Wie aus der Zeitmaschine

Stuttgart  Die Berliner Psychedelic-Rockband Kadavar entführt in die 70er Jahre.

Von Heiko Fritze

Tatsächlich, so könnten Black Sabbath klingen, würden sie mit heutiger Technik ihren ganz eigenen Stil gerade jetzt kreieren. Optisch passt es jedenfalls bestens:  Langhaarige Kerls mit wilden Bärten stehen da auf der Bühne des Stuttgarter LKA, die Instrumente sind so tief gestimmt, dass es dröhnt, und Effektgeräte sorgen für reichlich Hall und Verzerrungen.

Rund um sie verteilt zehn Riesen-Glühbirnen, Rauch steigt auf und schafft eine Atmosphäre wie in den verrauchten Clubs vor 40 Jahren. Den Zuhörern stehen raue Zeiten bevor, und so eröffnen Kadavar ihr Set auch mit "Rough Times", dem Titelstück ihres neuen, vierten Albums.

"Tier", wie das Viech aus der Muppets Show

Wild und ungezügelt gehen die drei Berliner zu Werke, und dementsprechend haben sie sich Tiernamen gegeben: Sänger und Gitarrist Christoph Lindemann ist "Lupus", Bassist Simon Bouteloup "Dragon" und Schlagzeuger Christoph Bartelt "Tiger". Er könnte sich aber auch "Tier" nennen, nach dem Viech aus der Muppets Show: Immer wieder starrt er mit irren, wilden Augen zwischen den Songs in die Menge, beginnt dann wie hypnotisiert den nächsten Takt zu schlagen.

Während des ganzen Konzerts wird er außerdem von einem Ventilator von unten umfächelt, so dass seine Haare wild hochwehen - es hat schon seinen Grund, dass das Schlagzeug vorne und höher als sonst platziert worden ist. Auch Lupus lässt seine langen Haare fliegen - seine beeindruckend lange Matte lässt so manchen Metal-Fan vor Neid erblassen. Lediglich Dragon verzichtet auf größere Aktion, typische Basser-Pose eben.

Energie strömt von der Bühne

Optik und Show sind das eine. Überzeugen muss stets trotzdem die Musik. Und da lassen Kadavar keine Chance auf Entkommen: Druckvoll geht es nach vorne. Das Set ist gleichmäßig aus den vier Studioalben zusammengesetzt, die von der 2010 gegründeten Truppe bislang veröffentlicht wurden. Die Effektgeräte schaffen ordentlich Atmosphäre. Pure Energie strömt von der Bühne. "Tribulation Nation" etwa, ein stampfendes Ungetüm, das sich über die Massen wälzt und noch lange nachhallt. Es passt alles zusammen, und würde jetzt noch "Paranoid" gespielt, es würde sich bestens einfügen.

Doch die drei Berliner setzen nicht nur auf die Urväter des Metal: Als erste Zugabe liefern sie "New Rose" der britischen Punk-Urgesteine The Damned. Schade bloß, dass während des gesamten Gigs die Stimme meist ein wenig untergeht. Dabei lässt gerade der extreme Hall beim Gesang die Zuhörer so richtig zurückkehren in die 70er Jahre, als die Psychedelic Rocker die letzten Reste der anzugtragenden Beatbands von der Bühne fegten. Mag sein, dass die Bands von damals inzwischen selbst nicht mehr existieren. Nach 90 Minuten rauen Zeiten verlässt das Publikum mit einer zufriedenstellenden Gewisseheit das LKA: Mit Kadavar ist die alte Ära wieder auferstanden.