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Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran
Von Claudia Ihlefeld
Heilbronn - Die Straße als Schule des Lebens: In der Rue de Bleue bekommt diese Weisheit eine besondere Note. Notgedrungen lernt der zwölfjährige Moses früh, sich durchzusetzen. Seine Mutter hat gleich nach der Geburt ihn und den Vater verlassen, mit dem unnahbaren Mann lebt der Junge seitdem in einer kleinen Wohnung in Paris.
Mit dem Araber von der Ecke, der kein Araber ist, sondern Moslem aus dem Goldenen Halbmond in Ostanatolien, freundet sich Moses an. Der schweigsame Monsieur Ibrahim weist ihn behutsam in die wesentlichen Dinge des Lebens ein.
Ein Welterfolg Früh sucht der Junge die Liebe zu den Nutten im Viertel. Als der Vater, ein arbeitsloser Rechtsanwalt, sich vor den Zug wirft, ist Moses ganz auf sich gestellt - doch da adoptiert ihn Monsieur Ibrahim, der seinen jüdischen Schützling Momo nennt. Mit „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ gelang dem französischen Autor Eric-Emmanuel Schmitt ein Welterfolg. Ursprünglich ein Theaterstück, diente die 2001 veröffentlichte Erzählung auch als Vorlage für die Verfilmung mit Omar Sharif. Von den Kinobildern aber muss sich der Zuschauer lösen, der sich wieder dem Bühnenstück nähert.
Frank Lienert-Mondanelli, ein erklärter Liebhaber dieses Textes über Freundschaft, Toleranz, aber auch Fatalismus, hat „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ zu einem eineinhalbstündigen Theatermonolog in den Kammerspielen Heilbronn verdichtet. Ein orientalischer Teppich, ein Schemel, ein Sonnensegel, schräg gespannt wie ein Beduinenzelt, und eine Flasche Wasser für den Schauspieler: Das Treiben im Kolonialwarenladen des Monsieur Ibrahim, das Leben im Pariser Nuttenviertel Rue de Paradis, hier wird es reduziert auf ein Dialogstück. Lienert-Mondanelli zieht die Schuhe aus, bevor er auf den Teppich tritt und ein wenig tänzelt, wie ein Derwisch mit angezogener Handbremse. Rückblickend erzählt er aus der Perspektive des Jungen Moses und übernimmt auch die Rollen der Erwachsenen.
Ernsthaft und belehrend Dabei entsteht ein Missverhältnis: Der verschmitzte Charme des kleinen Moses, der es faustdick hinter den Ohren hat, geht verloren. Denn Lienert-Mondanelli ist Erzähler, Figur und Kommentator in Personalunion - und zu belehrend, so dass man das Mannwerden von Moses kaum als turbulentes Coming-of-Age erlebt.
Noch bevor Moses in die Fußstapfen von Monsieur Ibrahim tritt und zu Momo wird, dem Nachfolge-Araber in der Rue Bleue, verleiht ihm der Schauspieler Lienert-Mondanelli eine Ernsthaftigkeit, die dem Text von Eric-Emmanuel Schmitt die Leichtigkeit nimmt. Das Lächeln, das Monsieur Ibrahim Momo lehrt als Waffe im täglichen Überlebenskampf, gefriert auf den Lippen von Lienert-Mondanelli zu einem schmalen, fast verbissenen Grinsen. So gerät - vielleicht auch gewollt - „Monsieur Ibrahim“ in den Kammerspielen zu einem Sozialdrama. Und die Blumen des Koran?
Sie sind die poetische Metapher dafür, dass Religion, egal welche, immer auch die gelebte Erfahrung jedes Einzelnen ist - jenseits der Dogmen. So wie die getrockneten Blumen zwischen den Seiten von Monsieur Ibrahims Koran.
Nächste Vorstellungen „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“: 28. Februar, 20 Uhr, 15. März, 20 Uhr, 22. März, 18 Uhr, Kartentelefon 07131/563001.
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