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Zu Besuch bei den Sanierern des EnBW-Kühlturms in Heilbronn
Von Adrian Hoffmann
Heilbronn - Einfach nicht runterschauen, dann geht das schon. Sind ja nur 140 Meter, die wir nach oben fahren. Justin Thier, 37, nimmt's locker. Der EnBW-Kühlturm ist eine kleine Nummer für den Mann, der darauf spezialisiert ist, Industrieanlagen anzustreichen. „Ach, das ist die Standardhöhe“, sagt er. Neulich, an einem Atomkraftwerk in Frankreich, sei er sogar in 180 Metern Höhe herumgeklettert. Kein Problem, alles easy.
Thier sieht ein bisschen aus wie ein Bergsteiger, nur trägt er statt Wandersocken Helm und Blaumann. Mit einem Karabiner sichert er sich am Metallkorb, den Motoren links und rechts an den Seilwinden nach oben ziehen. Thier drückt auf ein kleines, rotes Knöpfchen - und wird 15 Minuten später den Gipfel erreichen. Eine gute Zeit.
Produktionsleiter Peter Buck im Kühlturm des Heilbronner Kohlekraftwerks: Die Innenwand des 140 Meter hohen Bauwerks wird als Nächstes gestrichen.
Die Taille des Kühlturms ist ein etwas heikler Punkt, jedenfalls für Unerprobte. Der Korb, in dem wir stehen, hängt drei Meter von der Betonwand entfernt in der Luft. Ein komisches Gefühl. „Ach, das ist Gewöhnungssache“, sagt Thier auch hier und lacht. Seine Kollegen, die nebenan baumeln, sind gut gelaunt und winken rüber. Insgesamt sind es vier Metallkörbe, oben eingehängt wie Flaschenzüge, die gleichzeitig genutzt werden können. Für den Bereich in der Kühlturm-Taille gibt es einen speziellen - damit die Maler mit den Rollen die Wand erreichen.
Wer sich übers Geländer lehnt, ist selber schuld. Der Boden wirkt erstaunlich nah, obwohl wir schon die Hälfte hinter uns haben, und es zieht einen fast magisch nach unten.
Arbeiten in luftiger Höhe: Die allesamt schwindelfreien Maler stehen in einem Metallkorb, der an Seilwinden den Kühlturm hinaufgezogen wird.
Den Blick von der Autobahn aus auf den Kühlturm kennt ja jeder. Und die roten Flugwarn-Lichter, die in der Nacht etliche Kilometer weit zu sehen sind. Aber wenige Meter an ihnen vorbei zu schweben, immer höher und höher, das ist doch eine neue Erfahrung. Vorarbeiter Justin Thier macht das mehrmals am Tag.
Mit einem Keilschneidegerät prüft er, ob die Farbschicht dick genug ist. Wie ein Detektiv steht er mit dieser Art Lupe an der Wand. 200 mµ müssen es nach Grundierung und Anstrich sein, das entspricht 0,2 Millimeter. Mittlerweile gibt es sogar einen Lehrberuf für das, was er und seine Kollegen tun: Objektbeschichter nennt sich das korrekt.
Ganz oben geht ein leichter Wind, und der Himmel ist heute noch grauer als der neue Anstrich. Justin Thier schaut vom Kühlturm wie das Kiliansmännchen von der Kilianskirche. Eine schmale Betonwanne verläuft um den Turm, in die Thier über seinen Metallkorb hineinklettert. Der gelernte Dachdecker will dort kontrollieren, ob mal wieder die Bremsen der Räder gelöst werden müssen, mit denen der Metallkorb um den Kühlturm rotiert.
900 Quadratmeter am Tag
Nur bei trockenem Wetter streichen die Männer die Turmwand. Sonst bleibt die Farbe nicht haften. „Bei gutem Wetter hängen wir schon mal eine Stunde Arbeit dran“, sagt Bauleiter Ulrich Kwoczek, der wie Vorarbeiter Thier von der Firma Massenberg aus Essen nach Heilbronn beordert worden ist. „Der verregnete Juli war eine absolute Katastrophe.“
Ein Maler schafft etwa 900 Quadratmeter am Tag. Und das, ohne danach Muskelkater in den Armen zu haben, wie Justin Thier sagt. Bis die Außenfassade des Kühlturms komplett saniert ist, sind rund 28 Tonnen Farbe verbraucht. Also mehrere tausend Zehn-Liter-Eimer, für eine Gesamtfläche von 31 000 Quadratmeter.
Bei so viel Arbeit kann es mal passieren, dass Thier einen Feiertag entdeckt. Feiertag - so nennen die Maler im Fachjargon eine Stelle an der Wand, die vergessen worden ist. „Sowas ist völlig normal auf einer so großen Fläche“, sagt Thier. Außerdem ist sie schnell nachgebessert. Bis Anfang September soll die Außensanierung des Turms beendet sein, danach geht es innen weiter.
Innen wird gesprüht
Wenn der Heilbronner EnBW-Kühlturm in Betrieb ist, herrscht im Innern ein „richtig tropisches Klima“, wie Produktionsleiter Peter Buck sagt. Man kann nur zwei bis drei Meter weit sehen, überall ist dichter Nebel. „Durch die Kaminwirkung zieht es die feuchte Luft raus“, erklärt Buck. „Eigentlich ist es kein Dampf, wie viele denken, sondern es sind sehr, sehr feine Wassertröpfchen.“
Die Karbonisierung innerhalb des Turms sei auffällig. „Es bröckelt langsam“, sagt Buck. Deshalb wird es Zeit, dass die Sanierung fortschreitet. Um innen weiter arbeiten zu können, muss der Turm außer Betrieb sein - momentan, während der Urlaubszeit, ist er das sowieso. Innen wird es zügiger gehen, denn die Arbeiter sprühen die Farbe mit einem Kompressor auf den Beton. Nur die obersten 20 Meter müssen von Hand gestrichen werden. „Außerdem haben wir innen im Turm den Vorteil, dass wir nicht so vom Wetter abhängig sind“, sagt Baustellenleiter Ulrich Kwoczek.
Außen ist das Sprühen dagegen untersagt. Keine Versicherung der Welt übernimmt den Schaden, wenn die Autos in der Umgebung weiße Flecken auf dem Lack haben, erklärt Thier. Wenn gesprüht wird, nimmt der Wind die Farbe mit und verteilt sie schön gleichmäßig über der Region. Als würde es schneien, nur dass sich niemand freut.
Vorarbeiter Justin Thier aus Essen auf dem Weg nach oben: Mit einem Karabiner gesichert, überprüft er das Tageswerk seiner Kollegen.
Momentan sind für die Sanierung am Kühlturm elf Mann im Einsatz. Sie sind geschult und arbeitsmedizinisch untersucht. „Wer hier arbeitet, muss höhentauglich sein“, sagt Ulrich Kwoczek. Unten, am Gerüst, stehen die vielen leeren Eimer Farbe, die im Laufe eines Morgens gebraucht worden sind.
Der Kühlturm in Heilbronn ist seit 1985 in Betrieb. Alle 20 Jahre etwa müsse ein solches Bauwerk saniert werden, sagt Produktionsleiter Peter Buck. „Wir sind also eigentlich ein bisschen spät dran.“
Laut Einschätzung der Maler vor Ort ist man in Heilbronn allerdings im bundesweiten Vergleich immer noch früh dabei. In vielen Kraftwerken saniere man einfach nur die Stellen, an denen es bröckelt - der Rest werde allzu gerne vergessen.
Von der Landschaft kriegen Thier und seine Kollegen beim Anstreichen nicht viel mit. Sie blicken immer nur auf die Wand. Der Metallkorb, in dem sie stehen, ist von einer dicken Farbschicht überzogen, überall bleiben Kleckse zurück. Hinter den Arbeitern ist ein großflächiges Netz gespannt, damit die Farbe nicht meterweit verspritzt. Dort ist auch Platz für etwas sehr Wichtiges: ein Radio. Damit wenigstens gute Musik läuft in 140 Metern Höhe.
Durch den hellgrauen Anstrich passe sich der Turm seiner Umgebung an, sagt EnBW-Sprecherin Maria Dehmer aus Stuttgart. „Die Farbe soll nicht herausstechen.“
Alternativ über die Treppe
Es gibt noch einen zweiten Weg, um an die Spitze zu kommen - über eine schmale Treppe. Das dauert aber länger als per Knöpfchen, und ist anstrengender. Bevor die Sanierung begann, mussten Männer hoch: Sie ließen die Seilwinden hinunter, an denen die Metallkörbe gezogen werden. Die Treppe wird unter anderem auch benutzt, wenn die Flugwarn-Lichter ausgetauscht werden. Mittlerweile verwendet die EnBW Leuchtdioden. „Die haben eine längere Lebensdauer“, sagt Buck.
Wer wieder heil vom Kühlturm runterkommt, ist unter Umständen auch sehr glücklich über seine ganz eigene verlängerte Lebensdauer.
Die Nebelschwaden sind oft aus einigen Kilometern Entfernung zu erkennen. Der sogenannte Naturzug-Kühlturm hat die Aufgabe, das erwärmte Wasser aus dem Turbinenkreislauf aus Block 7 des Steinkohlekraftwerks der Energie Baden-Württemberg AG zu kühlen. Es wird über Düsen in die Luft versprüht, wobei der natürliche Luftstrom dem Wasser die Wärme entzieht. Die Erwärmung der Luft wiederum führt dazu, dass die Dichte abnimmt und die Luft aufgetrieben wird. 250 Liter Wasser werden pro Sekunde dem Neckar entnommen. Der Heilbronner Kühlturm hat einen Umfang von 330 Metern und einen Durchmesser von 105 Metern.
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