11.03.09 | Amoklauf von Winnenden


 
 Bildergalerie: Amoklauf Winnenden | 11.03.09
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Eine Stadt mit vielen Wunden

Von Marcel Auermann

Eine Stadt mit vielen Wunden
Rosen, Teddybären und Briefe sind verschwunden. Die Albertville-Realschule ist ein verlassenes Gebäude. Nur noch ein einziges Trauerlicht brennt. Foto: Marcel Auermann 

Winnenden - Ein Knall auf der Marktstraße in Winnenden. "Gott, was war das?" Eine Passantin ist vollkommen außer sich. Sie nimmt die Hand ihres Mannes und drückt immer stärker zu. "Weißt Du, weißt Du...", stammelt sie, kann den Satz nicht zu Ende bringen und schaut sich mit schreckhaft aufgerissenen Augen um.

Es ist trüb und kalt. Der Regen prasselt unablässig. Ein Luftballon vor einem Handyladen platzte in dem Moment, als das Paar gerade vorbeilief. Was die Dame auf einmal dachte? Das muss man in der schwäbischen Kleinstadt mit knapp 30.000 Einwohnern keinem erklären.

Kaum einer kann ein Knallen hören, ohne an Schüsse denken zu müssen. Es sind die kleinen Dinge, die die Wunden wieder aufreißen. Plötzlich läuft der Film vom 11. März wieder ab. Als Tim K. in den Klassenraum 305 der Albertville-Realschule stürmte und um sich schoss.

In der Fußgängerzone

Die Bürger kommen wieder aus ihren Häusern. Sie gehen auf den Markt. Sie stehen im Supermarkt an der Kasse Schlange. Ein Jugendlicher sprüht sich in einer Drogerie Parfum aufs Handgelenk, um herauszufinden, welcher Duft sich am besten als Weihnachtsgeschenk für Mutter eignet. In der Fußgängerzone mit ihren schönen alten Fachwerkhäusern sind die Cafés gut gefüllt. Im Friseursalon direkt unterm Torbogen lässt sich eine ältere Dame eine Dauerwelle verpassen. "Dass ich zum Fest wieder hübsch bin", scherzt sie. Ja, es gibt sie, die Zeichen von Lebenslust.

Wenn das Vergessen, das Verdrängen nur so einfach wäre. Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit. Hardy Schober hasst solche Tage, an denen es nicht richtig hell wird, und die Autos selbst um die Mittagszeit noch mit Licht unterwegs sind. "Man ist doch schon melancholisch genug", meint er. Schober war in seinem früheren Leben Finanzberater. Der 50-Jährige verlor am 11. März seine 15-jährige Tochter Jana. Sie starb im Krankenhaus. Drei Tage danach wusste er, dass er jetzt etwas anderes machen muss, er nicht mehr in seinem alten Beruf arbeiten kann. Er gründete die Stiftung Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden. Ziel: Gewalt an Schulen zu verhindern. "Mein Kind hat mir aufgetragen, diese Aufgabe in Deutschland zu erledigen", sagt er.

Er sagt aber auch: "Wir werden in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum haben. Denn den hab' ich doch immer mit meiner Tochter zusammen geschmückt und aufgestellt." Das verkraftet Hardy Schober nicht. Noch nicht. Vielleicht nie mehr. Er wisse nicht, wie es in ein paar Jahren aussehe. Aber jetzt? "Wir stellen viele, viele Kerzen auf und ein schönes Gesteck." Er wolle möglichst wenig Rummel. "Denn nur die Familie gibt Halt."

Dann steht noch Silvester mit der sinnlosen Böllerei bevor. "Am liebsten würde ich flüchten", sagt der Vater knapp. Aber er müsse auf seine zweite Tochter Rücksicht nehmen. Er könne ihr all das nicht verwehren. So wird er mit seiner Frau und Familien feiern, die auch ihre Kinder verloren haben. Für ihn seien das keine "Feiertage". Nicht mehr.

In der Kirche Innehalten. Das wird in Winnenden mit jedem Monat schwieriger. Wer Ruhe finden will, muss in die katholische Kirche St. Karl Borromäus, in der auch die Feier nach der Tat stattfand. Dort ist seit Mitte April eine "Klagemauer" aufgebaut. Immer wieder kommen Trauernde vorbei. Sie rollen Zettel mit Botschaften zusammen und stecken sie in die roten Ziegel. Darauf stehen dann nachdenkliche, traurige Sätze wie: "Freunde sind wie Sterne. Sie sind nicht immer sichtbar, aber doch immer da."

Auf dem Boden: Kerzen, Blumen und ein zerbrochener Spiegel. Daneben ein Porzellanfigürchen mit einem Brief: "Das ist ab heute euer Schutzengel - euer Denis". Jemand bastelte aus gelbem Papier eine Sonne und schrieb "Alleinsein - wie schaffe ich das?"

Am Tatort

In der Stadt gibt es jetzt, neun Monate nach dem Amoklauf, immer öfter Stimmen, dass nur die direkt Betroffenen des Amoklaufes so aus der Bahn geworfen wurden. Doch das ist nicht wahr. Nicht einmal äußerlich ist in Winnenden wieder alles beim Alten. Zwar sind die Fotos, Kränze, Rosen, Stofftiere, Kerzen, Glückssteine, Briefe, schwarzen Trauerbänder vor der Albertville-Realschule weggeräumt. Der Matschstreifen, den die vielen Schaulustigen hinterlassen haben, ist repariert. Die Übertragungswagen der vielen Fernsehsender sind schon viel länger weg und stehen jetzt woanders.

Der Unterricht findet aber in einem Provisorium statt, das neben einer Sporthalle untergebracht ist. 156 Container, 2600 Quadratmeter Fläche, ein Erdgeschoss, ein erster Stock, 20 Klassenzimmer. 14 neue Lehrer hat das Land genehmigt und eine zusätzliche stellvertretende Schulleiterin. Auch in der Schulgemeinschaft änderte sich einiges. Knapp 600 Jugendliche erlebten die Tat, 500 nahmen inzwischen an psychologischen Gesprächen teil. Bis heute sind 50 in ambulanter psychologischer Behandlung.

Daneben immer wieder und Gott sei Dank die Zeichen der Freude: Alle 101 Schüler der zehnten Jahrgangsstufe, in der es die meisten Opfer gab, schafften ihren Abschluss. Rektorin Astrid Hahn spricht von "kleinen Schritten in eine gewisse Normalität".

Aber in Wahrheit ist noch nichts vorbei in Winnenden. In vielen Wohnzimmern wird in diesem Jahr ein anderes Weihnachten gefeiert. Es ist nun eine andere Stadt. Eine, in der ein platzender Luftballon im Alltag genügt, um die Erinnerungen an den Alptraum hervorzurufen.

12.12.2009


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Amoklauf Winnenden | STIMME.tv






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