"Gegen Liverpool hast du eigentlich keine Chance"

Interview  Marcel Reif spricht im Stimme.de-Interview über explodierende Ablösesummen im Fußball-Geschäft und Julian Nagelsmann als möglicher Bayern-Trainer. Gegen Liverpool wird es Hoffenheim richtig schwer haben, meint der Experte.

Von Florian Huber

"Das ist ein obszöner Irrsinn"

Marcel Reif bezeichnet sich selbst als Fußball-Romantiker. Im Interview mit Stimme.de äußert er sich kritisch über horrende Ablösesummen - und bewertet die Chancen der Hoffenheimer im Duell gegen den FC Liverpool. 

 

Herr Reif, wenn man Ihnen für einen Meistertipp 100 Euro zur Verfügung stellt. Wie viel davon setzen Sie auf die Bayern?

Marcel Reif: Ich würde nicht wie in den vergangenen Jahren alles Geld auf die Bayern setzen. Zum ersten Mal seit langer Zeit würde ich 70 Euro auf die Bayern wetten und 30 auf Borussia Dortmund.

 

Warum?

Reif: Die jungen Dortmunder haben sich unter Thomas Tuchel sehr gut entwickelt, unter dem neuen Trainer Peter Bosz haben sie wieder den Spaß am Leben entdeckt. Bei den Bayern gibt es halt einige Baustellen. Es wird dauern, bis sich eine neue Hierarchie gefunden hat, ohne die Giganten Alonso und Lahm. Dann sind Boateng und Neuer noch nicht fit. Zudem haben sie ihr zentrales Problem nicht gelöst: Es gibt keinen Ersatz für Robert Lewandowski.

 

Der wäre auch entsprechend teuer. Und die Preise für Transfers sind mittlerweile abstrus hoch geworden.

Reif: Bitte fragen Sie mich nicht nach der Entwicklung im Fußball. Mein Koordinatensystem gibt diese enormen Summen wie bei Neymar nicht mehr her. Ich finde da einfach keine Worte für.

 

Versuchen wir es trotzdem: Was könnte denn getan werden, um 222-Millionen-Euro-Transfers zu verhindern?

Reif: Auch die Amerikaner haben begriffen, dass man Grenzen setzen muss. Wenn man will, kriegt man das irgendwie geregelt. Das Schlimmste ist ja, es tut keinem wirklich weh. Es wird niemand was gestohlen, dieses Geld ist einfach vorhanden. Eines ist klar: Unsere romantischen Vorstellungen vom Fußball sind hiermit beerdigt. Der Fußball wird herrlich bleiben, es wird weiter wunderschöne Spiele geben. Die Fankultur wie es sie einmal gab, wird aber verschwinden. Es wird ein Eventpublikum ins Stadion kommen, das akzeptiert, dass Fußball Teil des Showgeschäfts ist. Fußball ist wie großes Entertainment zu sehen. Frank Sinatra hat gesungen. Die Beatles auch. Neymar fällt halt jetzt auch in diese Kategorie. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, aber ich bekomme das hin. Meine Söhne haben mir da übrigens geholfen.

 

Inwiefern?

Reif: Meine Söhne schauen gerne NBA. Dort erzählt mir halt keiner was von echter Liebe, von Familie, von Religion. Dort hat man akzeptiert, dass der Sport Teil des Unterhaltungsgeschäfts ist.

 

Sind wir auf dem Weg zu einer Europa- oder Weltliga?

Reif: Noch gibt es zum Glück Menschen, die erkannt haben, dass jede Woche Bayern gegen Real auch nicht werterhaltend für den Fußball wäre. Außerdem ist die Champions League schon eine Europaliga. Man weiß doch schon jetzt, aus welchem Kreis von fünf, sechs Clubs der nächste Titelträger kommen wird.

 

Die TSG Hoffenheim kann zum ersten Mal in diesem Wettbewerb mitmischen. Nehmen die Kraichgauer die Hürde Liverpool?

Reif: Gegen Liverpool hast du eigentlich keine Chance. Aber aus so einer Underdog-Position wie sie Hoffenheim hat, kannst du wunderbar angreifen.

 

Was ist für die TSG in der neuen Saison drin?

Reif: Nagelsmann ist ein prima Trainer, sie haben einen prima Kader. Der Europapokal wird die Hoffenheimer vor allem im Kopf Kraft kosten, aber sie werden eine vernünftige Rolle in der Liga spielen. Es gibt Clubs wie Mainz, Augsburg oder Freiburg, die wissen: Ein kleiner Transferfehler kostet uns vielleicht die Liga. Dort steht man unter wesentlich größerem Druck als bei der TSG Hoffenheim.

 

Ist Julian Nagelsmann schon reif für die Bayern?

Reif: In dem Moment, in dem die Ancelotti-Zeit vorbei ist, ist er natürlich ein Kandidat für den FC Bayern. Nagelsmann beherrscht die komplette Klaviatur, die ein großer Trainer beherrschen muss. Andere haben da mehr Defizite gezeigt. Guardiola zum Beispiel im Zwischenmenschlichen und Ancelotti in anderen Bereichen. Nagelsmann wirkt komplett. Allerdings hat er noch nie etwas gewonnen oder verloren. Wir älteren Menschen wissen doch: Im Leben brauchst du Siege und Niederlagen, um zu reifen, um zu einer richtigen Persönlichkeit zu werden. Er ist auf einem brillanten Weg.

 

Hoffenheim war eine Überraschung der vergangenen Saison. Wer wird das in der neuen Saison?

Reif: Ich befürchte, große Überraschungen werden wir nicht mehr erleben. Leipzig war für mich in der vergangenen Saison auch keine. Gefragt sind in der neuen Saison jene Teams, die in der vergangenen Spielzeit viel zu schwach waren: Schalke, Leverkusen, Gladbach, Wolfsburg. Das sind natürliche Spitzenclubs. Die Hälfte der Liga kämpft gegen den Abstieg.

 

Welchem Kollegen hört der TV-Zuschauer Marcel Reif am liebsten zu?

Reif: Wenn ich jetzt einen nenne, dann heißt das, dass ich die anderen nicht so gerne mag. Das habe ich noch nie gemacht und das Spielchen werde ich auch nicht anfangen.

 

Bei Ihren Kollegen überschlägt sich bei jeder Halbchance die Stimme.

Reif: Sie haben mein tiefstes Mitgefühl. Ich höre halt nicht zu.

 

Wie? Sie schauen Fußball ohne Ton?

Reif: Ich schaue nur aufs Spiel und bewerte nicht die Kollegen. Ich blende das aus, denn ich genieße Fußball nicht mehr als Medienereignis, ich kommentiere ja auch innerlich nicht mit. Ich bin mit dem Kommentieren durch, das ist nicht mehr das, was mich reizt.

 

Sie sind aber immer noch im TV präsent, zum Beispiel als Experte im Doppelpass bei Sport 1.

Reif: Das macht mir auch einen Heidenspaß. Ich kann auf das Ganze ein bisschen aus der Distanz schauen.

 

Auch im Schweizer TV fungieren Sie als Experte für die Schweizer Liga.

Reif: Das ist für einen Fußball-Romantiker wie mich sehr wohltuend. Da gibt es keinen Neymar. Alles ist kleiner, aber beschaulicher, mit wunderbaren jungen Spielern. Dort haben sich die Relationen noch nicht verschoben. Meine Frau ist Krebs-Ärztin und operiert jede Woche. Für das Geld, was sie dort verdient, kriegen Sie keinen defensiven Mittelfeldspieler für die 3. Liga in Deutschland. Das ist ein obszöner Irrsinn.

Eröffnung Leipziger Opernball 2016
Moderator Marcel Reif tanzt mit Eherfrau Marion Kiechle am 10.09.2016 auf dem Opernball in Leipzig (Sachsen). Foto: Candy Welz/dpa