Comic Con: Schaulaufen der Superhelden

Reportage  Bunt, schrill, international: 50 000 Fans kamen am vergangenen Wochenende zur Szenemesse Comic Con in Stuttgart zusammen. Ein Rundgang durch eine Welt voller Spinnenmännern, jungen Zauberern und Science-Fiction-Bösewichten.

Von Sascha Sprenger

Schaulaufen der Superhelden
Weit über zwei Meter misst dieses Modell eines Transformers im Original. Zwischendurch lief er durch die Halle. Foto:  

Deadpool schaut ein wenig ungläubig, als er um die Ecke biegt und plötzlich Wolverine gegenübersteht. Dieser ist mit seinen Krallen aus Adamantium, seinem blutverschmierten Unterhemd und seinem bösen Blick auch eine etwas furchteinflößende Erscheinung. Aber selbst dieser harte Kerl ist etwas irritiert ob des rosa Hello-Kitty-Rucksacks, den Deadpool über die Brust geschnallt hat. Langsam nähern sich die beiden einander an. Die Luft ist zum Zerreißen gespannt.

Einige Schaulustige bleiben stehen und halten den Atem an − und zücken ihre Fotoapparate und Smartphones. Was wird passieren? Wenn zwei Superhelden dieses Kalibers aufeinandertreffen, kann es schon mal heiß hergehen. Doch dann fangen beide an zu lachen, umarmen sich. "Starkes Outfit", lobt Deadpool. "Cooler Rucksack" gibt Wolverine zurück. Ein paar Fotos, kurzer Smalltalk, dann verschwinden beide wieder in der Menge.

Normale Kleidung tragen nur die wenigsten

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Gute Laune beim "Möter" aus Spaceballs: Er ist halb Mensch, halb Köter. Foto:  

Szenen wie diese sind normal auf einer Comic Con, dem Inbegriff der Messen für Comic- und Fantasy-Fans. 50 000 davon kamen am vergangenen Wochenende in die Stuttgarter Messe und verwandelten die Veranstaltung in eine Party. Sie alle verbindet eine große Leidenschaft: die Liebe zu Superhelden und Fantasiewelten. Neid oder Missgunst ist ihnen dagegen fremd. Sie respektieren jeden, der ihre Passion teilt − ob er nun als Batman herumläuft, als Manga-Mädchen, Darth Vader oder Indiana Jones, als Spiderman, Hobbit, Harry Potter oder als Minion. 

Denn: So ganz normale Kleidung ist nur vereinzelt zu sehen. Ein spezielles T-Shirt mit ihrem Helden oder aus einer speziellen Serie oder einem Comic haben fast alle an. Doch viele gehen noch weiter und erscheinen in einer kompletten Verkleidung. Es sind Tausende, die in Stuttgart so ihrer Leidenschaft Ausdruck verleihen. Und diese "Cosplayer", wie der Trend heißt, der aus Japan immer mehr nach Europa herüberschwappt, beweisen eine enorme Fantasie: Viele sitzen wochenlang an ihren Kostümen, schneidern sie teilweise selbst, verbringen Stunden mit Schminken, um dem Original möglichst nahe zu kommen.

"Immer noch der Wahnsinn"

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Wolverine trifft auf Wolverine: Links das frühe Original aus den Comics, rechts die spätere Version aus den Hollywood-Filmen. Foto:  

Bunt, schrill, international − auch das ist die Comic Con. Die beiden US-Amerikaner Kimberly und Andrew reisen gerade durch Deutschland. Als sie die Plakate gesehen haben, war ihre Entscheidung klar: "Das müssen wir sehen." Und die beiden sind positiv überrascht. "Es ist schön zu sehen, dass es auch hier so viele Fans gibt. Vorher dachte ich, so etwas gäbe es in dieser Form nur in den USA", sagt Kimberly.

Für Svenja und Vanessa aus Bretzfeld ist es nach 2016 an gleicher Stelle ihre zweite Comic Con − aber bestimmt nicht ihre letzte, wie sie sagen. "Letztes Jahr sind wir nur mit großen Augen hier durchgerannt. Dieses Mal wussten wir ja, was auf uns zukommt − aber es ist immer noch der Wahnsinn", erklärt Vanessa. Svenja mag vor allem, dass man hier alles von Nahem sehen, testen und anfassen kann. "Das ist schon anders, als wenn man die Dinge im Internet sieht."

Eine Menge bunte Charaktere 

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Ungläubiges Staunen: Beim Anblick von Deadpool bleibt einem schon mal die Luft weg. Foto:  

"Ja, es ist fast wie eine Reizüberflutung, aber es ist großartig", erzählt auch Himi. Die 28-Jährige ist extra aus Berlin angereist. "Es ist so bunt und vielfältig, man kommt aus dem Staunen gar nicht heraus." Sie selbst ist als Volleyballerin aus einem japanischen Sport-Anime verkleidet, ihre Freundinnen Akira und Eddie aus Karlsruhe als Charaktere aus der Manga-Serie "Black Butler" − farbige Kontaktlinsen inklusive. Kennengelernt haben sie sich im sozialen Netzwerk Instagram, trafen sich erstmals auf einer ähnlichen Veranstaltung bei der Leipziger Buchmesse. 

Seitdem treffen sie sich immer wieder, bevorzugt auf einer Comic Con. "Hier geht alles so familiär zu. Alle sind gut drauf, keiner guckt einen schief an", erklärt Akira. Das sei im Alltag nicht immer der Fall. "Ab und zu wird man immer noch als Freak bezeichnet, selbst in einer Stadt wie Berlin", beklagt sich Himi. Das ärgert auch Akira: "Fußballfans laufen mit Shirts, Schals, Mützen und Tröten durch die Gegend, und das wird als normal angesehen. Von Karneval mal ganz abgesehen."

Schauspieler und Serienstars zum Greifen nah

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Schauspieler Dirk Benedict ("A-Team") unterhält die Fans. Foto:  

Dabei kann die Comic Con stimmungstechnisch mit Fußball oder Karneval durchaus mithalten. Denn zu einer solchen Messe gehören neben rund 200 Comiczeichnern auch Schauspieler aus Genrefilmen oder Serien, die für Fotos und Autogramme zur Verfügung stehen − oder sich bei sogenannten Panels den Fragen des Publikums stellen. Dirk Benedict, bekannt als Faceman aus der Serie "A-Team" oder Lt. Starbuck aus "Kampfstern Galactica", zeigte beispielsweise, dass er auch als Entertainer durchgehen würde. 

Jubel brandete auch immer wieder bei John Barrowman auf. Der Star aus der Serie "Torchwood" kam im blauen kurzen Einteiler und scheute sich nicht, zu den Fans hautnah auf Tuchfühlung zu gehen. Als die (zumeist weiblichen) Fragestellerinnen schüchtern fragen, ob sie ihn umarmen dürfen, stimmt er zu. Selbst einen Klaps auf den Hintern lässt er sich geben − aber nicht, ohne sich unter dem Grölen des Publikums mit einem schnellen Griff sofort zu revanchieren.

Keine Zeit, um Verbrecher zu jagen

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Volles Haus: Rund 50 000 Besucher kamen an zwei Tagen zur Comic Con und deckten sich mit Fanutensilien und Comics ein. Foto:  

Von solch ansatzweise schlüpfrigen Szenen abgesehen, passt das Wort familiär für die Comic Con wie Batmans Faust aufs Auge eines Bösewichtes. Denn das Publikum ist bunt gemischt: Selbst Babys sind mit dabei, teilweise sogar verkleidet. Wie der sieben Monate alte Rafael, der einen Strampler im Polizei-Look aus der Serie "Castle" trägt, passend zu den Eltern Marion und Frank. "Das ist schon seine dritte Comic Con", erzählen die beiden, die seit 20 Jahren in der Szene aktiv sind.

Etwas abseits gönnen sich Lorenzo und Simon − oder besser: Spiderman und Anakin Skywalker − eine Pause und verzehren einen Baumkuchen. "Es ist anstrengend, die nette Spinne aus der Nachbarschaft zu sein", sagt Lorenzo. "Dauernd kommen kleine Kinder und wollen ein Foto mit mir machen. Dabei muss ich doch eigentlich Verbrecher jagen." Doch sein Grinsen verrät, dass er das eigentlich genießt. So wie die Fans ihre Comic Con.