Nagelsmann: "Es muss eine Zeitstrafe geben für taktische Fouls"

Interview  Julian Nagelsmann hat als jüngster Trainer der Bundesliga die TSG Hoffenheim von Rang 17 in der Vorsaison auf den fünften Platz geführt. Im Interview spricht er unter anderem über die Zukunft des Fußballs.

Von unserem Redakteur Florian Huber

Julian Nagelsmann hat als jüngster Trainer der Bundesliga die TSG Hoffenheim von Rang 17 in der Vorsaison auf den fünften Platz geführt. Im Interview spricht er unter anderem über die Zukunft des Fußballs. „Die Hirnkapazitäten der Spieler sind noch lange nicht ausgeschöpft. Ein Thema ist, die Gedächtnisleistungen der Spieler unter Vollbelastung zu schulen“, sagt der 29-jährige Fußballtrainer.


Herr Nagelsmann, wie lebt es sich als Fußball-Promi?

Julian Nagelsmann: Ich dachte immer, ich habe ein Allerweltsgesicht. Aber ich werde doch oft erkannt. Egal wo ich bin. Selbst kürzlich am Chiemsee in einem Waldrestaurant. Die Leute sind aber eigentlich immer freundlich.

Haben Sie Ihr Verhalten als Bundesligatrainer in der Öffentlichkeit geändert?

Nagelsmann: In der Sinsheimer Badewelt gehe ich nicht mehr so gerne in den Nacktbereich.

Können Sie das große Interesse an Ihrer Person nachvollziehen? Journalisten aus der ganzen Welt kommen für Interviews nach Zuzenhausen.

Nagelsmann: Wenn ich Journalist wäre, dann würde ich auch wissen wollen: Was macht der junge Kerl denn da so? Die Fragen wiederholen sich allerdings oft.

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Welche nervt denn am meisten?

Nagelsmann: Die nach dem Alter.

Träumen Sie auch vom Ausland?

Nagelsmann: Es ist reizvoll, irgendwann. Aber ich habe mir keinen Lebensplan geschrieben, auf dem das ganz oben steht und der scheitert, wenn es anders kommt. Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl, ich lebe gerne in diesem Land.

Trainer sind ja zu öffentlichen Personen geworden. Jürgen Klopp wirbt für Autos. Jose Mourinho für Bier. Wann sehen wir Sie in TV-Spots?

Nagelsmann: Es gibt da schon loses Interesse, aber das müsste zu mir passen. Mögliche Werbepartner schauen sich doch auch an, wie nachhaltig ist denn das, was der Nagelsmann da in Hoffenheim macht? Ich bin noch jung und weiß nicht, ob ich für alle Zielgruppen so interessant wäre.

Der Freiburger Kollege Christian Streich bezieht zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung. Er hat vor Fremdenfeindlichkeit gewarnt.

Nagelsmann: Ich finde das gut, was Christian Streich macht. Trotzdem halte ich mich da lieber zurück, weil das nicht mein Fachgebiet ist. Es ist auf jeden Fall sehr traurig, was die Menschen aus dieser Erde machen. Viele machen sich das Leben aufgrund von Politik und Religion gegenseitig schwer.

Hoffenheim ist nach 16 Spielen noch unbesiegt und Überraschungsfünfter. Muss man da nicht öffentlich mutig sagen: Wir wollen in den Europapokal!

Nagelsmann: Das hat nichts mit Mut zu tun. Ein mutiger Trainer zeichnet sich dadurch aus, dass seine Mannschaft mutig spielt. Es ist mir klar, dass die Medien gerne ein Ziel haben, damit man uns daran messen kann. Nur plakativ irgendetwas rauszuposaunen, davon halte ich nichts.

Kann sich Hoffenheim über einen längeren Zeitraum in oberen Tabellenregionen etablieren?

Nagelsmann: Im gesicherten Bereich, weg von den Abstiegsplätzen, sicherlich. Aber dauerhaft da oben zu bleiben, das ist sehr, sehr schwer. Mit unseren Ausgaben wäre das völlig vermessen. Bei unserem Spiel in München haben die Bayern Douglas Costa, Thomas Müller und David Alaba eingewechselt. Das Jahresgehalt der drei dürfte zusammen so hoch sein wie bei uns das Gesamtbudget. Da ist dann ein 1:1 aller Ehren wert.

Fehlt Ihnen dafür hier in der Region so ein bisschen die Wertschätzung? Von neun Hoffenheimer Heimspielen in dieser Saison war nur das letzte gegen den BVB ausverkauft.

Nagelsmann: Unser Fußball muss immer Entertainmentcharakter haben. Nur mit Maloche wirst du unser Stadion nicht vollkriegen. In wirtschaftlich starken Regionen ist es sehr schwierig, dass der Fußball eine ganz große Bedeutung hat. Es gibt hier so viele Freizeitmöglichkeiten. Zudem haben wir sehr viele junge Fans, die mit uns aufwachsen. Das dauert einfach und braucht Zeit.

Auffallend ist die hohe Trefferquote bei den Transfers im Sommer. Sandro Wagner, Kevin Vogt oder auch Kerem Demirbay haben voll eingeschlagen.

Nagelsmann: Ich habe nicht den Anspruch, dass das in jeder Transferperiode so gut hinhaut wie im Sommer. Dafür musst du auch ein bisschen Glück haben und neue Wege gehen.

Wie sehen diese aus?

Nagelsmann: Wir arbeiten mit Datensätzen und Positionsprofilen. Irgendwann wird es so sein, dass ich dem Computer sage, was ich suche und der PC spuckt mir idealerweise die passenden Spieler aus. Das klassische Scouting funktioniert für uns als TSG Hoffenheim doch nicht. Jeder Spieler, der herausragt, ist auch im Fokus von acht oder zehn anderen Teams. Dann gewinnt der finanzstärkste Verein und nicht wir machen das Rennen, was okay ist.

Hoffenheim gehört zu den innovativen Clubs im Lande. Hier ist schon eine Drohne über den Trainingsplatz geflogen, es werden Daten erhoben und gesammelt. Was bringt das alles?

Nagelsmann: Diese vielen Daten musst du auf deine Philosophie runterbrechen. Aktuell sind die athletischen Daten bestimmend, wir müssen dahin kommen, dass wir mehr taktische Daten bekommen.

Ist der Fußball im Jahr 2017 ausgereizt?

Nagelsmann: Was die Defensive angeht, sind wir an einem Punkt angelangt, an dem es nicht mehr die ganz großen Entwicklungsschritte geben wird. Was zunehmen wird, sind Positionswechsel während der Spiele. Ein Innenverteidiger wird dann auch kurzzeitig mal auf der Sechserposition agieren.

Wo sehen Sie sonst noch Entwicklungspotenzial?

Nagelsmann: Die Hirnkapazitäten der Spieler sind noch lange nicht ausgeschöpft. Ein Thema ist, die Gedächtnisleistungen der Spieler unter Vollbelastung zu schulen. Körperlich ist vieles ausgereizt, kognitiv, also in Bezug auf die Wahrnehmung, ist noch viel zu machen.

 

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Stellen Sie sich vor: Sie sind der oberste Regelhüter im Weltfußball und dürfen das Spiel verändern. Was würden Sie optimieren?

Nagelsmann: Auf jeden Fall würde ich jedem Trainer einmal pro Halbzeitpause erlauben, eine Auszeit zu nehmen. Ein Videobeweis ähnlich wie beim Tennis mit dem Hawk Eye, fände ich auch gut. Für mich ist es der falsche Ansatz, den Videobeweis den Schiedsrichtern zu überlassen. Läuft dabei etwas falsch, dann sind sie doch auch wieder die Deppen. Ich würde es anders machen und die Trainer in die Pflicht nehmen. Wir Trainer würden dann vieles rationaler und weniger emotional beurteilen: Jetzt schreit man doch einfach mal laut an der Seitenlinie, obwohl man weiß: Das war nie und nimmer ein Elfmeter.

Klingt plausibel.

Nagelsmann: Es muss zudem eine Zeitstrafe geben im Fußball. Es bringt mir doch nichts, wenn ein gegnerischer Spieler nach dem achten taktischen Foul die Gelbe Karte sieht und irgendwann mal ein Spiel aussetzen muss. Der Schiedsrichter sollte den Sünder sofort für fünf Minuten rausschicken können.

Die Anzahl der zu absolvierenden Spiele dürfte in den nächsten Jahren auch nicht kleiner werden.

Nagelsmann: Die Kader der Vereine werden als Folge sicherlich nicht kleiner. Wenn du aber mehr Spieler hast, dann gibt es mehr Unzufriedene. Deshalb brauchen wir auch mehr Wechselmöglichkeiten.

Apropos Wechselmöglichkeiten: Für Niklas Süle und Sebastian Rudy wird Hoffenheim im Sommer wohl zu klein.

Nagelsmann: Das ist doch eine völlig normale Entwicklung. Je erfolgreicher wir als Verein sind, desto begehrter sind unsere Spieler. Ohne Spielerverkäufe funktioniert das hier nicht.

Ist Hoffenheim auch für Sie ein Sprungbrett?

Nagelsmann: Hoffenheim kann für jeden ein Sprungbrett sein. Mir ist durchaus bewusst, dass es Interesse anderer Clubs gibt, aber ich beschäftige mich nicht damit. Ich fühle mich hier sehr wohl. Klar ist doch auch: Die anderen Vereine wären ja blöd, wenn sie nicht den Trainermarkt sondieren würden. Das ist Teil des Geschäfts. Und das erwarte ich übrigens auch von Alexander Rosen. Ich plane ja hier auch über den Sommer hinaus. Aber wenn ich 17 Mal nacheinander verliere, dann bin ich nicht mehr da. Realistisch planen kannst du im Fußball vier Wochen. Alles andere ist von den Ergebnissen am Samstag abhängig.

Macht einem so etwas Angst?

Nagelsmann: Aus profilneurotischen Gründen muss ich nicht Bundesliga-Trainer sein. Ich habe keine Angst davor, mal keinen Job zu finden. Wenn es mal kein Profi-Job mehr ist, dann ist das auch nicht schlimm.

Der 29-jährige Julian Nagelsmann ist seit 2010 bei der TSG Hoffenheim. Nagelsmann hat Hoffenheim seit seinem Amtsantritt im Februar 2016 zum viertbesten Bundesliga-Team des Kalenderjahrs geformt. Sein größter Erfolg war im Jahr 2014 der deutsche Meistertitel mit der Hoffenheimer U19. Nagelsmann ist mit Verena liiert, das Paar hat gemeinsam den 24 Monate alten Sohn Maximilian. Der Bayer hat einst bei 1860 München in der Jugend gespielt, seine Karriere musste er früh aus Gesundheitsgründen beenden. fhu