Wenn Kicker rotsehen

Fußball  Zwei Fälle von roher Gewalt gegen Unparteiische erschüttern derzeit den Fußballkreis Sinsheim. Auch die Staatsanwaltschaft ist nun involviert.

Von Martin Peter

Wenn Kicker rotsehen

Rot: Weil er einen Spieler vom Platz stellte, ist ein Schiedsrichter aus dem Kreis Sinsheim angegriffen worden. Er landete verletzt im Krankenhaus.

Foto: dpa

Im B-Klassen-Derby zwischen dem TSV Zaisenhausen und dem FV Landshausen eskalierte am Sonntag nach Abpfiff die Stimmung so sehr, dass auf Bitten des Schiedsrichters Polizei und Notarzt gerufen werden mussten. Es gab Provokationen, Beleidigungen − und eine handfeste Auseinandersetzung, an der sogar Zuschauer beteiligt waren. Leidtragender war vor allem der Schiedsrichter aus dem Kreis Pforzheim: Er ging nach einer Attacke zu Boden, er trug eine Gehirnerschütterung und starke Schädelprellungen davon.

Verrohung der Sitten?

Im Krankenhaus endete in der Vorwoche auch der Einsatz eines Unparteiischen aus dem Kreis Sinsheim. Er wurde nach einer Gelb-Roten-Karte von einem Spieler angegriffen und musste das B-Klassen-Spiel im Heidelberger Raum abbrechen. "Angesichts einer solchen Verrohung der Sitten bin ich fassungslos", sagt Olaf Hautzinger, Vorsitzender der Schiedsrichtervereinigung Sinsheim. "Es gibt keine Rechtfertigung für Gewalt − auch dann nicht, wenn der Schiedsrichter fünf unberechtigte Elfmeter gibt."

Zumal die Folgen im Falle des Schiedsrichters aus dem Kreis Sinsheim gravierend waren. Nach dem Schlag gegen sein Brustbein sei der erfahrene Referee zu Boden gestürzt, mit dem Kopf aufgeschlagen und habe ein Zahnprovisorium verloren. "Er hat bei diesem Vorfall eine schmerzhafte Sternum-Prellung erlitten und war eine Woche arbeitsunfähig", sagt sein Anwalt Sascha Wirth, der selbst Schiedsrichter ist. Er findet die Sache "schockierend und erschreckend".

Nach der körperlichen Attacke folgen Beleidigungen

Allerdings sei der Fall damit noch nicht erledigt gewesen: Der Spieler soll den Schiedsrichter dann bei den Umkleiden abgefangen und aufs Übelste beleidigt haben. "Da sind Worte gefallen, die deutlich nicht mehr im jugendfreien Bereich liegen", verrät Wirth. Inzwischen habe man Strafantrag gestellt und trete auch im angelaufenen Verfahren der Staatsanwaltschaft als Nebenkläger auf.

"Es muss ein deutliches Zeichen geben", sagt Hautzinger. Er hat zwar volles Vertrauen ins Sportgericht, weiß aber um dessen begrenzte Mittel. "Es liegen Straftaten vor, das ist ein Fall für die Staatsanwaltschaft."

Trotz der Häufung von Gewalt in den vergangenen Wochen − auch bei einem Vorfall in Bad Wimpfen hatte ein Spieler vor kurzem den Schiedsrichter in dessen Kabine angegriffen und am Kopf verletzt − sagt Hautzinger, dass solche Vorfälle nicht zugenommen hätten. Das bestätigt auch Stefan Moritz, beim badischen Fußballverband für Prävention zuständig. Zwar gebe es im Moment überproportional viele Fälle, seit August sechs Abbrüche. "Insgesamt ist die Zahl aber rückläufig", sagt er.

Neue Dimension

Was die Zahlen jedoch nicht verraten: "Auch wenn sie nicht zugenommen haben, so sind die Vorfälle zuletzt doch drastischer geworden." Vor allem die Eskalation in Zaisenhauen habe da eine neue Dimension erreicht, als ein Zuschauer auf den Schiedsrichter eingeprügelt haben soll. "Das war schon extrem", sagt Moritz. Im Frühjahr veröffentlicht der Verband ein neues Fair-Play-Konzept, zu dem auch Konfliktmanagement-Seminare gehören.