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Krise in Hoffenheim - Hopp und Fans stinksauer
Von Lars Müller-Appenzeller
Sinsheim - In der Rhein-Neckar-Arena von Sinsheim ist am Samstagnachmittag etwas kaputt gegangen. Beim fürchterlichen 0:2 (0:0) gegen die biederen Buben des 1. FC Köln riss den Zuschauern der Geduldsfaden. Es gab Pfiffe. Es gab Plakate ("Wir sind Hoffe und ihr nicht", "Es reicht, Rangnick raus"). Es gab Sprechchöre ("Wir ha'm die Schnauze voll", "Rangnick raus", "Scheiß-Millionäre"). Und es gab eine Antwort auf den Discoausflug einiger Spieler nach der 0:4-Pleite von Wolfsburg: Die treuesten Fans in den Blöcken S1 und S2 der Südkurve sangen nach der 14. Saisonniederlage: "Ihr könnt jetzt feiern geh"n." Und auf einem Banner war zu lesen: "Spiel vorbei!? Auf zur Party?". Die aufgebrachten Fans wussten das zunächst zu verhindern − sie blockierten den Mannschaftsbus.
Pubertät
Diese Entwicklung ist normal, ist so etwas wie die Pubertät. Es geht darum, das zu sagen, was einen schon lange beschäftigt. Es geht darum, Grenzen auszuloten. Schlecht ist der Zeitpunkt. Und besonders schlecht ist, dass nicht nur die Fans pubertieren, sondern auch die Spieler. Dem Ausflug in den Heidelberger Nachtclub folgte am Freitag der nächste Eklat: Die Spieler Maicosuel, Boris Vukcevic und Franco Zuculini kamen zu spät zum Abschlusstraining und wurden von Trainer Ralf Rangnick aus dem Kader gestrichen. Die Himmelsstürmer von einst haben den tiefsten Tiefpunkt erreicht.
Es kann noch schlimmer kommen. 1899-Geschäftsführer Jochen A. Rotthaus hat zwar im Stadionmagazin geschrieben: "Auch im kommenden Jahr wird unser junges Team in der höchsten deutschen Liga spielen." Aber mit Blick auf die Tabelle und Hannover 96 muss festgehalten werden: Der Klassenerhalt ist bestenfalls am nächsten Spieltag Fakt. Ja, der Daueraufsteiger 1899 Hoffenheim kann noch absteigen.
Christian Eichner weiß, wie man absteigt. Der ehemaliger Außenverteidiger des Karlsruher SC sagt: "Ich habe mich schon in den vergangenen Wochen gewehrt, als der Klassenerhalt bereits gefeiert wurde." Er wehrte sich auch nach dem Spiel in der Diskussion mit den Fans am Zaun der Blöcke S1 und S2. Unschlüssig hatten die Spieler auf die Südkurve gestarrt. Der 1899-Fanbeauftragte Mike Diehl schob Eichner Co. Richtung Fans. "Klar", sagt Christian Eichner, habe er Verständnis für die Reaktionen der Anhänger, "weil wir auch in den vergangenen Tagen und Wochen mit der ein oder anderen Aktion selber dazu beigetragen haben." Der 27-Jährige aus Sulzfeld redet Klartext.
Beurteilung
Natürlich sei es nicht so toll, wenn man für seine Leistung auf diese Art und Weise beurteilt werde. "Es ist schon schwierig, wenn du am Zaun stehst und von 15-Jährigen die Faust gezeigt bekommst." Was die Fans gefragt haben? "Wie kann man nach einem 0:4 in die Disko gehen?", sagt Eichner. "Da ist es schwierig, zu antworten." Vor allem, wenn man nicht zu den Partyhengsten gehört hat: Es waren Carlos Eduardo, Vedad Ibisevic, Chinedu Obasi, Luiz Gustavo und Sejad Salihovic. Später soll Joe Simunic dazugestoßen sein.
Nicht nur den Fans ist am Samstag der Kragen geplatzt. Auch Dietmar Hopp. Der Mäzen marschierte nach dem Spiel in die Kabine. "Er hat uns gefragt, was mit uns passiert ist. Es war der Monolog eines Enttäuschten", sagt Torhüter Timo Hildebrand, der Gerüchte um einen Wechsel im Sommer dementierte. Und was sagt der Trainer? "Warum sollte es in Hoffenheim anders sein als in anderen Stadien", so Ralf Rangnick, den die Pfiffe "zwischen der 35. und 45. Minute geärgert" haben. "Das hilft der Mannschaft beim Stand von 0:0 nicht." Die Pfiffe nach den Sonntagsschüssen des Kölners Adam Matschyk in der 46. und 82. Minute, die seien verständlich. Die "Rangnick-raus"-Rufe habe er gehört. "Aber das hat keinen Einfluss auf unsere Arbeit."
Was nicht heißt, dass ihm die Meinung der Fans egal wäre. Ralf Rangnick stellte sich den Busblockierern und diskutierte mit ihnen. Es war aber erst Mike Diehl, der die Fans zum Gehen bewegen konnte. Er brüllte: "Wir müssen zusammenhalten, sonst steigen wir ab. Wollt ihr nächste Saison gegen Paderborn spielen? Wir wollen doch alle auch nächstes Jahr hier Dortmund haben − und die Scheiß-Bayern."
1899 Hoffenheim ist doch nur ein ganz normaler Bundesligaverein.
Hintergrund: Hildebrand dementiert Wechsel-Gerüchte
Timo Hildebrand hat Gerüchte dementiert, er wolle den Fußball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim im Sommer verlassen und zum VfB Stuttgart zurückkehren. „Ich habe nie gesagt, dass ich weg will. Das ist kein Thema für mich. Ich stehe in Verhandlung mit Hoffenheim“, erklärte der ehemalige Nationaltorhüter nach dem 0:2 gegen den 1. FC Köln. Der wegen einer Rückenverletzung derzeit pausierende Hildebrand reagierte damit auf Spekulationen in verschiedenen Medien, er würde seine Blessur nur vortäuschen, damit sich sein Vertrag nicht automatisch verlängert.
Hintergrund ist eine Klausel, wonach der im Januar 2009 verpflichtete Keeper in Hoffenheim einen Anschlussvertrag erhält, wenn er bis zum Ablauf des Kontraktes am 30. Juni auf 41 Bundesliga-Einsätze kommt. Derzeit hat der 31-Jährige 37 Partien bestritten. Sollte er weiter ausfallen, würde er nicht auf die nötige Anzahl von Spielen kommen.
„Diese Option im Vertrag ist für uns kein Kriterium. Selbst wenn Timo kein Spiel mehr macht bis zum Ende dieser Saison, muss das nicht bedeuten, dass wir den Vertrag nicht verlängern. Andersherum wäre es aber genauso. Wenn er alle Spiele bis zum Saisonende macht und sich der Vertrag automatisch verlängern würde, wir aber gemeinsam das Gefühl haben, dass wir nicht weiter zusammenarbeiten wollen, dann hätte die Option für uns auch keine Bedeutung“, sagte Geschäftsführer Jan Schindelmeiser. Er kündigte an: „Wir werden innerhalb der nächsten 14 Tage ein Gespräch führen mit Timo und seinem Berater, und dann gemeinsam über die Zukunft diskutieren.“ dpa
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11.04.2010
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