Europapokal: Woran liegt das schlechte Abschneiden der deutschen Teams?

Fußball  Fußball als Ergebnis- und Erlebnissport hat diese Woche keinen Spaß gemacht. Europa sechs, Deutschland null. Das ist die Bilanz dreier ernüchternder Europapokalabende.

Von Florian Huber

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Ein Foto mit Symbolcharakter: Das halberleuchtete Besiktas-Stadion, in dem RB Leipzig am Dienstag verlor. Für die deutschen Europapokalvertreter gab es bislang wesentlich mehr Schatten als Licht.Foto: dpa

Sechs Partien, sechs Niederlagen der deutschen Clubs. Das gab es seit 1981 nicht mehr, also seit 36 Jahren. Die deutsche Bilanz fällt nicht viel besser aus, wenn man noch den ersten Spieltag vor zwei Wochen miteinbezieht. Ein Sieg in zwölf Spielen der jeweils drei deutschen Champions- und Europa-League-Clubs − das macht unterm Strich Rang 27 im Uefa-Jahresranking. Hinter Kasachstan.

Im Gesamtranking der Fünf-Jahres-Wertung rutschte Deutschland von Rang zwei auf Rang vier ab. "Mich bedrückt, dass wir immer häufiger auch gegen Mannschaften aus Ländern verlieren, die viel geringere finanzielle Möglichkeiten haben als wir. Das ist ein Riesenproblem für die Fünf-Jahres-Wertung", hat Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke unlängst gesagt.

Die Malaise der Vertreter aus dem Land des amtierenden Fußball-Weltmeisters begann ja schon in den Qualifikationsrunden: Hoffenheim war zu schwach für den FC Liverpool in Sachen Champions League, der SC Freiburg scheiterte für die Europa League am slowenischen Pokalsieger NK Domzale. Weit gekommen sind in den vergangenen Jahren im Europapokal eigentlich nur die Bayern und Borussia Dortmund.

Seit Jahren haben die deutschen Clubs im kleineren der beiden Europapokale keinen Erfolg. Letzter Sieger im Uefa-Cup, dem Vorläufer der heutigen Europa League, war Schalke 04 vor 20 Jahren. Daran dürfte sich auch in dieser Spielzeit nichts ändern. Und nun?

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Die Bayern (0:3 in Paris) und der BVB (1:3 gegen Real Madrid) hatten starke Königsklassen-Gegner. In der Europa League waren nun aber Teams aus Serbien (Roter Stern Belgrad), Bulgarien (Ludogorets Rasgrad) und Schweden (Östersunds FK) zu stark für die DFB-Vertreter. "Leipzig, Hoffenheim, Köln und die Hertha waren in der Vorsaison allesamt als Team stark und dadurch besser als Teams mit höherer individueller Qualität wie Gladbach, Schalke oder Leverkusen, die bislang im Europapokal gespielt haben", sagt Tomislav Maric, der ehemalige Co-Trainer der TSG Hoffenheim und des VfB Stuttgart. Das genannte Quartett ist neu auf der europäischen Bühne, noch ohne Routine in Sachen Europapokal. Leipzig und Hoffenheim sind absolute Beginner. Köln war zuletzt vor einem Vierteljahrhundert dabei, die Hertha hatte abgesehen von einem Scheitern in der Qualifikationsrunde der Vorsaison zuletzt 2008/09 im Europapokal mitgespielt.

Für den ehemaligen kroatischen Nationalspieler Maric ist die Umstellung auf den Drei-Tages-Rhythmus ein Grund für das Versagen der Europa-Neulinge: "Es ist schon etwas anderes, wenn man alle drei Tage ran muss", sagt der 44-Jährige, der bis Juni 2016 den slowakischen Erstligisten DAC Dunajská Streda betreute. Schwarzmalen, das will Maric nicht. Aber: "Die Bundesliga muss sich schon hinterfragen", meint der in Heilbronn geborene Ex-Stürmer: "Wir haben die besten Stadien, die beste Infrastruktur, die meisten Zuschauer." Jedoch offensichtlich nicht die erfolgreichsten Mannschaften. "Vielleicht pressen wir die Spieler zu sehr in Systeme und achten nicht mehr so sehr auf die individuellen Stärken der Spieler", stellt Maric eine These auf. Er bildet sich gerade in Sachen Fußball weiter, diese Woche in Kroatien.

Ein weiteres deutsches Problem: Für kleinere Fußball-Nationen wie Schweden, Bulgarien oder Serbien hat die Europa League einen höheren Stellenwert, da beim Premium-Produkt Champions League immer mehr fixe Startplätze an die Großen wie England, Spanien, Italien oder Deutschland gehen. "Wir hatten immer Phasen, in denen sich Fußball-Deutschland gefragt hat: Was ist denn mit unseren Mannschaften los?", sagt Dietrich Weise.

Der 82-Jährige, der in Heilbronn lebt, trainierte in den 1970er und 1980er Jahren Fortuna Düsseldorf, den 1. FC Kaiserslautern und Eintracht Frankfurt. Mit der Eintracht stand er einst im Europapokal-Halbfinale. "Man sollte das nicht überbewerten, wenn mal das Spielglück fehlt", sagt er zur aktuellen Situation. Andererseits: Wenn es so weitergehe, dann bestehe durchaus auch für das Premiumprodukt Nationalmannschaft ein Risiko: "Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass so eine negative Entwicklung im Europapokal langfristig auch auf die Nationalmannschaft durchschlägt", sagt Weise, den aktuell vor allem die horrenden Transfersummen im modernen Fußball stören.