"Irgendwann nutzt man sich ab"

Interview  Im Fußball-Geschäft ist immer alles offen, sagt Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann. Mit der Heilbronner Stimme spricht er über Gerüchte, Garantien und Geschenke.

Von Florian Huber

Julian Nagelsmann
Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann. Foto: dpa  

Mitte Februar steht Julian Nagelsmann zwei Jahre bei den Profis der TSG Hoffenheim in der Verantwortung. Im Interview blickt er zurück und voraus. 

Herr Nagelsmann, Sie waren in der Winterpause Skifahren. Sind Sie auf der Piste eher ein Mann für Komfortschwünge oder für Attacke und Vollgas?

Julian Nagelsmann: Ich mache eher mehr Schwünge als weniger. Ich fahre schon gerne schnell, aber nicht geradeaus. Das ist mir zu langweilig.

Also sind Sie als Wintersportler wie als Fußballtrainer lieber offensiv, anstatt defensiv unterwegs.

Nagelsmann: Wir hatten einen super Tiefschnee-Tag in Fieberbrunn. Da muss man offensiv fahren. Sonst bleibt man im Schnee stecken.

Wie offensiv wird Julian Nagelsmann denn als Trainer-Typ in der Rückrunde auftreten?

Nagelsmann: Es gab ja zuletzt vieles, was ich gesagt oder gemacht habe, das zu extremen Wallungen in der Medienwelt geführt hat. Wenn irgendwann der Tag x kommt, an dem ich mich zu sehr verstellen muss, dann mache ich den Job nicht mehr. Dann werde ich lieber Skilehrer.

Sie sagen häufig, was Sie denken. Das kommt in der Branche nicht so oft vor.

Nagelsmann: Ich habe eben keine Lust, so zu sein, wie andere mich gerne hätten. Dafür muss ich mitunter medial meinen Preis zahlen, aber das nehme ich in Kauf. Es ist doch so: Wer Schlagzeilen liefert, der kommt gut weg in den Medien. Wenn man keine mehr liefert, dann suchen sich die Medien selber welche. Dann kommt man weniger gut weg.

Im September sprachen Sie in einem TV-Interview vom Traum, mal die Bayern zu trainieren. War das ein Fehler, weil Sie da allzu forsch waren?

Nagelsmann: 99 Prozent aller Trainer träumen doch von dem großen Club im Bayerischen. Wenn dann einer genau das sagt, dann ist es gleich ein Riesenskandal. Werden die Kollegen das Gleiche gefragt, sagen sie vielleicht nicht ganz die Wahrheit, weil sie diese Schlagzeilen nicht wollen. Aber klar ist: Der Zeitpunkt war natürlich unglücklich, weil wir kurz zuvor gegen die Bayern gewonnen hatten und bei den Bayern Unruhe um Carlo Ancelotti herrschte. Ich hätte das defensiver angehen sollen.

Seither gibt es Gerüchte um Ihre Person. Sie werden in München und Dortmund gehandelt. Dabei haben Sie Ihre Vertragsverlängerung in Hoffenheim im Sommer 2017 bis ins Jahr 2021 damit begründet, dass die Spieler nun Planungssicherheit hätten. Haben Sie und die Spieler genau dies auch für die nächste Saison?

Nagelsmann: Diese Frage stellt sich immer nur den Medien und nicht mir. Den Vertrag bis 2021 zu unterzeichnen, das war doch Statement genug.

Aber Sie könnten doch von sich aus mit einem klaren öffentlichen Bekenntnis zur TSG alle Gerüchte um die Bayern oder Borussia Dortmund sofort beenden.

Nagelsmann: Es gibt im Leben keine Garantien – außer den Tod. Im Fußball-Geschäft ist immer alles offen, in alle Richtungen. Für jede Aussage, egal in welche Richtung ich sie treffe, werde ich hinterher als Idiot dargestellt. Deshalb belasse ich es bei dem Verweis auf die Unterschrift unter dem Vertrag bis 2021.

Mäzen Dietmar Hopp und Geschäftsführer Hansi Flick haben zuletzt betont, dass man erwarte, dass Sie den Vertrag bis mindestens 2019 in Hoffenheim erfüllen. Dann könnten Sie per Ausstiegsklausel gehen.

Nagelsmann: Wenn Dietmar Hopp und Hansi Flick möchten, dass ich den Vertrag erfülle, dann erfülle ich den. Sie dürfen das, ich habe ja einen laufenden Vertrag. Die Ausstiegsklausel für 2019 ist doch auch keine Garantie dafür, dass ich dann weg bin.

Sie sind bald zwei Jahre Bundesligatrainer. Hat Sie die Zeit verändert?

Nagelsmann: Ich bin noch immer der gleiche. Es hat wieder jeder Mitarbeiter zu Weihnachten ein Geschenk von mir bekommen. Ich bin nicht abgehoben.

Was haben Sie denn verschenkt?

Nagelsmann: Ganz unterschiedliche Sachen. Wein, Geld. Aber auch ein Buch. Es heißt „Das Prinzip Gewinnen“.

Sie stehen ständig im Fokus, die Mannschaft eher weniger.

Nagelsmann: Ich würde mir wünschen, dass die Mannschaft mehr Aufmerksamkeit bekommt als immer nur der Trainer. Diese Personifizierung, wie hier bei der TSG Hoffenheim, die gibt es bei keinem anderen Bundesligisten. Als ich hier begonnen habe, da war ich ein zierliches Pflänzchen.

Das ist in der Erde des Kraichgaus gewachsen.

Nagelsmann: Das konnte aber auch nur wachsen, weil es hier einen guten Dünger, einen Nährboden gibt und das Wetter stimmt. Die Fokussierung auf meine Person ist für mich eine große Chance, aber auch ein Risiko. Im Falle des Misserfolgs ist es gut für die Spieler, weil alles auf mich einprasselt. Im Falle des Erfolgs ist das ungerecht, weil die Spieler den größten Anteil haben. Ich weiß, was die Spieler für mich leisten.

Wenn der Trainer Nagelsmann immer so im Rampenlicht steht: Welcher Ihrer Spieler kommt dann in der öffentlichen Wahrnehmung zu schlecht weg?

Nagelsmann: Benjamin Hübners Bedeutung für unser Spiel wird häufig unterschätzt. Und in Bezug auf die Nationalmannschaft wird immer wieder von Torhütern gesprochen, die entweder gar nicht spielen oder schlechter sind als Oliver Baumann. Er hält gut, seine Spieleröffnung ist überragend. Andere Torhüter werden größer gemacht als sie sind, Oliver Baumann sicherlich nicht.

Kann man heutzutage als Fußball-Trainer überhaupt noch zehn Jahre in einem Verein arbeiten?

Nagelsmann: Die Paradebeispiele dafür sind doch Alex Ferguson bei Manchester United (von 1986 bis 2013, Anmerkung d. Redaktion) und Arsene Wenger bei Arsenal (seit 1996). Beide haben jeweils in Drei-Jahres-Zyklen den Kader ausgetauscht, bis auf einen Stamm von vielleicht fünf, sechs Spielern. Wenn du als Verein in der Lage bist, dir alle drei Jahre eine neue Mannschaft zu leisten, dann kann ein Trainer auch zehn Jahre in einem Club Erfolg haben. Irgendwann geht ansonsten die Originalität deiner Ansprachen verloren, man nutzt sich ab. Nicht umsonst hat Pep Guardiola als Trainer so einen Drei-Jahres-Rhythmus bei seinen Vereinen.

Wie haben Sie es denn hier in Hoffenheim geschafft, dass die Beziehung Mannschaft-Trainer in nun bald zwei Jahren frisch geblieben ist?

Nagelsmann: Durch ganz verschiedene Trainingsinhalte und sehr anspruchsvolles Training. Man darf als Trainer auch nicht so engstirnig sein und mit den Spielern nur über Fußball quatschen. Ich habe auch andere Hobbys als nur das Stadion. Als Trainer muss man Nähe zu den Spielern zulassen und darf keine Angst haben, dadurch Autorität zu verlieren.

Hoffenheims Kapitän Kevin Vogt sprach zuletzt vom Anspruch, sich erneut für den Europapokal zu qualifizieren. Was ist Ihr Anspruch für die Restsaison?

Nagelsmann: Im Sport ist es doch so: Wenn die Messlatte mal hochgelegt wurde wie im Vorjahr, dann ist sie natürlich auch der künftige Gradmesser. Wir brauchen ja nicht rumlügen, dass uns Rang sieben oder acht reichen würde.

Wie erklären Sie eigentlich Ihrem dreijährigen Sohn Maximilian, was Sie als Trainer so machen?

Nagelsmann: Er denkt ja, ich spiele selber Fußball: Er war einmal mit im Stadion. Nach dem Spiel hat er gefragt: Papa, wie geht es dir? Dann habe ich gesagt, ich bin ein bisschen kaputt. Seine Antwort war: Du hast doch gar nicht mitgespielt.

Da hat er recht.

Nagelsmann: Noch etwas hat ihn beschäftigt. Warum brüllst du so beim Spiel, Papa? Ich darf nie schreien und du schreist so herum.