Nach der Hopp-Erpressung: Fassungslosigkeit in Gemmingen (20.11.09)

Von Adrian Hoffmann und dpa


Gemmingen/Sinsheim - In Gemmingen ist die Nachricht für viele Menschen am Freitagmorgen noch neu: Der mutmaßliche Erpresser von Milliardär Dietmar Hopp soll aus ihrem Ort kommen. „Ich bin schockiert, ehrlich“, sagt ein 41-Jähriger, der wenige Stunden zuvor von Freunden alles erfahren hat. „Das ist unvorstellbar, wir sind doch ein kleines Dorf.“ Er steht fassungslos vor dem Gelände des kleinen Speditionsunternehmens am Rande des Gemminger Gewerbegebiets. Er habe den Besitzer flüchtig gekannt. „Wie kann man überhaupt auf so eine Idee kommen?“, fragt er sich.

In Untersuchungshaft

Wie das Landgericht Heidelberg am Freitag gegenüber der Deutschen Presse Agentur (dpa) bestätigte, ist der mutmaßliche Erpresser von Dietmar Hopp, 69, auf eine inszenierte Geldübergabe hereingefallen. Der 43-jährige Fuhrunternehmer hatte Medienberichten zufolge von einem verdeckten Ermittler bei Trier Koffer mit Falschgeld überreicht bekommen. Am 5. September wurde er festgenommen und sitzt seitdem in Heidelberg in Untersuchungshaft.

Vom 8. Dezember an muss sich der Mann wegen versuchter räuberischer Erpressung vor Gericht verantworten. Laut Anklage bedrohte er Dietmar Hopp, Mäzen des Fußball-Bundesligisten 1899 Hoffenheim, seit dem 17. August in Briefen und forderte 5,5 Millionen Euro. Hopp äußerte sich nicht zu dem Vorfall – er war am Freitag telefonisch nicht zu erreichen.

Filmreife Geldübergabe

Medienberichten zufolge schaltete der Mitbegründer des Softwareunternehmens SAP die Kripo ein. Danach kam es zu einer filmreifen Geldübergabe. Bei einem vereinbarten Termin gab sich ein Ermittler als Freund Hopps aus, der dem mutmaßlichen Erpresser die Millionen in Geldkoffern übergeben solle.

„Ich bedaure sehr, dass wohl ein Gemminger Bürger die Familie Hopp erpresst hat“, sagt Gemmingens Bürgermeister Timo Wolf. Zum einen, weil es „negative Begleiterscheinungen für die Gemeinde hinterlässt“. Zum anderen, weil Dietmar Hopp eine Persönlichkeit sei, die sich sehr für die Menschen in der Region einsetze, sei es im Sozialen oder im Sport.

Timo Wolf hatte erst am Freitagmorgen erfahren, dass der mutmaßliche Erpresser aus Gemmingen stammt. Dass eine Hundertschaft der Polizei bereits Anfang September ein Haus im Ort aufsuchte, sei bekannt gewesen – allerdings nicht die Hintergründe. „Ich bin froh, dass die Polizei gute Arbeit geleistet und das aufgedeckt hat“, sagt Wolf.

Hopp-Erpresser Die Spedition des Mannes, der Dietmar Hopp erpresst haben soll, liegt am Rande des Gemminger Gewerbegebiets. Der Betrieb läuft momentan noch.


Der Spediteur soll mit einem seiner Lastwagen zu dem inszenierten Treffen bei Trier gekommen sein. Dann fuhr er mit dem Falschgeld in den Koffern nach Hause. Wenige Tage später wurde er verhaftet. Er wartet nun im Gefängnis in Heidelberg auf seinen Prozess. „In den letzten beiden Monaten ist schon viel geschwätzt worden“, sagt ein Mitarbeiter einer Autoverwertung neben der Spedition. Er behauptet, er habe den Mann nach der Rückkehr aus Trier sogar gefragt, ob er mit dem Stapler beim Verladen helfen solle. Die Antwort sei gewesen: Das gehe schon, es handele sich nur um ein paar Koffer.

Der Betrieb sei trotz der Festnahme am 5. September weitergelaufen, sagt ein 52-jähriger Lkw-Fahrer der Spedition am Freitag vor Ort – er kommt gerade von einer Lieferung aus dem Bayerischen Wald zurück. Die Frau des Fuhrunternehmers habe sich um das Geschäft gekümmert. „Ich war am Tag der Festnahme in Belgien“, erinnert sich der Lkw-Fahrer. Am Tag zuvor habe er noch mit dem Chef telefoniert, ihn danach aber nicht mehr gesprochen. Er habe von der Erpressung gewusst, seit die Kriminalpolizei in Gemmingen ermittelt und ihn vernommen hatte – das liegt jetzt mehr als zwei Monate zurück. Die Polizei durchsuchte auch seinen Lkw. „Es ist unfassbar“, sagt der Fahrer zu den Vorwürfen. Sein Chef habe doch alles gehabt. Er sei Besitzer des Grundstücks im Gewerbegebiet und die Spedition sei gut gelaufen. Vier Lastwagen gehörten dazu.

Zukunft unklar

Das Firmengelände ist klein und unscheinbar, ein Container dient als Büro, der Parkplatz ist geschottert. Die Spedition transportiert vor allem Baustoffe. Ziel seien meist die Beneluxländer. Momentan seien sie noch zu dritt, sagt der Fahrer, er selbst sei erst seit einem Jahr angestellt, die Spedition gebe es aber schon einige Jahre. Auf die Frage, wie es weitergehen wird, hat er keine Antwort. „Wenn ich ehrlich sein soll, ich weiß es nicht.“







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