Das große Warten - Auf dem Weg nach Vancouver

Von Lars Müller-Appenzeller


Heilbronn/Vancouver - Warten kann wahnsinnig machen. Vor allem beim Wahnsinn Olympische Spiele. Die Athleten haben ihr Quartier bezogen, sei es im Trainingslager oder schon im olympischen Dorf. Im Gepäck haben sie: zum Teil schöne Erinnerungen, alle große Hoffnungen, und einen Rucksack mit großen Erwartungen. Bernhard Schwank, Chef de Mission der 152 deutschen Athleten, sagt: „Wir treten hier an, um ganz vorne mitzukämpfen. Wir streben an, Platz eins zu wiederholen.“ Platz eins im Medaillenspiegel. Gold ist die Währung bei Olympischen Spielen.
 
Michael Greis weiß, wie man Olympia-Gold gewinnt. In Turin vor vier Jahren hatte der Biathlet drei der insgesamt elf deutschen Glücklichmacher besorgt. Er weiß: „Ich kann nichts wiederholen, ich muss die Sache spielerisch locker angehen.“ Durchhalteparolen auf dem Weg zum ersten Start im Whistler Olympic Park. Gut möglich, dass bei einem quicken Gedanken an die drei Turiner Goldstücke ein leichtes Lächeln über sein Gesicht huscht. „Da habe ich ein ganz leichtes Grinsen drauf, denn das muss man erst mal schaffen“, sagt der 33-Jährige aus Nesselwang. „Ich kann was vorweisen, aber gleichzeitig motiviert es mich, das Ganze zu wiederholen.“ Nur gehe das nicht so einfach. Viele reisten topp drauf nach Vancouver, „dann kommt der Kopf dazu“. Der Kopf: Mal ist er Freund, mal ist er Feind. Mal ist er Engelchen, das auf das Beste hofft, mal ist er Teufelchen, das das Schlimmste befürchtet.

Kombinierer
 
Manchmal ist der Kopf auch schlicht ein Rätsel. So wie bei Georg Hettich. Der Kombinierer hat 2006 sensationell Gold, Silber sowie Bronze geholt und sagt: „Alleine der Moment des Olympiasieges – dafür hat es sich rentiert, 14 Jahre Leistungssport zu machen.“ Aber man brauche nicht viel darüber reden, „das kann ich nicht wiederholen“, sagt der Ersatzmann aus Schonach. „Ich weiß selber nicht mehr genau, wie ich das damals in Pragelato gemacht habe.“ Olympische Spiele sind wie ein Pokalspiel: „Sie haben ihre eigenen Gesetze, wie alle erzählen. Ich weiß es ja nicht“, sagt Hettichs Kollege Tino Edelmann. Es sind die ersten Spiele für die Medaillenhoffnung, was auch für Biathletin Magdalena Neuner und Ski-Ass Maria Riesch gilt. Die hat beim Warten auf die Spiele schon festgestellt: „Es ist nun mal Olympia: besonders großer Druck, besonders große Aufregung.“
 
Maria Riesch hat besonders viele Gelegenheiten, eine Medaille zu gewinnen. Es sind tatsächlich fünf. Snowboarderin Amelie Kober hat nur eine Chance – und gilt dabei als Goldbank. Die Silbermedaillengewinnerin von Turin hat am Wochenende beim Parallelriesenslalom von Bayerischzell triumphiert, es war ihr neunter Weltcupsieg. Ein gutes Omen, oder? 2009 „habe ich auch das letzte Rennen vor der WM gewonnen und am Ende hat gar nichts geklappt“, sagt die 22-Jährige. Der (Aber-)Glaube versetzt Berge – was gerade im Wintersport hilfreich sein kann. Oder problematisch.
 
Wer es nach Vancouver oder Whistler Mountain geschafft hat, ist noch lange nicht am Start - geschweige denn am großen Ziel. „Es kann noch so viel passieren: Erkältung, Verletzung im Training, Umknicken morgens beim Aufstehen und und und“, sagt die lebende Rodel-Legende Silke Kraushaar-Pielach. „Ich habe in meiner aktiven Zeit immer gesagt: Ich bin bei Olympia erst dann tatsächlich dabei, wenn ich auf dem Startbock sitze.“ Warten kann gefährlich sein.
 
Pascal Bodmer macht die Warterei nichts aus. Der 19-Jährige ist Skispringer und deshalb eine coole Socke. Er freut sich auf seine olympische Premiere: „Ich hatte mir schon seit Jahren vorgenommen, dass ich 2010 bei Olympia bin.“ Warten kann wahnsinnig machen. Aber zum Warten gehört auch Vorfreude. Und die ist wahnsinnig schön.
 
Hintergrund: Die deutschen Weltmeister

In neun Disziplinen sind deutsche Sportler als Weltmeister 2009 nach Kanada gereist: Kati Wilhelm (Biathlon/Einzel und Sprint), Aljona Savchenko und Robin Szolkowy (Eiskunstlauf/Paare), Anni Friesinger (Eisschnelllauf/1500 Meter), Jenny Wolf (Eisschnelllauf/500 Meter), Felix Loch (Rodeln/Einsitzer), Marion Trott (Skeleton), Kathrin Hölzl (Ski alpin/Riesenslalom) und Maria Riesch (Ski alpin/Slalom).


09.02.2010

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