Die Unabhängigkeitsbewegung ist im Fußball angekommen

Fußball  Der Konflikt um die Unabhängigkeit von Spanien trifft nicht nur den ehemaligen Fußball-Champions-League-Sieger FC Barcelona mit seinen zahlreichen Stars. Er belastet auch die spanische Nationalmannschaft - weil dort auch Katalanen mitspielen.

Von Stefanie Wahl

Katalonische Liga ist kein Zukunftsmodell

Am Sonntag, dem Tag des Referendums, hat sich der Katalane Gerard Piqué in einem Trikot mit den Farben der katalanischen Flagge aufgewärmt.

Foto: dpa

Die Worte sind hässlich. "Piqué, Arschloch, deine Nation heißt Spanien", skandieren die Fans. Die beleidigenden Worte beim öffentlichen Training haben Gerard Piqué, dem Abwehrass des FC Barcelona, gegolten. Gellende Pfiffe für den 30-Jährigen, der sich mit Spaniens Fußball-Nationalmannschaft im Trainingszentrum in Las Rozas bei Madrid auf das WM-Qualifikationsspiel gegen Albanien vorbereitet hat. Nationalcoach Julen Lopetegui bricht die Einheit nach etwas mehr als zwanzig Minuten ab.

Piqués härtestes Spiel

Gerard Piqué ist Katalane. Sein Verein, der FC Barcelona gilt als die Nationalmannschaft der Region, die um ihre Unabhängigkeit kämpft und wo beim - von der spanischen Zentralregierung nicht anerkannten - Referendum am Sonntag mehr als 90 Prozent für die Unabhängigkeit von Spanien gestimmt haben. Der FC Barcelona hatte deswegen vor leeren Rängen gegen UD Las Palmas gespielt und Gerard Piqué hat das 3:0 das "härteste Spiel" seiner Karriere genannt.

Der Barca-Verteidiger tritt für die Unabhängigkeit Kataloniens ein, wärmt sich im Camp Nou in einem Trikot mit den Farben der katalanischen Flagge auf. Nach der Partie gegen Las Palmas richtet er seine Worte an die spanische Regierung: "Sie haben immer gesagt, dass wir eine kleine Minderheit sind. Es wurde gezeigt, dass das nicht so ist, sondern dass wir Millionen von Menschen sind."

Eskaliert die Situation?

Katalonische Liga ist kein Zukunftsmodell

Chr. Härringer

Foto: Sawatzki

Nicht nur die Fans fragen sich, wie es in Krisenzeiten und der heillos verfahrenen und zu eskalieren drohenden Lage in Katalonien weitergeht? Auch mit dem Fußball. Gerard Piqué hat seinen Rücktritt aus der spanischen Nationalmannschaft angeboten, Julen Lopetegui lehnt die Offerte ab.

Christoph Härringer, Comiczeichner, der seit zwölf Jahren für die Heilbronner Stimme seinen Blick auf die Fußballwelt zeigt, hat zehn Jahre lang in Barcelona und Umgebung gelebt, ist ein intimer Kenner der spanischen Fußballszene und telefoniert derzeit jeden Abend mit seiner Tochter in Premiá de Mar. Aina ist 15 Jahre alt.

Doch mitunter bricht das Mädchen das Gespräch mit Papi abrupt ab. Wenn die Zeit gekommen ist, um zu demonstrieren. Dann klappert Aina wie viele Bewohner der katalanischen Stadt mit ihren etwa 30 000 Einwohnern unweit von Barcelona im Nordosten Spaniens lautstark mit Kochtöpfen. "Das ist eine heiße Angelegenheit", sagt Christoph Härringer, "und ich hoffe, dass es nicht zur Gewalt kommt. Aber die Spanier tragen einen riesigen Geschichtswust mit sich herum."

Das Camp Nou ist ein heiliger Ort

Zu gut weiß der 54-Jährige, der Catalan spricht und inzwischen in Berlin lebt, warum das Camp Nou heilig ist: "Das ist einer der Orte, in denen man katalanisch sprechen darf."

Barcelonas Präsident Josep Maria Bartomeu hat sich klar positioniert - für die Unabhängigkeit. Doch selbst im Falle einer Spaltung, da ist sich Härringer sicher, würde es niemals eine katalonische Liga mit Espanol oder Girona geben. "Mit Ausnahme von Piqué könnte Barca seine Stars niemals halten. Außerdem entspricht das nicht ihrem Selbstverständnis" Es wäre auch nicht im Sinne des spanischen Fußballs. Allein der Gedanke, der Classico gegen Real Madrid könne wegfallen, schmerzt - auch wirtschaftlich - zu sehr. Nirgendwo sonst ist mehr Kampf und Gefühl im Spiel wie bei diesem Duell.

Barcas-Mannschaft ist gespalten

Auch die Fußballer sind gespalten. Hier der ehemalige Barca-Mann Carles Puyol, der offen seine Unterstützung zeigt. Wie der Super-Katalane Xavi oder Andrés Iniesta, der via Twitter einen flammenden Appell schickt, trotz der heiklen Situation um Katalonien bitte keine Gewalt anzuwenden.

 

 

Dort Lionel Messi, der für Argentiniens Nationalelf aufläuft, aber auch die spanische Staatsangehörigkeit besitzt und seit seinem 14. Lebensjahr für Barcelona kickt. "Er sitzt zwischen allen Stühlen", sagt Christoph Härringer - und falle in dem Konflikt bestenfalls damit auf, dass er schweige.