Schöner sterben mit Alice
Von Andreas Gugau
Stuttgart - Der Tod muss sich manchmal so vorkommen, als würde er von Alice Cooper nicht nur rechts überholt, sondern dabei auch noch ausgelacht. Viermal ist der Altrocker auf der Bühne der Stuttgarter Porsche-Arena binnen 80 Minuten ins Jenseits befördert worden. Keiner stirbt auf der Bühne schneller als der 62-Jährige, keiner spektakulärer.
Dabei hat er sich zu seiner „Theatre of Death“-Show („Theater des Todes“) doch extra eine Krankenschwester mitgebracht. Aber wer weiß, was die mit ihm hinter der Bühne macht, nachdem sie ihn abgeschleppt hat? Zurück kommt der alte Mann im Rollstuhl und während die „Nurse Rozetta“ mit einer (offenbar echten) Flex funkensprühend an ihrem (vermutlich nicht echten) Keuschheitsgürtel herumhantiert, wird dem Meister der Galgen gerichtet. Zur Mitte der Show wird er aufgehängt. Der Tod ist da und das beileibe nicht zum ersten Mal.
Best-Of-Show
Alice Cooper legt von Anfang an ordentlich los, startet seine allabendliche Gewaltorgie mit seinem Superhit „School's out“. Stücke von der Sorte hat er sogar noch mehr als Sterbeszenen dabei: „No more Mr. Niceguy“ folgt, dann „Eighteen“ und schon wartet die Guillotine. Ein Konzert von Alice Cooper ist eine Best-Of-Veranstaltung. Keine Längen, keine Patzer, alles hundertmal gespielt, der Sound gut, zum Ende hin ordentlich laut, der Musiker ist präsent, erscheint stark und nach 40 Jahren Bühnenshow nur noch ein bisschen aufregender als ein Konzertmitschnitt auf DVD. Die Show ist berechenbar, bekannt und doch immer wieder ein Hochgenuss.
Das Kunstblut aus jungen Jahren, mit dem er einst Szenen aus Folterkeller, Schlafzimmer und dunklen Häuserecken tünchte, ist einer Batterie roter Scheinwerfer gewichen. Fast scheint es, als schwimme die Bühne im Blut. Die Schlange um den Hals, das überlässt der Amerikaner inzwischen anderen. Auch die schwarze Umrandung um die Augen ist kleiner geworden. Aber die Stimme, die überzeugt nach wie vor. Stechend und präzise, oft peitschend und meist scharf wie des Messers Schneide singt der Zeremonienmeister seine Hits.
Und er ist – völlig zurecht - von sich überzeugt. Als Alice Cooper seine Band vorstellt, gönnt er jedem Musiker seinen Applaus, um sich dann mit „Me“ („Ich“) selbst vorzustellen. Dreimal. Er genießt die Begeisterung der rund 3500 Zuschauer. Zwischendurch hat er noch einen Roadie elendig erstochen, die strippende Krankenschwester hinter dem Vorhang erwürgt und zu „Billion Dollar Babies“ aufgespießte Geldscheine vom Degen geschleudert. Die Baby-Puppe wurde eher beiläufig per Fechtwaffe enthauptet.
Überzeugende Sopranistin
Den Weg zum Bühnen-Friedhof geebnet hat vorher eine ganze Stunde lang Tarja Turunen. Die finnische Sopranistin, ehemals Sängerin der Band Nightwish, überzeugt mit ihrer brillianten Stimme. So sicher, wie sie mit ihren High Heels auf der Bühne rockt, auf die Monitor-Boxen steigt und sich mit dem sitzenden, kurzhaarigen Cellisten Max Lilja Headbang-Duette leistet, genauso sicher präsentiert sie sich beim Gesang auf fast drei Oktaven.
Nur zu Beginn kommt die Vorband etwas dünn daher, ist der Sound hohl und leer. Der Mann am Mischpult reagiert schnell und schon während des ersten Stücks, „Dark Star“, wird's bereits besser. Beim nachfolgenden „My little Phoenix“ ist der Klang dann angemessen und einnehmend.
Auch die Sängerin steigert sich noch, präsentiert „I feel immortal“ mit einer unglaublich vollen Stimme und singt sich über zehn Stücke langsam aber sicher in die Ohren der Besucher. Mit „Nemo“ und „Over the Hills and far away“ präsentiert sie zwei Stücke aus der erfolgreichen Nightwish-Ära. Ist der Applaus am Anfang noch „wohlwollend“, gibt es zum Ende begeisterten Beifall und Szenenapplaus, den Tarja Turunen mit einer typischen Rocker-Handbewegung quittiert: ausgestreckter Zeige- und kleiner Finger. Die Hörner des Teufels. Welch reizende Begleitung auf dem Weg zum Schafott!
Info
Alice Cooper hat zuletzt vor wenigen Tagen die Live-DVD „Theatre of Death: Live at Hammersmith 2009“ veröffentlicht. Sein bislang letztes Studio-Album erschien 2008: „Along Came a Spider“. Tarja Turunen hat ihr zweites Solo-Album „What lies Beneath“ im September auf den Markt gebracht.
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