Flüchtige Kunst

Stuttgart/Ludwigsburg - Tanz ist die innovativste Kunstform des 21. Jahrhunderts, beurteilen nicht nur Experten die Entwicklung dieser flüchtigen Kunst. Dass dahinter neben einem Training, das es mit Hochleistungssport locker aufnimmt, Tradition steht, ist kein Widerspruch.

Von unserer Redakteurin Claudia Ihlefeld

Flüchtige Kunst
In Stuttgart steht mit "La Sylphide" die Ur-Ballerina des romantischen Balletts wieder auf dem Spielplan (Maria Eichwald und Friedemann Vogel).Foto: Stuttgarter Ballett

Stuttgart/Ludwigsburg - Tanz ist die innovativste Kunstform des 21. Jahrhunderts, beurteilen nicht nur Experten die Entwicklung dieser flüchtigen Kunst. Dass dahinter neben einem Training, das es mit Hochleistungssport locker aufnimmt, Tradition steht, ist kein Widerspruch.

Wie erfrischend Traditionspflege und wie innovativ tänzerisches Crossover sein kann, davon gab es jetzt zwei bemerkenswerte Beispiele. Mit "La Sylphide" ist das älteste erhaltene Ballett wieder in der Stuttgarter Oper zu sehen. In der Fassung von Peter Schaufuss (1979) nach August Bournonville (1836), mit interessanten Rollendebüts − und mit Gastauftritten zweier Stuttgarter Altstars. Marcia Haydée und Egon Madsen schlüpfen an verschiedenen Abenden in die Rolle der Wahrsagerin Madge.

Als einmaliges Gastspiel bot das Forum in Ludwigsburg mit Angelin Preljocajs "Und dann tausend Jahre Stille" die von der Kritik als Tanzstück 2010 geschätzte Fusion aus klassischer und zeitgenössischer Technik zu elektronischer Musik.

Wer sich auf die fantastische Stuttgarter Märchenwelt einlässt und die herzerweichende Story vom Bauernjungen James, dem am Tag seiner Hochzeit im Traum eine Sylphide (Naturgeist) erscheint, die ihm ihre Liebe erklärt, erlebt Traditionspflege auf virtuosem Niveau. Und das mit einer − bei allem Respekt für dieses Monument der Ballettgeschichte − wohldosierten Ironie.

Maria Eichwald ist eine hinreißende Sylphide (in der Premiere) und bringt als formvollendet ätherisches Wesen den ganzen Lebensplan von James durcheinander. Den tanzt Friedemann Vogel charmant und schmachtend, sprungstark und souverän. Marcia Haydée als Wahrsagerin Madge punktet beim begeisterten Publikum allein schon durch ihre Bühnenpräsenz. Diabolisch grinsend überreicht sie James den Schal, mit dem er die flüchtige Sylphide an sich binden soll.

Romantischer Stoff

Als James ihr das Tuch um die Schultern legt, fallen ihre Flügel ab, und sie stirbt. Ein topromantischer Stoff und eine tragische Heldin, die vor bald 180 Jahren zum Inbegriff der Ballerina wurde, zum grazilen Wesen auf Spitzenschuhen. In Kopenhagen seit 1836 fest auf dem Spielplan, ist die Wiederaufnahme dieses Klassikers durch die frische Stuttgarter Compagnie ein Abend für die Sinne.

Ganz andere Bilder ruft die getanzte Apokalypse des Ballet Preljocaj im Ludwigsburger Forum wach. Visionen von Krieg und Ektase, Sünde und Hoffnung auf Erlösung reihen der französische Choreograph und seine Truppe aus Aix-en-Provence aneinander. Als Preljocaj anlässlich eines französisch-russischen Jahres "Und dann tausend Jahre Stille" mit eigenen und Tänzern des Moskauer Bolschoi-Balletts erarbeitete, waren Kritik wie Publikum gleichermaßen begeistert. Seither haben beide Ensembles die Produktion im Repertoire.

Zur Technomusik von Laurent Garnier und Beethovens "Mondscheinsonate" erkunden 21 Tänzer und Tänzerinnen die archaischen Wurzeln immergleicher Rituale. Auf faszinierend gleichförmige, serielle Gruppenformationen folgen harte, hämmernde und dynamische Duette und kurze Soli, kühle, erotische Nummern und dazu die hippen Kostüme vom prämierten Designer Igor Chapurin: Preljocajs Stille als lautstarker, verführerischer, mitunter langatmiger Bewegungsstrom.

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Kontrastprogramm zeitgenössischer Tanz: Das Ballet Preljocaj aus Aix-en-Provence mit "Und dann tausend Jahre Stille" im Forum in Ludwigsburg.Foto: Ballet Preljocaj