mai, Karten unter 0711/202090.