11.03.09 | Amoklauf von Winnenden


 
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„Akku leer“: Leiterin der Albertville-Realschule geht

Von Wenke Böhm


Winnenden - Der Amoklauf an der Albertville-Realschule vom 11. März 2009 hat die Rektorin Astrid Hahn an ihre Grenzen geführt - jetzt verlässt sie die Schule. „Die Aufgabe, die mir durch diese Tat gestellt wurde, war wohl die schwierigste, die man als Schulleiterin bekommen kann“, sagt die 58-Jährige am Mittwoch in den Containern, die den knapp 600 Schülern in Winnenden seit dem Massaker als Behelfsquartier dienen. Schon zum ersten August dieses Jahres will Hahn aus gesundheitlichen Gründen in den vorzeitigen Ruhestand gehen, wenn sich rechtzeitig ein geeigneter Nachfolger finden lässt. Sie leitet die Schule seit 2003.

Ein Grund für den früheren Abschied sei die große körperliche und psychische Belastung in dem Jahr nach dem Amoklauf. Am 11. März 2009 hatte ein ehemaliger Schüler in der Einrichtung acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Er brachte weitere drei Menschen um und tötete sich selbst.

„Es fällt mir schwer loszulassen, weil ich mit der Aufgabe sehr verbunden bin. Aber es ist einfach richtig so“, sagt die Lehrerin für Mathematik und Chemie. Obwohl sie auch eine Hochbetroffene sei, habe sie vom ersten Moment an 200 Prozent geben müssen. „Das hat mich an die Grenze meiner Kraft geführt, sie teilweise sogar überstiegen.“ Beklagen wolle sie sich aber nicht, denn sie habe viel Unterstützung in der schweren Zeit erfahren.

Bei ihrem Abschied lenkt sie wieder einmal den Blick nach vorn -auf dem Umbau der Schule. „Mein Nachfolger soll die Chance haben, diesen Neuanfang mitzugestalten.“ Die Planungen seien bereits auf einem guten Weg. Sie wolle jetzt nicht auch noch die Detailentscheidungen fällen. Erleichtert werde ihr der Abschied ein wenig dadurch, dass die letzten von der Bluttat direkt betroffenen Schüler im Sommer die Schule verlassen. „Ich gehe quasi mit ihnen.“ Es sei auch deshalb eine gute Zeit, den Stab weiterzureichen, weil sie jetzt noch die Kraft habe, den Nachfolger in der Anfangszeit bei Bedarf noch etwas zu begleiten.

Die Stelle wird jetzt landesweit ausgeschrieben, erklärt der Leitende Stuttgarter Regierungsschuldirektor Wolfgang Schiele. Der Nachfolger müsse auf jeden Fall eine Menge Einfühlungsvermögen mitbringen. „Als ich hörte, dass Frau Hahn aufhört, dachte ich im ersten Moment: "Mein Gott, und dann?"“, sagt er. Inzwischen halte er die Entscheidung für richtig. Auch die Kollegen, die schon informiert wurden, hätten verständnisvoll reagiert, berichtet Hahn. Bedauern und Trauer hätten trotzdem einige geäußert. Die Schüler und Eltern wurden am Mittwoch in einem Elternbrief über den nahenden Abschied informiert. „Es ist wichtig, dass man sehr sensibel damit umgeht“, betont die Rektorin.

Lob gibt es von offizieller Seite für die scheidende Schulleiterin. „Sie hat sich mit all ihren Kräften so für ihre Schule eingesetzt, dass ihr größte Anerkennung gebührt. Sie ist ein Vorbild für uns alle“, schreibt Kultusministerin Marion Schick (CDU). Und Regierungspräsident Johannes Schmalzl macht deutlich: „Astrid Hahn hat unmittelbar nach der Amoktat unter dem Einsatz aller psychischen und physischen Kräfte Außerordentliches geleistet.“

Ihre Karriere startete Hahn in ihrer Geburtsstadt Schwäbisch Gmünd, wo sie 1968 ihr Abitur machte und anschließend an der Pädagogischen Hochschule Mathematik und Chemie studierte. 1974 trat sie ihren Dienst als Lehrerin an der Realschule Welzheim an. Im Jahr 2001 wurde sie zur stellvertretenden Schulleiterin an der Realschule Plüderhausen bestellt, bevor sie zwei Jahre später die Leitung der Albertville-Realschule übernahm.

Pläne für ihren Ruhestand hat sie noch nicht gefasst. Dafür sei einfach noch zu viel zu tun. „Klar ist nur, dass ich mir ein bisschen mehr Zeit für mich selbst nehmen möchte. Diese Zeit hatte ich seit dem 11. März 2009 kaum.“ Ihr Mann und die beiden erwachsenen Kinder hätten sich mit Ratschlägen eher zurückgehalten, sich dann aber über ihre Entscheidung gefreut. „Ich habe in meinem ganzen Leben nicht soviel gearbeitet wie seit dem 11. März. Irgendwann ist einfach der Akku leer.“


31.03.2010


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