«Lenker und Denker»: Bob-Trainer Bethge in Rente

Von Frank Kastner und Michael Fox, dpa

Die Bilanz von Raimund Bethge vor dem abschließenden Viererbob-Rennen ist sicherlich einmalig in der Welt: 66 Gold-, 49 Silber- und 53 Bronze-Medaillen errangen die deutschen Bob- und Skeletonpiloten unter seiner Regie bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften.

Erfolgstrainer
Raimund Bethge bei einer Pressekonferenz im November 2006. 

Doch nach den Winterspielen ist dieses Kapitel beendet. Der 62-jährige Cheftrainer hat seinen Abschied wie zuvor auch seine Erfolge im Detail geplant. «Am 30. Juni ist Schluss, am 7. Juli feiere ich Geburtstag, ab 1. August gehe ich in Rente», meinte Bethge, dem der Schreck nach dem Sturz der Bobfrauen Cathleen Martini/Romy Logsch auch am Tag danach noch in den Gliedern steckte.

Schließlich handelte der «Denker und Lenker» immer nach der Devise: «Gesundheit steht an erster Stelle. Ich wollte die Mädels und Jungs immer gesund wieder nach Hause bringen, denn wir sind und bleiben eine Risiko-Sportart», sagte der Coach, der seine schwersten Stunden vor gut vier Jahren erlebte. Mitten im Training fuhr ihn am 30. November 2005 in Kurve zehn der Olympia-Bahn in Cesana ein australischer Zweierbob an und verletzte ihn an beiden Beinen schwer. Die Auswirkungen spürt er noch heute. Nach zahlreichen Operationen und einer Thrombose in den Beinen wollte er sogar auf den Flug nach Vancouver verzichten. Doch eine emotionale Aktion in St. Moritz, als das komplette Team mit T-Shirts «Raimund for Whistler» auflief, stimmte ihn doch noch um.

Die Lobeshymnen für den bescheidenen, aber im Leistungssport knallharten Strategen sind lang. «Er ist ein Glücksfall für unseren Verband», meinte Verbands-Präsident Andreas Trautvetter. Anschieber Kevin Kuske betonte: «Er ist einzigartig. Es herrscht immer ein großer Respekt, wenn er den Raum betritt. Er ist die lenkende Kraft mit seiner Perfektion.» Nach seinem Unfall in Cesana klebte Sandra Kiriasis ein Foto von Bethge an die Innenseite ihres Bobs - und raste für den Coach zum Olympia-Gold.

Bethge hielt den Laden mit seiner besonnenen Art zusammen. Sätze wie «nicht meine Arbeit hat zu den Erfolgen geführt, sondern die, die zu Hause geleistet wurde» waren typisch für den ehemaligen Bremser von Meinhard Nehmer, der 1977 im Vierer WM-Gold gewann.

Bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger tut sich der Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) schwer. Carsten Embach, Gerd Leopold, Olaf Hampel, Rene Spies und Christoph Langen wurden bereits gehandelt, wobei der Letztgenannte wohl die größten Chancen besitzt. «Es gibt mehrere Kandidaten, und davon ist Christoph einer», sagte BSD-Sportdirektor und Generalsekretär Thomas Schwab am Donnerstag in Whistler und stellte klar: «Es gibt noch keinen Beschluss.»

Da Bethge nicht von heute auf morgen «Servus» sagen kann und das Donnern der Kufen an den Kunsteisbahnen dieser Welt sicher vermissen wird, überlegt er, noch ein Jahr dranzuhängen. Allerdings nicht als Cheftrainer. «Vielleicht als Trainer von Skeletoni Anja Huber, wenn sie es denn wünscht. Aber nur, wenn der BSD und der dann verantwortliche Trainer es befürworten», sagte Bethge. Die olympische Silber-Medaillengewinnerin Huber überlegt nicht lange: «Ich weiß es zu schätzen, es wäre für mich das Größte, wenn ich zusammen mit ihm noch die Heim-WM 2011 in Königssee angehen kann.»

26.02.2010


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