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Abpfiff oder die Karriere nach der Karriere
Von Stefanie Wahl
Fussball - In der kleinen Gruppe fällt er nicht auf. Er trägt die gleiche blaue Hose, die gleiche blaue Jacke und die gleichen Handschuhe wie das halbe Dutzend, das binnen weniger Augenblicke in der schmalen Türe des Schuppens verschwindet. An ihren Mountainbikes, die sie fein säuberlich in die dafür vorgesehenen Halterung stellen, kleben keine Dreckklumpen. Auch die Gesichter der jungen Männer an diesem ungemütlich nasskalten April-Morgen zeugen nicht von einer Kräfte zehrenden Fahrt durch die Hügellandschaft. Dennoch blicken sie ein wenig finster, sind in sich gekehrt. Die Niederlage des Vorabends beherrscht noch immer ihre Gedankenwelt. Ein freundliches „Hallo“ kommt dennoch über die Lippen.
Die Profis des Fußball-Zweitligisten 1899 Hoffenheim auf dem Rad – auslaufen mal anders. Übungseinheiten gibt es heute keine mehr, Trainer Ralf Rangnick hat der Mannschaft frei gegeben. Ausruhen. Entspannen. Vergessen. Energietanken. Motivieren. Erst dann beginnt der Kreislauf von vorn. Trainieren. Vorbereiten. Konzentrieren. Spielen. Nachbereiten.
Auf Abruf Tomislav Maric kennt diesen Rhythmus, er hat ihn verinnerlicht, weil er 15 Jahre lang sein Alltag war. Als Fußball-Profi hat er gesiegt, gejubelt, getroffen, aber auch verloren, verletzt verpasst und verschossen. Noch immer ist der 35-Jährige aus Heilbronn für 1899 Hoffenheim spielberechtigt, doch er ist der einzige im Kader, der in dieser Saison bei einer Zweitliga-Partie nicht eine Minute auf dem Rasen gestanden hat. Tomislav Maric ist Stand-by-Profi. Übersetzt heißt das, er steht auf Abruf bereit. Doch der Sontheimer weiß selbst, dass ihn keiner mehr rufen wird. Auf das Feld und damit auf seinen Arbeitsplatz der vergangenen Jahre.
Tomislav Maric, der Stürmer, hat eine neue Herausforderung. Seit August 2007 zählt er zum Trainerstab seines Vereins, ist voll integriert und involviert. Marics Sonderfunktion ist es, sich um die Offensivkräfte zu kümmern. Ein Mann bastelt an der Karriere nach der Karriere. Den B- und A-Trainerschein hat er bereits bestanden. Das nächste Ziel ist der Fußballlehrer in Köln, „aber dafür habe ich gerade noch keinen Kopf“, sagt Tomislav Maric und lächelt, als ob er sich dafür entschuldigen müsste. Mit 17 war er zuletzt auf der Schule, ehe er seine Lehre zum Industriemechaniker begann. Lange sitzen, lange konzentrieren – momentan sind Marics Tage zu ausgefüllt.
Nach dem Abpfiff folgt bei manchen Fußballprofis ein Loch, nicht selten ist der Fall tief. Tomislav Maric empfindet die Chance des nahtlosen Überganges vom Spieler zum Trainer als Glücksfall. Es ist sein Weg, dem geliebten Fußball erhalten und damit Teil der Familie zu bleiben. „Es ist ein neuer Lebensabschnitt. Ich gehöre zum Team um Ralf Rangnick, Peter Zeidler, Rainer Schrey, Philipp Laux, lerne sehr viel von erfahrenen und erfolgreichen Trainern. Ich versuche mich auch einzubringen“, sagt Maric, „als Spieler siehst du das nicht, aber ein Training bereitest du nicht mal eben in fünf Minuten vor.“ Sie planen, sie diskutieren, sie stimmen sich ab.
Tomislav Maric entdeckt bei einem der Vorzeigeclubs in der Republik eine andere Welt, jene neben dem Rasen. Die subjektive Wahrnehmung des Profis erweitert sich, der Blick richtet sich nunmehr auf das große Ganze. Ein spannender Prozess. „Trainer sein ist eine komplett andere Sache“, meint Maric, „das ist wie bei einem Käufer und einem Verkäufer. Der eine will den Preis drücken, der andere hoch halten.“ Ralf Rangnick, der Cheftrainer, sagt: „Tomi hat den Übergang bisher glänzend vollzogen, wir sind sehr froh, ihn zu haben.“ Weil Maric seine Erfahrungen weitergibt, nahe dran ist an der Mannschaft und daher ein wichtiges Bindeglied.
Authentizität
Auch Jan Schindelmeiser, Manager von 1899 Hoffenheim lobt den ehemaligen kroatischen Nationalspieler für die Art, wie er seine neue Rolle interpretiert. „Tomi hat die Reife, den Übergang zu schaffen. Das spricht für ihn“, sagt Schindelmeiser. „Er hat nun einen völlig anderen Beruf, aber er gibt sich authentisch, das ist das Wichtigste. Er kann ein richtig guter Trainer werden.“ Auch, weil Maric seine Leistung wie schon als Spieler stets reflektiert.
Kicken, das war schon immer das Ding des Tomislav Maric. Als Bub hat der Kroate beim TSV Talheim begonnen, 1994 gab das Talent, das alle nur „Tomi“ rufen, beim Karlsruher SC sein Debüt in der ersten Liga. Im Sommer 2005 wechselte Tomislav Maric nach Japan, holte mit den Urawa Red Diamonds gar den begehrten Tenno-Pokal. Anfang 2006 kehrte er mit Ehefrau Renata nach Heilbronn zurück, unterschrieb beim damaligen Regionalligisten TSG Hoffenheim – mit der Perspektive in den Trainerjob zu wechseln. „Wir haben sehr offen darüber gesprochen und den richtigen Zeitpunkt erwischt. Es gab keinen Stress wegen unterschiedlicher Erwartungen“, sagt Ralf Rangnick. Und das, obwohl der Wechsel früher als geplant gekommen ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, dennoch: Loslassen ist bisweilen ein Akt, der weh tut.
Etappenziele
An manchen Tagen trainiert Tomislav Maric noch mit dem Kader mit. Wissend, dass er nicht mehr jene besonderen atmosphärischen Momente in sich aufsaugen wird, wenn man auf St. Pauli aufläuft. Bis Juni 2009 läuft sein Vertrag, an das Danach denkt er im Moment nicht. Eine Lehre des Lebens. „Ich setze mir immer Etappenziele, schaue nicht zu weit nach vorn.“
Tomislav Maric sitzt im Hoffenheimer Trainingszentrum. Die Mütze hat er längst abgenommen. Ein Profi kommt vorbei, grüßt auf dem Weg zur Kabine. Maric grinst ihn an, dreht den Kopf und sagt: „Als Trainer hast du viel mehr Verantwortung und eine andere Denkweise. Es ist nicht einfach, ein guter Trainer zu sein.“ Zudem: Die Freizeit wird weniger, die Stunden für die Familie knapper. Tomislav Maric verlässt seit Monaten morgens früher das Haus, kommt am Abend später heim, ist dazwischen mehr unterwegs. Kommt er an einem Fußballplatz vorbei, schaut er die Partie an. Na klar, es könnte ein Talent darunter sein. Maric, der Entdecker. Die Zeiten, in denen der Profi in jedem Neuen einen Konkurenten sieht, sind Vergangenheit.
Tomislav Maric ist noch immer fit. Richtig fit. „Ich mache nicht den Larry“, sagt er spaßig und lehnt sich in den Sessel. Dieser Mann kann gar nicht ohne Fußball. Die Leidenschaft ist einfach zu groß. Einst hat er seine Tage zwischen Bolzplatz und Training verbracht, inzwischen steht er in anderer Mission stundenlang auf dem Rasen. Tomislav Maric sagt: „Ich muss für mich rausfinden, ob ich darin aufgehe. Wo meine Zukunft ist, werden mein Herz und meine Seele zeigen.“
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