Anleitung zum Glücklichsein

Von Eric Schmidt

Anleitung zum Glücklichsein
Ein seltenes Bild: 1899 Hoffenheim feiert Siege. Dank Toren von Sejad Salihovic und Demba Ba gewinnt der Herbstmeister mit 2:0 gegen den 1. FC Köln.Foto: AP 

Fußball - Demba Ba kannte dieses kleine deutsche Wörtchen noch. Es hat vier Buchstaben und beginnt mit einem „S“, dann folgen die zwei Vokale „i“ und „e“ sowie der Schlusskonsonant „g“. S-I-E-G. „Ich weiß noch, was ein Sieg ist. Ich habe es nicht vergessen“, sagte der Stürmer von 1899 Hoffenheim mit einem breiten Grinsen im Gesicht und baute das Wort wie eine wieder erlernte Vokabel in fast jeden dritten Satz ein. Es sei wichtig, wieder mal einen Sieg zu feiern, so ein Sieg sei einfach schön und gebe Selbstbewusstsein.

Erleichterung

Es geht also doch noch. 1899 Hoffenheim kann noch gewinnen. Mit 2:0 (0:0) bezwang der Herbstmeister der Fußball-Bundesliga am Samstag den 1. FC Köln. Der erste Sieg nach zwölf Spiel- und 98 Kalendertagen war wie Regen nach einer langen Dürre, wie das Ende von Pest und Cholera. Unglaublich. Unfassbar. Wie eine nicht mehr für möglich gehaltene Erlösung. Nach dem Schlusspfiff brauchten die Kicker aus dem Kraichgau eine Weile, um zu begreifen, was geschehen war. Nur schleppend kam die Stadionparty in Gang. Torwart Timo Hildebrand kletterte auf den Zaun der Südkurve und stimmte per Mikrofon das „Humba“-Lied an, Trainer Ralf Rangnick wurde mit Sprechchören gefeiert.

„Wir saßen erst einmal in der Kabine. Wir wussten gar nicht mehr, wie sich das anfühlt, so ein Sieg“, sagte Mittelfeldspieler Tobias Weis. „Das ist eine Erleichterung, das kann man sich gar nicht vorstellen“, erklärte Verteidiger Per Nilsson. „Das war fast der schönste Sieg in dieser Saison.“

Es passt zu dieser verrückt-grotesken Runde, dass der Aufsteiger ausgerechnet jene Partie gewann, in der er eine erbärmliche erste Halbzeit abgeliefert hatte. So gesehen boten die 90 Minuten gegen Köln den Zusammenschnitt einer ganzen Saison und zeigten, was Fußball in „Hoffe“ wirklich ist: Extremsport. Das „Hoffe“ in den ersten 45 Minuten war das „Hoffe“ der Rückrunde. Extrem schwach. Ohne Mumm und Selbstvertrauen. In den zweiten 45 Minuten spielte das „Hoffe“ der Vorrunde. Extrem erfrischend. Frech. Angriffslustig. Sejad Salihovic traf im Stile eines Kleinkünstlers per Freistoß zum 1:0 (58.), Demba Ba mit einem Sonntagsschuss am Samstagnachmittag zum 2:0 (68.). Und hätte Chinedu Obasi mit einem Kopfball nicht an den Pfosten, sondern ins Tor gezielt, und hätte Boubacar Sanogo einen Foulelfmeter nicht vergeben, sondern verwandelt, hätte es auch 4:0 ausgehen können.

Tipps

Warum der Knoten platzte? Weil Trainer Ralf Rangnick in der Pause eine Anleitung zum Glücklichsein gab. „Er hat gesagt: ,Geht raus! Ihr habt doch keinen Druck! Habt einfach Spaß!' Das haben wir umgesetzt“, berichtete Tobias Weis. Doch nicht für alle Spieler war die Partie ein Vergnügen. Fabricio beispielsweise quälte sich über den Platz. Der Leiharbeiter aus Brasilien durfte erstmals von Anfang an ran und wirkte als Linksaußen in der Vierer-Abwehr-Kette so desorientiert wie ein Pfadfinder im Dschungel. Nach 45 Minuten wurde er erlöst und ausgewechselt. Ende Mai läuft die Kaufoption für Fabricio ab, es ist fraglich, ob der Verein sie zieht. „Wir müssen schauen, ob er für die Position, für die wir ihn brauchen, wirklich der Richtige ist“, erklärt Rangnick.

Was nun am Mittwoch in Bielefeld drin ist? Sieg? Unentschieden? Niederlage? „Verlieren? Dieses Wort kenne ich nicht“, sagt Demba Ba.



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