Der schlechte Ruf verdeckt den echten Sport

Kickboxen - Der Heilbronner Bernd Dorst hat Vorurteilen gegenüber seiner Passion den Kampf angesagt

Von unserem Redakteur Stephan Sonntag

Der schlechte Ruf verdeckt den echten Sport
Thai-Bulls-Chef Bernd Dorst trainiert mit Ömer Koca verschiedene Schlag- und Tritttechniken vor einem großen Spiegel.Foto: Mario Berger

Kickboxen - Kaum eine andere Sportart hat in Deutschland einen so schlechten Ruf wie das Kickboxen. Artverwandte Kampfsportarten wie Boxen, Judo oder Taekwondo sind olympisch. Die chinesische Kampfkunst Wushu ist für die Spiele 2020 ein möglicher Ersatzkandidat für das gestrichene Ringen. Kampfsport ist populär, ob in Vereinen oder kommerziellen Clubs. Nur dem Kickboxen in all seinen Varianten hängt der Makel des Schlägersports an.

"Zu Unrecht", sagt Bernd Dorst. Der 45-jährige Heilbronner hat Kickboxen im Jahr 1985 für sich entdeckt. Heute betreibt der Familienvater den Kickboxclub Thai Bulls Heilbronn gegenüber der Arbeitsagentur. 150 Mitglieder sind dort aktiv, aber nur zehn davon betreiben den Sport wettkampfmäßig. "Für die meisten ist es ein Ganzkörper-Fitnesstraining. Hier sind alle Altersgruppen und sozialen Schichten vertreten", sagt Dorst.

Popularitätsschub Eine Akademikerin war es auch, die dem Kickboxen in den vergangenen Jahren einen Popularitätsschub gab. Die WM-Kämpfe der Münchner Humanmedizinerin Dr. Christine Theiss sind regelmäßig live übertragen worden. Die 32-Jährige ist Trägerin des Bayrischen Sportpreises und sechsfache Münchner Sportlerin des Jahres. Theiss hat ähnlich wie Henry Maske in den 90er Jahren viel dazu beigetragen, das Kickboxen aus der halbseidenen Schmuddelecke herauszuholen. "Heute herrscht bei Wettkämpfen ein ganz anderes Niveau als in früheren Jahren", sagt Dorst.

Zwei seiner besten Kämpfer trainieren am vergangenen Dienstag schon am frühen Morgen. Ömer Koca und Ibo Topyürek bereiten sich auf ihre Kämpfe an diesem Samstag in Ludwigsburg vor. Der 23-jährige Heilbronner Koca kam vor sieben Jahren zum Kickboxen. Anfangs ging es ihm nur um Bewegung, dann absolvierte er zwei mehrwöchige Lehrgänge in Thailand, irgendwann wollte er seine Fähigkeiten im Ring unter Beweis stellen. Seinen Gegner am Samstag, Mehmet Balik, kennt Koca bereits. "Wir haben uns kürzlich getroffen und uns für nach dem Kampf auf ein Bier verabredet. Das ist nicht ungewöhnlich", sagt Koca. Das Duell im Ring sei schließlich ein sportlicher Wettkampf nach klaren Regeln − nicht selten zwischen befreundeten Athleten.

Kocas Clubkollege Topyürek kam vom Taekwondo zum Kick- und Thaiboxen. "Ich habe die Herausforderung gesucht. Kickboxen ist viel komplizierter und anstrengender", sagt der 31-Jährige. Draußen Sprüche herum zu posaunen wie "Vorsicht, ich kann kickboxen" oder ähnliches käme Topyürek nicht in den Sinn. "Ich mache diesen Sport, weil er mir Spaß macht und weil ich was erreichen will − nicht weil ich mir damit Vorteile verspreche." Zum Schlägerimage hat auch sein Trainer Dorst eine klare Haltung: "In einer Notwehrsituation ist die Anwendung von Kampfkünsten legitim. Wer selbst angreifen würde, fliegt hier sofort raus und bekommt von mir noch eine Strafanzeige dazu." Einer seiner Jugendlichen habe sich kürzlich bei einer Auseinandersetzung nicht gewehrt, sondern nur die Polizei gerufen. Dafür habe er eine aufgeplatzte Lippe hingenommen. Kampfsport erlernen heiße eben nicht zuletzt, zu wissen, wann nicht gekämpft wird.

Therapeutischer Nutzen Kickbox-Training bei den Thai Bulls kann aber auch einen therapeutischen Nutzen haben. "Zu mir kommen auch Frauen, die Opfer eines Überfalls oder einer Vergewaltigung geworden sind", berichtet Dorst. "Anfangs wollen sie oft nur alleine trainieren. Durch das Training bekommen sie aber wieder ein Körpergefühl und Selbstvertrauen. Nach einigen Monaten sind die meisten beim Gruppentraining dabei." Dorst legt großen Wert auf eine familiäre Atmosphäre in seinem Club. Selbstverständlich ist für ihn, dass gerade Verbrechensopfer nach dem abendlichen Training nach Hause gefahren werden. Gemeinsame Freizeitaktivitäten sind mehr als erwünscht. "Gerade nach einer solch traumatischen Erfahrung ist es schwierig, wieder einen normalen Umgang mit Menschen zu finden. Da können wir uns untereinander viel helfen." Kickboxen kann vielleicht doch mehr bewirken, als nur blaue Flecken zu verursachen.

An diesem Samstag findet in der Rundsporthalle in Ludwigsburg eine Box- und Kickboxgala statt, bei der auch die Heilbronner Ömer Koca und Ibo Topyürek in den Ring steigen werden. Einlass ist ab 17 Uhr, Beginn um 17.30 Uhr. Tickets im Vorverkauf gibt es bei den Thai Bulls oder am Veranstaltungstag an der Abendkasse.