Der Hoffenheimer Kilometerfresser

Fußball  Matthias Bauer kutschiert seit 14 Jahren den Mannschaftsbus der TSG und hat bei seinen Europareisen jede Menge erlebt.

Von Florian Huber

Der Steuermann der TSG Hoffenheim bei der Arbeit: Matthias Bauer ist als Busfahrer der Profis in den vergangenen Monaten viel herumgekommen. Foto: TSG 1899 Hoffenheim

War das nicht? Matthias Bauer musste zwei Mal hinschauen, es war ja auch schon spät in dieser finsteren Nacht im rumänischen Nirgendwo. Frühmorgens am Steuer eines Busses braucht es den zweiten Blick, um sicherzugehen, dass das Gesehene auch der Realität entspricht. Matthias Bauer saß Ende September auf dem Weg aus dem Kraichgau ins bulgarische Rasgrad am Steuer des Mannschaftsbusses der TSG Hoffenheim, als plötzlich vor ihm ein altes Gefährt auftauchte.

Darauf prangte der Schriftzug "Rita"s Reisedienst", jenes Unternehmen also, das Bauer einst vor 30 Jahren im hessischen Mühlheim bei Offenbach mit seiner damaligen Ehefrau gegründet hatte. "Ich dachte, dieser alte Bus sei mittlerweile längst verschrottet", sagt Bauer in breitestem Hessisch. Jetzt weiß er, dass auch ausrangierte Vehikel noch als Schulbus durch Rumänien tuckern.

13.000 Kilometer durch Europa

Matthias Bauer ist der Kilometerfresser der TSG Hoffenheim. Die ersten internationalen Pflichtspiele der Vereinsgeschichte haben ihn und sein PS-starkes Gefährt nach England (Liverpool), Bulgarien (Rasgrad) und Portugal (Braga) geführt. Rund 13 000 Kilometer sind dabei zusammengekommen. Lediglich beim Spiel in Istanbul verzichtete der Verein aus organisatorischen Gründen auf ein Gefährt im Hoffenheimer Blau vor Ort. Gefahren wurde im Erstliga-Aufstiegsbus von 2008. Das modernste Hoffenheimer Gefährt aus dem Jahr 2012 (Neupreis 500 000 Euro) blieb in Deutschland. "Auf Wunsch des Trainers fährt der aktuelle Bus durch die Bundesliga, das Vorgängermodell durch die Europa League", sagt Matthias Bauer.

Hase und Igel

Mit dem Mannschaftsbus und einer Fußball-Profimannschaft ist es jedoch wie im märchenhaften Wettrennen vom Hasen mit dem Igel. Matthias Bauer ist der Igel, der immer rufen kann: "Ich bin schon hier!" Fliegen die Fußballer irgendwo per Flugzeug hin - Bauer ist mit dem Bus schon längst da und holt sie am Flughafen ab. So war es auch zuletzt in Portugal, als die TSG mit der 1:3-Niederlage in Braga aus der Europa League ausschied und vor dem letzten Gruppenspiel gegen Ludogorets Rasgrad heute Abend (19 Uhr/Sky) nun keine Chance mehr aufs Weiterkommen hat.

Beim Rasgrad-Hinspiel im September war Bauer von den rumänischen Autobahnen beeindruckt, die er auf dem Weg gen Bulgarien erstmals befuhr. "Die sind nagelneu. Und dort hast du überall schnelles Internet auf dem Handy. Das kann man vom Odenwald nicht behaupten", sagt Bauer und lacht: "Es gibt nichts Schöneres, als mit 100 Stundenkilometer durchs Land zu fahren. Ich hasse es, wenn ich drei Stunden in einem engen Flugzeugsitz gefangen bin."

Bei seinen Spielern setzt TSG-Trainer Julian Nagelsmann auf Rotation. Eine Position ist aber immer gleich besetzt, seit 14 Jahren schon: die vorne links im Bus, dort wo der Fahrer sitzt. "Der Trainer sagt: Ich will, dass immer du am Steuer sitzt", so Bauer. Was Julian Nagelsmann sonst so über Bauer sagt: "Er bringt uns immer pünktlich zum Stadion - auch wenn er andere Verkehrsteilnehmer mal anschreit."

Viel Kaffee hilft viel

Drei Tage nach dem Europa-Aus in Portugal saß Bauer schon wieder am Steuer des TSG-Bundesligagefährts. Um fünf Uhr montagmorgens war er wieder in Hoffenheim, die Spieler durften von Hamburg nach Hause fliegen. "Viel Kaffee hilft dann viel", sagt er. Den Bus aus Braga fuhren übrigens zwei Kollegen zurück. "Das Abenteuer Europa war hart", sagt Bauer. Schließlich folgte auf jedes internationale Auswärtsspiel auch eins in der Bundesliga, was den Aufwand erhöhte. Der ist eh immens: Kisten, Trikots, medizinische Ausrüstung. "Von Jahr zu Jahr wird es mehr", sagt Bauer, der mit dem Zeugwart-Team Heinz und Christian Seyfert ein eingespieltes Team bildet. Vergessen wurde noch nichts. "Außer mal eine Taktiktafel", sagt Bauer.

Unlängst war Bauer den neuen Mannschaftsbus aussuchen. Rund 600 000 Euro wird der Neuzugang kosten. Mehr als sein Eigenheim. Ob dann wieder das Nummernschild HD-EL-1899 auf dem Kennzeichen stehen wird? Das wurde vor einem Jahr vor einem Pokalspiel in Köln geklaut und ist deshalb gesperrt. HD-FT-1899 prangt nun auf Bauers Bus. "Das FT steht für Fußball-Team oder Frauen-Team. Je nachdem, wer drin sitzt", sagt Matthias Bauer.

 


Hoffenheim mit vielen Talenten bei Abschied aus der Euro-League 

Die erste internationale Saison für 1899 Hoffenheim begann mit dem Schlager gegen den FC Liverpool in der Champions League-Qualifikation - und wird an diesem Donnerstag im halbleeren Sinsheimer Stadion gegen Ludogorez Rasgrad enden. Die Mannschaft von Trainer Julian Nagelsmann kann vor dem letzten Gruppenspiel in der Europa League die K.o.-Spiele nicht mehr erreichen. „Sehr, sehr viele junge Spieler werden auf dem Platz sein“, kündigte der 31 Jahre alte Kapitän Eugen Polanski vor der Partie (19 Uhr/Sky) gegen Bulgariens Serienmeister an.

Seine Stammspieler bereitet Nagelsmann diese Woche auf die Bundesliga-Partie gegen Hannover 96 am Sonntag vor. Der 30-Jährige nimmt die Situation mit Humor: „Wir tanzen dann ab morgen nur noch auf einer Hochzeit. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Monogamie nicht so verkehrt ist.“ Er will vor allem Bankdrücker und Talente einsetzen: „Ich glaube, dass das die fairste Variante ist. Die brennen alle“, sagte er angesichts der Tatsache, dass der Gegner noch ums Weiterkommen kämpft.

So könnte jenes Trio zum Einsatz kommen, das noch keine Erstliga-Minute gespielt hat: die Neuzugänge Robert Zulj (kam von der SpVgg Greuther Fürth), Nico Hoogma (Heracles Almelo/Niederlande) und Eigengewächs Meris Skenderovic. Torhüter Gregor Kobel darf wie im DFB-Pokal für Stammkeeper Oliver Baumann ran. Außerdem sollen die Dortmunder Leihgabe Felix Passlack, U21-Nationalspieler Philipp Ochs und Stürmer Robin Hack zum Zuge kommen.