Cro hat keine Lust mehr auf Stress und Rekordjagd

Interview  Dem Erfolgsrapper Cro (27) ist das Leben auf der Überholspur irgendwann zu viel geworden: "Ich bin früher von einem Termin zum anderen gerannt." Jetzt will er es ruhiger angehen - und mehr für die Familie da sein.

Von Thomas Bremser, dpa

Cro
Der deutsche Rapper «CRO». Foto: Herbert P. Oczeret/APA/dpa/Archiv

Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Mutter getextet?

Da muss ich nachgucken. Wir haben einen WhatsApp-Gruppenchat für die Familie, da ist täglich Action. Aber persönlich geschrieben habe ich ihr das letzte Mal, als ich in Barcelona am Strand lag.
 

Sie sprechen in „2kx“ sehr emotional darüber, wie Sie während der letzten Jahre die Familie vernachlässigt haben. Wie sehr hat Sie das in den letzten Jahren beschäftigt?

Ich denke oft darüber nach, dass sie immer da sind, haben sich nicht einmal beschwert, und ich bin eigentlich nie da - zum Beispiel zu Taufen, Geburtstagen oder Hochzeiten. Sobald das Album draußen ist, wird sich das aber wieder ändern. Familie ist unglaublich wichtig. Wenn alles wegbricht, ist es das Einzige, auf das man sich stützen kann.
 

Im Song heißt es „Ist nicht immer alles easy“, was den Bogen zu Ihrer ersten Single schlägt. Wie einfach ist denn die Phase in Ihrem Leben im Vergleich zu den musikalischen Anfängen?

Es sind viele Dinge einfacher geworden, andere dafür schwerer. Aber mein Team und ich versuchen, den Stress zu umgehen. Wenn sich etwas unangenehm anfühlt, machen wir es halt so, dass es Spaß macht. Viele arbeiten, schuften, machen und tun, aber vergessen dabei, dass man ja auch leben muss. Wir vereinen das.
 

Sie wohnen neuerdings mit vielen aus Ihrem Team in einem Haus in Stuttgart zusammen.

Genau. Wir arbeiten da die Dinge ab, machen aber auch Grillpartys. Früher musste ich zu Besprechungen ständig aus der Pampa nach Stuttgart fahren und wurde geblitzt. Ich wollte aber eine gemeinsame Basis, wo alle arbeiten und schlafen können. Der Kühlschrank ist voll, es gibt super viele Instrumente und es weht ein unglaublich guter Spirit.


Die Songs auf dem neuen Album wirken ernsthafter und experimenteller. Das war ja sicher kein Zufall, oder?

Nein. Ich habe mich in meiner Klangästhetik nicht verändert, habe mich aber musikalisch weiterentwickelt und arbeite mit Gitarren, Bässen, Klavieren, Schlagzeugen, neuen Mikrofonen und tausenden von Synthesizern. Ich habe mir super viel Wissen angeeignet, was sich krass anfühlt.
 

Auch die Texte wirken tiefer...

Ich bin früher von einem Termin zum anderen gerannt. Unterschrift hier, Text schreiben da, kurz angehört, raus damit, weiter. Rekorde, Rekorde, Rekorde. Jetzt hab' ich mich gefragt: Was kannst du erzählen? Wie kannst du die Leute abholen? Welche Bilder kannst du malen?


Wie haben Sie den Rummel um Ihre Person in den vier Jahren davor denn erlebt?

Es war wie so ein „Forrest-Gump“-Lauf. Noch ein Rekord, immer Action, immer weiter. Ein Tag besser als der andere. Bis ich irgendwann angehalten habe, wie „Forrest Gump“, und nach Hause gegangen bin.


Gab es einen speziellen Grund anzuhalten?

Es war im Sommer nach der „Unplugged“-Tour, als ich mir Fragen stellte, wie: Wo bin ich? Was hab' ich? Wo will ich hin? Was ist echt, was ist Fake? Cro, Carlo, die Maske. Darum auch diese Themen. Ich habe immer überlegt, was das große Thema für das Album sein könnte. Bis ich gemerkt habe, dass ich alleine Thema genug bin.


Nummer-1-Alben, ausverkaufte Tourneen, Preise, es ging immer bergauf. Dann kam Ihr erster Kinofilm in Zusammenarbeit mit Til Schweiger, der floppte. Wie sehr hat Ihnen das zu schaffen gemacht?

Nicht wirklich. Als ich das mitbekommen habe, war ich im Urlaub. Ich habe aufs Meer geguckt, die Surfer beobachtet und gedacht: Es gibt Schlimmeres. Der Film wurde halt in Deutschland nicht angenommen.


Ende Mai haben Sie den Song „Baum“ veröffentlicht. Im Video lassen Sie Ihr Leben Revue passieren und überfahren am Ende als Carlo ihr Alter Ego Cro. Wie gespannt waren Sie auf die Kommentare und Theorien der Fans im Internet?

Ich war wie ein kleines Kind. Im Normalfall lese ich die Kommentare unter einem Bild nicht, aber da war ich total gespannt. Die einen schreiben: „Der neue Cro“, die anderen: „Der alte Cro“. Ich dachte: Jetzt entscheidet euch mal! Ich persönlich würde sagen, dass ich immer noch der alte bin.


Aber die Hoffnung einiger Fans, dass Sie die Panda-Maske fallen lassen, müssen Sie enttäuschen...

Ja, die Theorie stimmt nicht. Sonst hätte ich mein Gesicht am Ende des Videos ja gezeigt. Die Maske wird sogar noch ein größeres Gewicht haben. Der Song ist eine Metapher fürs Fehlermachen. Am Ende stirbt das alte, fehlermachende Ich und das neue läuft weiter.


Aber es würde schon irgendwie zu dem nachdenklicheren Sound auf dem Album passen, wenn die Maske fallen würde, oder?

Schon, aber ich finde nicht, dass irgendetwas fehlt, weil ich mein Gesicht nicht zeige. Ganz im Gegenteil. Wenn es nur um die Musik gehen soll, dann darf es eigentlich gar kein Gesicht oder keine Maske mehr geben. Nur die Musik.


Sie halten Ihr Privatleben aus der Öffentlichkeit raus, trotzdem sind Sie auf dem Album sehr persönlich und ehrlich.

Keine Zeile ist gelogen. Ich habe ja keine Insider verraten, sondern Gefühle. Ich finde das richtig und wichtig. Die Menschen fühlen das. Auf der anderen Seite: Wenn es nur um mich geht, kann damit keiner etwas anfangen. Ich mag keine Alben, auf denen es in 15 Tracks darum geht, dass jemand mit seinem Leben und seiner Drogensucht nicht klarkommt. Aber ich habe es ganz gut hinbekommen, dass jeder die Themen auch auf sich münzen kann.