Komponist für Probleme

Schach - Die Sechzig schwirrt ihm durch den Kopf. Immer noch. 60 Jahre sind sein persönliches Ziel gewesen. Er hätte es so gerne geschafft. Nicht nur, weil sich neunundfünfzigkommafünf viel komplizierter liest und 59,5 Jahre ein bisschen pedantisch klingen.

Schach - Die Sechzig schwirrt ihm durch den Kopf. Immer noch. 60 Jahre sind sein persönliches Ziel gewesen. Er hätte es so gerne geschafft. Nicht nur, weil sich neunundfünfzigkommafünf viel komplizierter liest und 59,5 Jahre ein bisschen pedantisch klingen. Dabei ist es in all der Zeit sehr wohl um Genauigkeit und Akribie gegangen. Doch hinter der schnöden Zahl steckt eine schöne Geschichte.

Keine, die dicke Schlagzeilen produziert hat. Dazu ist der Kreis derer, die sie zu schätzen wissen, zu klein und zu fein. Es ist die Geschichte der Schachecke und ihres Erfinders Wolf Böhringer.

Foto mit Frauen In dem Regal gleich über dem Bett stehen in Reih und Glied die Schach-Enzyklopädien. Gleich daneben hängt das Foto mit drei flotten Frauen. Es sind Valerie, Juliane und Felicitas, die Enkelinnen von Wolf Böhringer − aufgenommen am 81. Geburtstag ihres Großvaters. Alle lachen. Gut zwei Monate später fällt Wolf Böhringer das Lachen schwer. Der dienstälteste freie Mitarbeiter des Medienunternehmens Heilbronner Stimme ist krank. Der 81-Jährige hat die Leiden angenommen, trägt sie auch in ihrer Schwere mit Würde. Wolf Böhringers Geist ist willig, der Körper aber gehorcht dem klugen Kopf nicht mehr wie einst. Lesen strengt an, das Sprechen fällt schwer.

Daher macht der anerkannte Schachexperte und führende Problemkomponist Schluss. Jetzt, nach neunundfünfzigeinhalb Jahren − nicht nach sechzig. Was Wolf Böhringer ganz besonders freut: Er hat in Wolfgang Schuster aus Langenbeutingen einen geschätzten Nachfolger und Erben gefunden.

"In all der Zeit ist die Schachecke niemals ausgefallen", sagt Wolf Böhringer. Der Stolz in seinen Worten gebührt ihm. Am 4. August 1951 ist seine Rubrik erstmals in der Heilbronner Stimme erschienen. Sind die Böhringers mal verreist, kam ein Zipperlein oder anderes dazwischen, war vorgesorgt. Nichts und niemand hat das pünktliche Erscheinen der Schachecke verhindert. Auch nicht der Computer. Wolf Böhringer, bereits Pensionär, hat sich umgestellt und seine Probleme fortan per Mail versandt. Leichter zu lösen sind seine kniffligen Urdrucke daher nicht geworden. Genau das hat die Fangemeinde an dem Heilbronner in all den Jahren ungemein geschätzt.

Und er? Wolf Böhringer lässt sich die "Schwalbe", die Zeitschrift für Problemschach, reichen. Darin wird das Medienunternehmen in einem Satz mit der renommierten "Neuen Zürcher Zeitung" gelobt. Dafür, dass es Kostendruck und Platzmangel zum Trotz den Schachfreunden ihre geliebte Ecke erhalten hat. Wolf Böhringer zwingt sich zu einem Lächeln. Er schätzt Treue. Und er liebt das Schachspiel −- wie die klassische Musik, Literatur und seine Enkeltöchter. Mehr als drei Jahrzehnte stand er dem Heilbronner Schachverein vor. 2004 erhält der Unterländer die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Böhringer zögert keinen Augenblick, fügt hinzu: Im Oktober.

Gut verstaut Kater Max streift um das Bett von Wolf Böhringer, Unordnung könnte er jedoch niemals in die Schachunterlagen bringen. Die sind meterweise gut verstaut, kein Artikel, der nicht säuberlich eingeklebt und abgeheftet wäre. So hat Wolf Böhringer in all den Jahrzehnten gearbeitet. Jetzt übernimmt ein anderer. Doch die Freunde des Schachspiels werden weiterhin bei Karin Böhringer anrufen und sich erkundigen, wie es ihrem Mann geht. Die 75-Jährige sagt: "Er hat seine Krankheit angenommen." Wir haben Respekt. Und sagen Dankeschön.