Yello in Stuttgart: Besser als Fußball

Konzertbericht  Was tut man an einem Freitagabend in der Landeshauptstadt? Man geht zum VfB oder zu einem Konzert des Schweizer Elektronikduos Yello. Unser Autor ist sich sicher, die bessere Wahl getroffen zu haben.

Von Heiko Fritze

Yello in der Porsche-Arena
Yello in der Porsche-Arena. Foto: Gugau  

Man kann so vieles tun an einem Freitagabend in der Landeshauptstadt. Zu einem Heimspiel des VfB gehen, zum Beispiel. Oder zum Konzert des legendären Schweizer Elektronikduos Yello. Beides findet nahezu gleichzeitig statt, das eine im Daimler-Stadion, das andere in der Porsche-Arena. 55.000 gegenüber knapp 5000 Fans, und beide mit großer Erwartungshaltung.

Während sich die Kicker noch warmlaufen, betritt Boris Blank mit den Tourmusikern – Bläserquintett, Gitarrist, Schlagzeuger, Perkussionist – die Bühne. „Magma“ eröffnet als Instrumentalstück das Set, ehe Sänger Dieter Meier hinzukommt. Seine 72 Jahre sieht man dem nicht an – die graumelierten Haare sind wie eh und je nach hinten gegelt, die Hornbrille wirkt als Akzent, im Anzug mit Halstuch und Einstecktuch wirkt er wie ein Conferencier, nicht wie die Stimme eines der erfolgreichsten Elektronik-Projekte der Vor-Techno-Ära.

Hämmernde Stakkatorhythmen

Mit leichtem Schweizerdeutsch-Einschlag erzählt er auch zunächst: „Wir haben uns immer gefragt, wie es sein würde, auf der Bühne zu sein. Aber wir sagten uns: Do it!“ Und schon hämmern die Stakkatorhythmen des jüngsten Songs ihres Programms los.

Nebenan wird wohl gerade angepfiffen, als in der Halle „Bostich“ erklingt, jener Tanzflächenfüller von 1980, der seinen Siegeszug ausgerechnet in US-Diskos startete. Meier beherrscht ihn immer noch, den Sprechgesang in wahnwitzigem Tempo, während Schlagzeuger und Perkussionist für noch härtere Beats als gewohnt sorgen.

Überhaupt – die Band liefert einen herausragenden Sound. Klangtüftler Boris Blank bastelt die Yello-Songs seit jeher alleine zusammen, einst mit Bandmaschine, nun mit Computertechnik. Nun sind es aber echte Bläser, die etwa bei „Rhythm Divine“, einem Song wie für einen James-Bond-Film, im Einsatz sind. Das sorgt für deutlich mehr Wucht als Sounds aus der Konserve. Als i-Tüpfelchen laufen stets hinzukomponierte Videos auf der riesigen Leinwand, in denen die Musiker auch selbst auftauchen, oft von einer Livekamera hinzugeblendet. 

Cooles Groovegerät mit Kultstatus

Yello in der Porsche-Arena
Seine 72 Jahre merkt man Sänger Dieter Meier nicht an. Foto: Gugau  

Yello präsentieren sich als Gesamtkunstwerk, als cooles Groovegerät, das zu Recht einen Kultstatus in der Technoszene besitzt. Kaum zu glauben, dass dies ihre allererste Konzerttour ist, 38 Jahre nach dem Start. Die Songs finden sich in Filmen wieder, in Erkennungsmelodien von Fernsehserien und Radiosendern. Den 55.000 nebenan wird aber kaum etwas davon geläufig sein – zur Stadionhymne wurde jedenfalls noch kein Track der beiden Schweizer.

Wie die Band heute arbeitet, präsentiert Boris Blank zu Beginn der Zugabe: Mit iPhone und der „Yellofier App“ bastelt er live ein neues Sound- und Samplegerüst, auf das Dieter Meier wieder den Text von „Bostich“ legt – mal mehr, mal weniger passend. „Wir sind jeden Abend überglücklich, wenn das halbwegs klappt“, meint er danach. „Vicious Games“ und das lang gezogene „The Race“ beschließen dann den umjubelten Auftritt.

Es sind noch zehn Minuten bis zum Schlusspfiff, als die Menge zufrieden aus der Halle und zu ihren Autos eilt, um den herausströmenden Fanmassen von nebenan zu entgehen. Wer schnell genug war, kann im Radio die Live-Übertragung der Schlussphase hören. Stuttgart verliert. Man kann seinen Abend eben auch besser verbringen.